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Vom Propheten bis zum Arabischen Frühling – Orient und Okzident zwischen Konfrontation, Kooperation und Korrelation

Die europäische und orientalische Kultur verbindet eine jahrtausendealte Geschichte, die geprägt ist von Krieg, Glaubensfragen und Auseinandersetzungen, aber auch von gegenseitigem Lernen. Empfinden wir heute Europa als modern und die arabische Kultur, ebenso wie die islamische Religion, als rückständig, war es vor 1000 Jahren genau umgekehrt. Medizin, Astrologie, Mathematik, Bauweisen: Viele Dinge, die im Orient selbstverständlich waren, wurden in Europa mit Erfolg übernommen und führten zur heutigen (scheinbaren) Überlegenheit des Westens. Ein kurzer historischer Überblick von Carolin Zeller.

Arabische Öllampen
Arabische Öllampen

Orient?

Zunächst einmal muss man sich klarwerden, welches Gebiet mit dem Begriff Orient gemeint ist. Im Laufe der Jahre hat sich die geografische Grenze immer wieder verschoben. Wurde im ersten Jahrtausend neben den arabischen Ländern auch die übrige asiatische Welt (Indien und China) dazu gezählt, umfasst der Begriff seit den Kreuzzügen Vorderasien und Nordafrika, das Verbreitungsgebiet des Islams.

Daher ist die Bezeichnung orientalisch nicht als geografischer, sondern als kultureller Begriff zu verstehen, der vor allem die arabisch-islamisch geprägten Gegenden meint.

Muhammad und der Islam – Beginn eines Weltreiches

Den wichtigsten Anfangspunkt für die Entwicklung und Weitergabe der orientalischen Kultur bildet der Auftritt des Propheten Muhammad zu Anfang des 7. Jahrhunderts. Der Orient war (und ist in gewisser Weise noch immer) ein Flickteppich der Völker und Stämme: Byzantiner, Mamluken, Berber, Sarazenen, Seldschuken, Araber. Sie alle einte Muhammad als Stifter einer neuen Religion.

Dadurch gab er die entscheidenden Impulse zur Entstehung eines Weltreiches, das heute noch existiert. Gleichzeitig entstand so auch eine politische Macht, die sich über Jahrhunderte nicht nur geografisch, sondern auch kulturell ausdehnte. Die einzelnen Stämme verschwanden mit der Zeit und das arabische Volk wurde unter dem Zeichen des Islam geboren. Mit der Ausdehnung der arabischen Welt kam es auch zu Berührungen mit anderen Kulturen. Das für Juden, Christen und Moslems gleichermaßen »Heilige Land« brachte ein Nebeneinander der Kulturen und ihre Korrelation mit sich. Erste Beziehungen zwischen Morgenland und Abendland kamen anfangs vor allem durch Pilger auf, die den weiten Weg nach Jerusalem auf sich nahmen und bei ihrer Rückkehr nicht nur Geschichten über die fremde Kultur, sondern auch Waren wie Stoffe, Waffen und Früchte mitbrachten.

Die ersten so entstandenen Handelswege dehnten sich schon bald zu einem weit verzweigten Handelsnetz aus, das das abendländische Europa konstant mit dem Orient verband. In der Bevölkerung hielten sich dabei Ablehnung und Billigung die Waage. So wurde alles, was exotisch, seltsam und köstlich war, im Abendland als orientalisch bezeichnet.

Die Schlüsselstelle für die Handelsbeziehungen zwischen Morgenland und Abendland bildete das Mittelmeer mit seinen Küsten und Häfen, zu den wichtigsten man hier Venedig und auch Palermo auf Sizilien zählen muss.

Was folgte, war ein reger Austausch der Kulturen, bei dem die Überlegenheit der orientalischen Welt deutlich sichtbar wurde. Medizin, Astrologie und Mathematik, die für arabische Gelehrte Standard waren, wurden so auch ins Lateinische übersetzt und ihr Wissen dem Abendland zugänglich gemacht.

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Der Sonderfall Spanien: »Al-Andalus«

Betrachtet man den arabischen Einfluss auf die europäische Kultur, zeigt sich, dass vor allem im Gebiet des heutigen Spaniens, viele Zeugnisse der arabischen Kultur die Zeit überdauert haben. Dies hängt mit der Arabisierung der Iberischen Halbinsel zusammen. Bereits zu Beginn des 8. Jahrhunderts drangen arabisch-muslimische Eroberer per Schiff bis nach Gibraltar vor und verdrängten bis zum Jahr 716 die Macht der christlichen Westgoten bis auf wenige Gebiete im Norden und Nordwesten völlig.

In den nächsten Jahrhunderten lebten Christen und Muslime gemeinsam, wenn auch nicht gleichberechtigt, nebeneinander und übernahmen viele Gewohnheiten der »fremden« Kultur, u. a. das Arabische als zweite Volkssprache. Cordoba wurde so zum »Athen seiner Epoche«, mit mehr als 300 Büchereien, 600 Moscheen und des höchsten Alphabetisierungsgrad in Europa. Erst Ende des 15. Jahrhunderts endete die politisch-militärische Kontrolle Spaniens mit dem erfolgreichen Abschluss der Reconquista.

