Ausstellungsbesprechungen

Von Leonardo fasziniert: Giuseppe Bossi und Goethe, Schiller-Museum Weimar, bis 13. November 2016

Ein authentischer Leonardo, gleich drei Kopien seines Abendmahls und zahlreiche von der Kunst Italiens inspirierte Werke erwarten die Besucher des Schiller-Museums in Weimar. Mit Giuseppe Bossi präsentiert die Klassik Stiftung hier einen weiteren Schatz aus ihren Beständen, der durch seine wunderbaren Zeichnungen beeindruckt. Stefanie Handke hat sich die Schau angesehen.

Das Highlight der Ausstellung ist nur wenige Tage zu sehen: Ein echter Leonardo darf aus konservatorischen Gründen nur eine Woche lang im Schiller Museum gezeigt werden, ehe er wieder ins Depot wandert. Dabei handelt es sich um ein Manuskriptblatt mit anatomischen Zeichnungen samt Notizen – ein Hinweis auf da Vincis Sektionen, die eigentlich verboten waren. Wer es sehen will, muss also schnell sein!

Dabei ist das Blatt eigentlich nur ein spektakuläres Beiwerk, das zurückhaltend präsentiert wird. Nichtsdestotrotz verweist es doch auf den Kern der Ausstellung: Giuseppe Bossis Durchzeichnungen des »Abendmahls« von da Vinci. Sie verraten das Genie des Künstlers, der sein ganzes Können in solcherlei Kopien zeigte. Zugleich ist die Präsentation des Bestands Anlass zur Reflektion über den Kulturtransfer zwischen Weimar und Mailand im (langen) 19. Jahrhundert, die mit den Bossi-Ankäufen ihren Anfang nahm.

Diese bekam Großherzog Carl August auf seiner Reise nach Mailend 1817 eigentlich recht günstig und erwarb sie dank einer Mischung aus günstigem Preis und Kennerschaft. Der Grund: Die Zeichnungen, die er erwarb, waren politisch »kontaminiert«. Bossi hatte ursprünglich im Auftrag von Eugène de Beauharnais, dem Stiefsohn Napoleons und damals Vizekönig von Italien, diese zahlreichen Zeichnungen angefertigt. Sie sollten die Grundlage für eine Gemäldekopie sowie ein Mosaik sein. Nichtsdestotrotz erwarb Carl August, der erklärte Feind Napoleons, diese Werke, stellte hier politische Gründe also zurück und ließ sich stattdessen ausschließlich von künstlerischen Gesichtspunkten leiten. Seinen Berater in Kulturangelegenheiten, den nicht mit nach Mailand gereisten Goethe, überzeugte der Großherzog damit, denn die Ausstellung der Bossi-Zeichnungen im Atelier Ferdinand Jagemanns in Weimar inspirierte ihn zum Aufsatz »Joseph Bossi ueber Leonards Da Vinci Abendmahl in Mailand«.

Die künstlerische Qualität der insgesamt 71 Lucidi, der Durchzeichnungen des Abendmahls war dabei sicherlich ausschlaggebend: Bossis auf Büttenpapier angefertigte Rötelzeichnungen sind ebenso ausdrucksstark wie die Originale. Ja, Originale! Der Erhaltungszustand des »Abendmahls« ließ nämlich zu wünschen übrig, sodass sich der Künstler an drei bedeutende Kopien des berühmten Werkes hielt und seine Studien danach fertigte. Als Vorlagen dienten ihm die Kopien von Marco d’Oggiono, Pietro Luini und Andrea Bianchi. Diese sind gemeinsam mit den Zeichnungen in der Ausstellung zu sehen: An die Wand projiziert ermöglichen sie die Zuordnung der Bossi-Werke zu einzelnen Stellen der Vorbilder. Die Bossi-Bilder selbst sind so zueinander angeordnet, dass die Personenkonstellation der des jeweiligen Originals gleicht. Das hätte Bossi sicherlich gefallen, denn er selbst wollte Leonardos Werk wieder zusammensetzen Hierfür wählte er jeweils die seiner Ansicht nach dem Original am nächsten stehenden Teile als Grundlage aus und schuf hiervon wunderbare Rötelzeichnungen. Präzise sind diese, ebenso lebensnah wie das Original und übersetzen die leuchtenden Farben des Secco-Gemäldes eindrucksvoll ins Grafische. Dass Goethe davon begeistert war, ist verständlich. Zugleich stehen die Rötelzeichnungen exemplarisch für Giuseppe Bossis Beschäftigung mit Leonardo da Vinci, dem er auch ein wissenschaftliches Werk widmete.

Weniger detailliert ausgeführt, dafür aber bestens geeignet für einen Einblick in Bossis Arbeitsweise sind die Vorbereitungsskizzen und -zeichnungen für seine Variante des »Parnass«. Der eigentliche Karton ist heute verloren, insgesamt zehn Vorzeichnungen geben aber Aufschluss über seine Arbeit am Werk. Darüber hinaus bietet die Ausstellungen weitere Durchzeichnungen nach Vorbildern aus der Ambrosianischen Bibliothek, in der Giuseppe Bossi zahlreiche Vorlagen fand, an denen er seine Kunst üben konnte. Doch nicht nur diese Zeichnungen Bossis erwarb Großherzog Carl August in den folgenden Jahren, auch Medaillen, Bücher oder andere Werke aus Bossis Sammlung.

Das Werk Bossi gibt so Anlass zu einer Beschäftigung mit den Beziehungen zwischen Weimar und Mailand im 19. Jahrhundert. Denn in der Zukunft schickte der Großherzog etwa Friedrich Preller d.Ä. nach Mailand und Rom zum Kunststudium. Nach seiner Rückkehr nach Weimar baute der ein Zentrum der spätklassizistischen Kunst in Weimar auf und die Italienrezeption sollte bis zum Ersten Weltkrieg die Kunst in Weimar prägen. So finden sich neben Gemälden wie Prellers »Ansicht von Lecco« oder Bonaventura Genellis »Dryade« italienische Landschaften von Carl Maria Nicolaus Hummel, Max Schmidt oder eine Gorgone Giulio Aristide Sartorios auch ein Böcklin und Aktzeichnungen Sascha Schneiders. Mit ihnen zieht die Ausstellung eine Linie durch das gesamte 19. Jahrhundert. Insbesondere finden sich dabei antike und italienische Bildmotive, aber – etwa bei Schneider – auch Bezüge zum antik-klassizistischen Körperideal. Der zugehörige im Sandstein Verlag erschienene Katalog beleuchtet diesen Einfluss noch einmal eingehend und bietet so eine gute Ergänzung zur Schau. Er übernimmt die Zuordnung der Zeichungen zu den einzelnen Abendmahls-Kopien und ermöglicht dank dieser Zuordnung, die Ausstellung wirklich mit nach Hause zu nehmen. Obendrein rekonstruiert Kuratorin Serena Zaraboni hierin die Ankäufe aus dem Nachlass Giuseppe Bossis, sodass sich eine Geschichte der Mailand-Beziehungen des klassischen Weimar nachvollziehen lässt.

Damit ist die Ausstellung mehr als nur eine monographische Schau, sondern setzt den Titelgeber Bossi an den Beginn einer (spät-)klassizistischen Tradition der Kunst in Weimar. Dessen Zeichnungen aber bilden zu Recht den Schwerpunkt der Schau, den die in kontrastierendem Blau gehaltenen Wände bestens in Szene setzen. Auch wenn die Ausstellung keine Massen anziehen wird, so wird sie doch ihre Liebhaber finden – ob mit oder ohne Leonardo.