Reiseberichte

Von Litauen nach Uruguay

Montevideo ist eine ganz andere Stadt als der zehnfach größere Moloch auf dem südlichen Flussufer, als Buenos Aires, denn Montevideo ist viel zivilisierter, überschaubarer und ruhiger. Wo man sich in Buenos Aires mühsam durch die Straßen schiebt, da kann man in Montevideo entspannt spazierengehen, und einige sehenswerte und stille Plätze liegen nur wenige Gehminuten auseinander. Besonders schön und für Europäer interessant sind die zwei den Malern Joaquin Torres García und José Gurvich gewidmeten kleinen Museen, die sich direkt in der pittoresken Altstadt befinden. Stefan Diebitz hat sie besucht.

Montevideo, Palacio Salvo © Foto: Stefan Diebitz Wandbild im Casapueblo © Foto: Stefan Diebitz Casapueblo © Foto: Stefan Diebitz José Gurvich, Homenaje al Kibutz, 1964-65 © Museo Gurvich
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Fast alle südamerikanischen Metropolen sind im streng geometrischen Schachbrettmuster aufgebaut, so dass man nur die je hundert mal hundert Meter großen »Quadras« zu zählen braucht, um sich zu orientieren. Auf der anderen Seite aber lassen alle diese Städte – und so auch Montevideo – jede Struktur vermissen, denn hohe Häuser finden sich direkt neben flachen, Prunkbauten sind Bauruinen benachbart, verspiegelte Bankpaläste ragen neben Garagenhöfen in die Höhe, so dass es bei einem flüchtigen Blick aus Auto- oder Busfenster überhaupt nicht möglich ist, sich zu orientieren. So etwas wie Städteplanung scheint weitestgehend unbekannt, und das hatte fatale Folgen für das Stadtbild einer Metropole, die einstmals prächtig gewesen sein muss mit ihren von zahlreichen Türmchen gekrönten Jugendstilgebäuden.

Wenn Argentinier Uruguayer nachmachen, dann spreizen sie ein wenig den linken Arm ab. Unter den linken Arm hat nämlich der Uruguayer an sich eine Thermoskanne geklemmt, aus der er jederzeit heißes Wasser in seinen Matebecher nachschütten kann. Anders als Argentinier trinken Uruguayer immer und überall Mate, ganz besonders aber, wenn sie abends auf der Rambla spazierengehen und den Sonnenuntergang genießen.

Ein Fixpunkt ist in Montevideo der »Palacio Salvo«, der ab 1922 in den runden Formen des »estilo modernismo« errichtet wurde. 1928 eingeweiht, war der Palacio mit 105 Metern für einige Jahre das höchste Gebäude Südamerikas. Heute kann man ihn sehr leicht von der Rambla aus, aber auch aus anderen Stadtteilen und natürlich aus dem Flugzeug erblicken. So weiß man immer, wo man ist. Aber auch seine Pracht ist vergangen, und das gilt nicht allein für seine Fassade, denn wenn der Blick von außen nicht täuscht, dann stapelt sich hinter manchem Fenster der Müll. Und das unmittelbar am palmenbestandenen Hauptplatz der Stadt, der Plaza Indepedencia, wo auch der Staatspräsident seinen Sitz hat!

Man kann vom Palacio Salvo aus die Avenida 18 de Julio entlanggehen, bis man zu einem auch mit europäischen Kunstwerken versehenen kleinen Museum im Palacio Municipal kommt – davor steht niemand geringerer als Michelangelos David, wenngleich natürlich nur in einer Nachbildung. Viel interessanter aber ist der Cementerio Central, der einige hundert Meter entfernt in Richtung Atlantik liegt - ein im barocken Schwulst protzender, von hohen Mauern umgebender und von schönen Palmen und Zypressen beschatteter Friedhof. Die Denkmäler, teils in der Form gotischer Kirchen oder antiker Monumente errichtet, künden weniger von gutem Geschmack als von der Eitelkeit der Familien, die hier ihren Reichtum ausstellen.