Die Kreuzzüge – negativer Höhepunkt der Beziehung zwischen Morgen- und Abendland

Einen negativen Höhepunkt erlebte die Beziehung zwischen Orient und Okzident in den Jahrhunderten zwischen 1095 und 1291 mit den Kreuzzügen. Dem Aufruf Papst Urbans II. »Deus le volt« (Gott will es) auf der Synode von Clermont folgten tausende Kreuzfahrer. In den folgenden zwei Jahrhunderten gab es insgesamt sieben Kreuzzüge, die mehrere tausend Todesopfer, auf orientalischer wie okzidentalischer Seite forderten. In diese Zeit fällt auch die Gründung der christlichen Ritterorden, die – ironischerweise – nach arabisch-muslimischem Vorbild lebten.

Mit dem Ende der Kreuzzugsära ging die Herrschaft über den Orient endgültig von christlicher in muslimische Hand über. Trotzdem wurde Christen und Juden der Zugang zu den »Heiligen Stätten« gewährt, die Verbindung zwischen den Kulturen wurde bewahrt und darüber hinaus auch angefangen, sie zu fördern.

Die Kreuzzüge machten deutlich, dass es, für ein besseres Mit- und Nebeneinander, unumgänglich war, sich näher mit der Kultur der arabischen Welt zu beschäftigen. Von daher wurde im Konzil von Wien 1312 zunächst die Gründung von Instituten für orientalische Sprachen u. a. in Paris, Rom, Oxford, Toledo und Bologna beschlossen.

Machtwechsel – Das Osmanische Reich und die Europäisierung der Welt

Ab dem 14. Jahrhundert gingen der Einfluss und die Ausdehnung des arabischen Machtbereiches langsam zurück. Der Fürst Osman wird zum Namenspatron einer Großmacht, die in den nächsten Jahrhunderten mit ihren Eroberungen die Welt in Atem halten wird. Die Türken werden mit der Staatsreligion des Islam zum »Erbfeind« stilisiert.

Gleichzeitig wächst im Europa der Neuzeit die Faszination für fremde Länder. Der Ausbau der christlichen Seefahrt durch Columbus, Diaz und da Gama brachte Europa neue Länder und Absatzmärkte, was schließlich zum Wettlauf der europäischen Großmächte um Kolonien und Imperien führte.

Neue Betrachtungsweisen – Napoleon und die europäische Klassik

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erreichte die Auseinandersetzung mit dem Islam und der arabischen Welt eine neue Wende. Begründet liegt dies in Napoleons Feldzug in Ägypten von 1798. Dies war der erste Übergriff auf die Kernländer der arabischen Welt seit den Kreuzzügen. Auch wenn Napoleons Feldzug schon ein Jahr später vor den Mauern Akkons scheiterte, so zeigte seine Einnahme Ägyptens, eines strategisch wichtigen Knotenpunktes, dass Europa sehr wohl in der Lage war, die orientalische Welt anzugreifen.

Durch die in den nächsten Jahren ausgebaute und gefestigte Herrschaft Napoleons in Europa, kam es zu einer neuen Beschäftigung mit der orientalischen Welt und Kultur. Werke wie Goethes »West-östlicher Diwan« entstanden und allmählich etablierte sich die Orientalistik als Wissenschaft an deutschen Universitäten. Mit dazu bei trug auch der Ausbau der Infrastruktur: Reisen in ferne Länder waren durch Schiff und Eisenbahn nun leichter zu bewerkstelligen. Der Orient-Express, der erstmals 1883  zwischen Paris und Istanbul verkehrte, steht als Sinnbild für den Prunk und den Luxus der orientalischen Welt.

In Anknüpfung an diese Beschäftigung gründeten sich in der Folgezeit mehrere Gesellschaften, die sich mit der orientalisch-arabisch-islamischen Kultur auseinandersetzten: Die Deutsche Morgenländische Gesellschaft 1845, die Deutsche Orient Gesellschaft 1898, die Deutsch-Arabische Gesellschaft 1966 und 2004 die Internationale Orient-Okzident Gesellschaft.

Orient und Okzident heute

Der heutige Orient, auch wenn er kaum noch so genannt wird, umfasst die — meist — islamisch geprägten Länder Türkei, Iran, Irak, Ägypten, Israel sowie die arabische Halbinsel. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges begann eine neue Phase der Internationalisierung der Welt. Doch auch wenn sich die geografischen Grenzen der Länder strenger und eindeutiger definierten, sie verschwimmen, was die Kulturen anbelangt. Viele Menschen wanderten in die europäischen und amerikanischen Länder aus und schufen so eine internationale Kultur, die geprägt ist von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen, aber auch der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte.