Ausstellungsbesprechungen

Von der Fläche zum Raum – Malewitsch und die frühe Moderne, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden

Ernsthaft kann kein Künstler eine Stunde Null ausrufen. Wenn ein Maler wie Kasimir Malewitsch diesem Faktum trotzt und behauptet: »Ich war am Anfang aller Anfänge«, hat er natürlich Unrecht. Doch 1918, als der rundum selbstbewusste Schöpfer der »nackten Ikone (unsrer) Zeit« den Satz in die Welt rotzte, war die Welt nicht nur in Russland auf radikale Neustarts fixiert.

Wichtig für die Kunst Malewitschs war, dass es zumindest theoretisch ein Anfang hätte sein können: ein schwarzes Quadrat auf weißem Grund, weiter zurück bzw. in sich hinein ging es nicht – zumindest nicht mit herkömmlichen Mitteln und Techniken. Und dabei muss man sich immer wieder vor Augen führen, dass dieser bildgewordene Ausstieg aus der Tradition des Gegenstands ganz brav und außerordentlich solide gemalt war. Das Schwarz fällt ja nicht absolut schwarz aus, das Weiß nicht weiß, und überhaupt: Die abstrakte Kunst lag in der Luft – Monets Heuhaufen-Bilder, Turners Nebel-, Eisenbahndampf und Wolkenbilder wiesen den Weg. Trotz alledem war es eine Revolution, dauerhafter als die politische, die Stalin zunichte machte, eine Revolution, die die Kunstwelt über die Grenzen hinweg erfasste. Eine Huldigung der geometrischen Grundformen, ja tatsächlich: die Erhebung einer sozialutopischen Ratio zur »nackten« Ikone war neu. »Vielleicht«, so Malewitsch (nach Iwan Kljun, um 1942), »werde ich Patriarch irgendeiner neuen Religion«.

Die badische Ausstellung, die mit der Schau zuallererst das 100.jährige Jubiläum der eigenen Kunsthalle feiert, greift hierbei nicht nach dem globalen Wirkkreis, verhebt sich nicht im Name-dropping, sondern bleibt dicht am Protagonisten dran und lässt die suprematistischen und konstruktivistischen Experimente nicht ins Uferlose entgleiten (die niederländische De-Stijl-Bewegung oder das hier immerhin latent vorkommende Bauhaus etwa hätten – auch ideologisch – aus ganz anderer Richtung Schützenhilfe geben können usw.). So geht es , die große Zeit von Dostojewski, Turgenjew & Co. lässt grüßen, vorwiegend russisch bzw. osteuropäisch (insbesondere ungarisch) zu in Baden-Baden – Erich Buchholz, Walter Dexel und Kurt Schwitters bestätigen die Regel, Rudolf Wilde sowieso – : So treten darüber hinaus und neben Malewitsch Nathan Altmann, Natalja Danko, Wassily Kandinsky, Lajos Kassák, Ivan Kljun, Gustav Kluzis, Sinaida Kobylezkaja, Nikolai Lapschin, El Lissitzky, László Moholy-Nagy, Ljubow Popowa, Alexander Rodtschenko, Olga Rosanova, Grigori Simin, Nikolai Suetin, Vladimir Tatlin, Ilja Tschaschnik und Sergei Tschechonin auf. Die stärksten Arbeiten stammen von El Lissitzky, der wesentlich am Brückenschlag vom russischen Suprematismus zu den verwandten Strömungen in Westeuropa beteiligt war, der – auf Betreiben Malewitschs – die malerische Theorie ins Plastische umsetzte (mit den Proun-Arbeiten) und der Typografie wichtige diesbezügliche Impulse gab. Das lässt sich in der Baden-Badener Schau gut nachvollziehen, wo etliche Rekonstruktionen und dokumentarische Fotos raum-plastischer Werke, auch manche der anderen genannten Künstler (Rodtschenko, Tatlin u.a.), zu sehen sind.

Mit – segensreicher – (Selbst-)Ironie ließ sich der Hannoversche Dada-Einzelkämpfer Kurt Schwitters auf Malewitsch ein, den er für seine Merz-Kunst reklamierte: »Der Kritik würde ich vorschlagen ... zu schreiben, ich wäre von Moholy, Mondriaan und Malewitsch beeinflusst, denn wir leben im Zeitalter des M, siehe Merz. Man nennt das Monstruktivismus.« Malewitsch bekam allerdings auch – gerade bei unmittelbaren Schülern – ernsthaften Kultstatus, was den revolutionären Elan gelegentlich zum Stillstand brachte. So malte Nikolai Suetin Anfang der 1920er-Jahre ein »Schwarzes Quadrat«, das unverhohlen den väterlichen Meister zitierte, aber in der Konsequenz auch die eigenhändige Kopie Malewitschs von 1929 (die in Baden-Baden hängt) nicht erreicht; Suetin war es auch, der 1935 Malewitschs Begräbnis organisierte und als Grabmal einen weißen Würfel mit schwarzem Quadrat auf das Grab stellte. Überraschend sind dann aber doch die Seitentriebe im weiteren Kunstgeschehen, die bislang weniger bekannt waren: allem voran die Porzellanarbeiten aus der Staatlichen Manufaktur Petrograd/Leningrad, darunter ein kühnes Schachfiguren-Ensemble mit Arbeitermotiven. Selten wurde die Einflusssphäre des Suprematismus-Gurus vom Rednerpult bis zur Schachfigur so sachkundig und kurzweilig vorgestellt. Und das Quadrat? Es lebt, seine minimalen Abweichungen vom bloßen Konstrukt machen es zum Meisterwerk, bis heute gültig. Mit dieser Landesausstellung stellt sich die Kunsthalle in Baden-Baden ins beste Licht.