Eines der Denkmäler nennt sich tatsächlich Panteón. Die weniger gut Betuchten müssen sich mit einer hohen Mauer zufriedengeben, in der die einzelnen Gräber eingelassen werden, viele mit einem Bild des Verstorbenen und allerlei liebevollen Nippes, der an Beruf oder Charakter des Toten erinnern soll. Dem LKW-Fahrer etwa gibt man einen Spielzeuglaster mit auf den Weg. Derartige Gräber nennt man »nichos«, eine solche Mauer »la pared con nichos«. Oft befinden sich die Nichos in einem beschämenden Zustand und sind halb oder ganz verfallen.

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Der vielleicht bekannteste Künstler Uruguays – in seiner Popularität, aber auch in seiner Kunst wohl am ehesten mit Friedrich Hundertwasser zu vergleichen – ist Carlos Páez Vilaró, ein höchst produktiver und umtriebiger Maler, der auch als Filmschaffender, Bildhauer und Architekt tätig geworden ist. Etwas südlich von Punta del Este, dem beliebtesten Badeort Uruguays, erwarb er ein Grundstück auf einer Klippe über dem Meer, um dort, wie immer wieder betont wird, »ohne jeden Plan« und auch ohne die Hilfe eines Architekten im Laufe der Jahre ein großes weißes Gebäude zu errichten, das »Casapueblo«, zu dem man heute busweise die Touristen karrt, die dann durch die oft runden, sich auf den verschiedensten Ebenen befindlichen Räume geschleust werden. Zum Schluss kauft man ein T-Shirt oder einen Becher, und man kann nur vermuten, dass der Umsatz gewaltig ist. Immerhin, die Bilder Vilarós und auch sein weißes Haus sind sehr dekorativ, aber es fehlt seiner Kunst an Tiefe und wohl auch an Ernst. So richtig überzeugt war ich nicht, obwohl ich mir ein T-Shirt kaufte.

Ganz anders zwei Künstler, zu denen man nicht so weit zu fahren braucht, denn ihre Museen befinden sich direkt in der Peatonal Sarandi gleich am Anfang der Altstadt sowie an der Plaza Matriz wenige Meter weiter.

Joaquin Torres García (1874–1949), ein Vertreter des »universalismo constructivo«, war nicht allein ein bedeutender und weltweit angesehener Künstler, der besonders in Barcelona, wo er lange lebte, noch heute sehr geschätzt wird (zuletzt gab es eine Ausstellung in der Galería Sala Dalmau im Herbst 2012), sondern er war vor allem dank seiner Persönlichkeit für die Kunst Uruguays enorm wichtig – einfach als Lehrer und Leiter einer Werkstatt, in der er nach seiner Rückkehr aus Europa eine ganze Reihe bedeutender Künstler nach den von ihm selbst formulierten Grundsätzen des Konstruktivismus ausbildete. Für ihn war Kunst ein Widerspiel aus Zeichnung und Proportion; die Zeichnung sei Erfindung, erst die Proportion aber gebe der Fantasie die rechte Ordnung.

Mich faszinierte bei einem ersten Rundgang vor allem die Vielfalt seines Werkes. Die Arbeiten seiner europäischen Zeit sind größtenteils dem Jugendstil zuzuordnen, wenngleich sich hier auch schon die Anfänge einer Konzeptkunst finden. Die vielleicht wichtigste seiner Arbeiten scheint immer noch das »Palau de la Generalitat«, ein feierliches Jugendstilwerk in Barcelona. In Europa ließ er sich auch von den Großen der europäischen Kunstgeschichte inspirieren, zum Beispiel von Brueghel und Bosch.

In seiner uruguayischen Zeit nach seiner Rückkehr 1934 dagegen bemühte er sich vor allem auch um eine spezifisch südamerikanische Kunst mit zahlreichen indigenen Motiven. Witzig ist seine umgedrehte Landkarte des Kontinents – er meinte (und wohl auch zu Recht!), dass sein Norden der Süden ist, und so muss man auf seiner Karte Kap Hoorn ganz oben suchen. Torres García gründete eine Werkstatt und eine Zeichenschule und wurde damit für die Kunst Uruguays eine zentrale Figur.

