Ausstellungsbesprechungen

Von Houdon bis Rodin, elegant // expressiv

Geht man gefühlsmäßig nach den Gegebenheiten unserer Vorstellung von der französischen Plastik aus, beginnt dort die Geschichte mit Rodin und ist damit auch fast schon wieder am Ende (was diesen Teil angeht, ist es nicht einmal zu verdenken: Brancusi, Zadkine, Tinguely sind ja streng genommen keine Franzosen). Die Kunsthalle in Karlsruhe betreibt nun regelrecht Aufklärung und präsentiert die Entwicklung der Skulptur in Frankreich von Houdon bis Rodin. Es ist mit Fug und Recht eine der eindrucksvollsten Ausstellungen des Jahres im süddeutschen Raum.

Denn erstens zeigt die Schau, dass auch Ausnahmekünstler wie Rodin nicht aus dem Nichts kamen, sondern auf einem guten Boden gediehen; zweitens ist die pure Fülle der gezeigten Arbeiten atemberaubend – mehr als 160 Arbeiten von über 30 Künstlern sind vertreten –; drittens überzeugt das Konzept, das es dem Betrachter ermöglicht, in spannende Dialoge zwischen jenen im Titel genannten eleganten und expressiven Positionen zu treten und mit Vergnügen durch die Geschichte des Nachbarlandes geführt zu werden; und nicht zuletzt wird der Betrachter viertens bekannten, aber in der Darbietung einmaligen Werken begegnen – man denke an die »Berühmtheiten des juste Milieu« von Honoré Daumier.

 

Die Ausstellung gliedert sich in fünf Abschnitte: »Das Ideal der Antike um 1800«, »Wider die Antikennorm nach 1830«, »Wunschbilder ferner Zeiten und Länder nach 1830«, »Auf neuen Wegen nach 1871« und »An der Schwelle zur Moderne um 1900«. Noch nie wurde in Deutschland dieses Jahrhundert mit einem solchen Elan vorgestellt, begleitet zudem mit einem vorzüglichen Katalog, der mutmaßlich unerreichbar über Jahre hinaus die Maßstäbe setzt bei der Einschätzung der französischen Plastik vor Rodin. Was für die Malerei längst gültig ist, muss auch für die Skulptur bewusst gemacht werden. Das heißt, die enorme Bedeutung für die europäische Kunst kann vom Besucher der Megaschau getrost unterstrichen werden. Bis zum Kragen ist der Kunsthallenbau gefüllt mit teilweise nie öffentlich gezeigten Plastiken aus privaten französischen Sammlungen.

 

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Unterstellt man, dass der Denkmalkult des 19. Jahrhunderts auch und gerade in Frankreich so schauderhafte Züge entfaltete wie jenseits des Rheins in Deutschland, fallen die stillen Figurengruppen genau so auf wie auch die sozialkritischen, meist in satirischen Darstellungen verpackten Töne, die selbst den typisch französischen Vive-la-France-Nationalismus abmildern. Und wer noch nicht die Möglichkeit hatte, das Werk Houdons zur Kenntnis zu nehmen, hat hier die Chance, einen der bedeutendsten Porträtplastiker des vorletzten Jahrhundert kennen zu lernen. Selbst da, wo scheinbar geläufige »Handschriften« zu sehen sind, kann man beeindruckende Entdeckungen machen. So führt die Andromache-Büste von Francois-Dominique-Aimé Milhomme im Sockel unscheinbare Reliefs auf, die – betrachtet man die lineare, modern anmutende Darstellung des gefallenen Hektor – weit über den Melancholiebegriff der Zeit hinausweisen (der sich im Antlitz Andromaches allerdings dadurch verstärkt). Überhaupt hält die Moderne hier und da ihren Einzug, und das Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Arbeiten von Auguste Préault – »Massaker« von 1834/59, »Das Schweigen« von 1842 – tragen den Expressionismus schon in sich und könnten als Jahrhundertwendekunst durchgehen.

 

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Zahlreiche Künstler dürften in Deutschland erst mit dieser Ausstellung ins Bewusstsein rücken. Als grandioses Beispiel sei hier nur das Werk Jean-Pierre Dantans genannt, dessen ironischer Zug an Daumier erinnert, der somit nicht länger als Solitär in der Kunstgeschichte steht – was seine Bedeutung nicht schmälert, das Umfeld aber erfreulich erweitert, nimmt man anonyme Arbeiten dazu wie die froschige Sappho-Persiflage nach Fratin (selbst da wartet die Karlsruher Schau mit Rundumblicken auf: Pradiers zugleich geschaffene Sappho rückt das ehrwürdige Dichterinnenbild wieder gerade). Und wenn man schon dabei ist, das Umfeld Daumiers in seinem Reichtum zu erfassen, sieht man dankbar das »ernsthafte« Werk des Graphikers und Bildhauers im unmittelbaren Vorgriff auf Rodin: etwa das – aus Bremen stammende! – Relief mit den »Flüchtlingen (oder: Die Emigranten)« von etwa 1860. Wohin man blickt, sind Querverweise drin, die das Bild der französischen Kunst verfeinert und erweitert – auch hier nur ein weiteres Beispiel: Meunier (na ja, ein Belgier zwar) ist weitgehend bekannt, gerade auch aus Karlsruher Beständen, aber zu entdecken ist Aimé-Jules Dalou, der mit seinem »Großen Bauern« sein Engagement für die hart arbeitenden Menschen seiner Zeit zeigt. Dalou steht hier auch stellvertretend für die sprechende Leitidee der Ausstellung; sein Porträt von De Lavoisier ist durchaus elegant, den Pferdehändler stellt er fast zeitgleich in einem expressiven Naturalismus dar.

 

So kann man schwelgen in einer Ausstellung, die nichts vermissen lässt, die auch nicht verkrampft ein neues Licht auf die Kunst des Nachbarlandes werfen will – am Ende bestehen die Sternstunden der europäischen Plastik auch dann, wenn die Vorläufer und der Boden, aus dem sie sich erheben, benannt werden können. Unerreicht nach wie vor der Wahlfranzose Medardo Rosso mit seinem »Kind in der Sonne« und überhaupt der Künstler, der den Schlussakkord der grandiosen Schau setzt: Auguste Rodin.

 

 

 

Öffnungszeiten

Dienstag bis Freitag 10–17 Uhr

Samstag bis Sonntag 10–18 Uhr

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