Viele seiner konstruktivistischen Werke sind horizontal wie vertikal in Rechtecke gegliedert, was so etwas wie Ordnung suggeriert (oder auch wirklich darstellt) – die Ordnung einer Schrift, einer Komposition oder auch einer quadratisch geplanten Stadt in Südamerika –, und zeigten eine Vielfalt von Motiven. Viele dieser Motive sind geometrisch, und die Bilder sind mit einer Fülle von Symbolen durchsetzt, von denen einem Europäer besonders die indigenen auffallen. Torres García verstand unter dem Künstler einen Schöpfer von Symbolen (»un creador de símbolos«). Es finden sich aber auch Begriffe (meist solch allgemeine wie »hombre« oder »sol« oder auch Zahlen), und man sieht sowohl abstrakte wie gegenständliche Bilder. Manche von den älteren Werken sind sogar ganz konventionell und zeigten etwa eine Hafenszene, in die der spitze Bug eines Dampfers ragte.

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Das Museum von José Gurvich liegt keine zweihundert Meter entfernt rechts der Kathedrale an der Plaza Matriz (auch Plaza Constitución), dem wahrscheinlich schönsten Platz der Stadt mit seinen rauschenden alten Bäumen und dem Brunnen in der Mitte. Oft findet hier ein Flohmarkt statt. Gurvich war ein Schüler von Torres García und diesem eng verbunden, aber seine Familie stammte nicht aus dem Norden Spaniens, sondern aus Litauen. 1927 in der Nähe der litauischen Königsburg Trakai als Zusmanas Gurvičius geboren, folgte er 1932 seinen jüdischen Eltern nach Uruguay, so dass von litauischen Wurzeln seiner Kunst keine Rede sein kann. Ob er überhaupt Litauisch sprechen konnte, weiß ich nicht. Ähnlich wie sein älterer Freund Torres García war er ein reiselustiger Mensch, der nicht allein Europa und Israel besuchte, sondern auch New York, wo er 1974 im Alter von erst 47 Jahren starb.

Im Museum steht ein fast lebensgroßes Schwarzweißfoto, das den Maler in seinem Atelier zeigt, und dieses Bild vermittelt den Eindruck großer Ärmlichkeit. Ja, der Ausdruck, mit dem der Künstler zur Seite schaut, scheint sogar auf eine Depression hinzudeuten. Auch wenn dieser Eindruck vielleicht ganz falsch ist, verändert er doch den Blick auf die ausgestellten Kunstwerke, die zwar sehr farbenfroh sind, aber nur selten so leuchtend und unkompliziert-optimistisch wie die Bilder Vilarós. In Farbgebung und Gestaltung erinnern sie stark an Torres García. Wie sein Lehrer, so hat auch Gurvich sich in verschiedenen Stilen geübt, sich an indigener Kunst orientiert und sich zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit bewegt.

Gurvich war hochmusikalisch und studierte zunächst Violine, bis er 1945 in die Werkstatt Torre Garcías eintrat. Später hat er immer wieder versucht, musikalische Motive im Sinne des Konstruktivismus in seine Kunst aufzunehmen. So erklären sich Bildtitel wie »ritmo« oder »musicos«. Er hat Plastiken hergestellt, Murales gemacht (also Kunstwerke für die Wand, oft an der Straße), er hat für das Theater ebenso wie für Magazine gearbeitet, und er hat für seine Kunst alles benutzt, das ihm unter die Hand kam, also etwa auch Stoffe bemalt oder Keramik (»La creación ceramica«). Wer durch sein Museum geht, gewinnt den Eindruck, dass er einfach pausenlos gemalt oder gezeichnet hat – immer gerade auf dem, das ihm in die Hände fiel. Dabei ist die Akkuratesse seiner Arbeit auffallend, die besonders seinen großen Bildern zugute kommt. Für eine Plastik benutzte er sogar den Bohrer eines Zahnarztes!

Seine »tabla homenaje al kibutz« (seine Schwester lebte in einem Kibbuz, und er besuchte sie dort) ist kindlich verspielt, auch dank des hellen Untergrundes sehr optimistisch und dazu kunterbunt. Es ist ein wenig wie ein Bild für ein Kinderzimmer. Die vielen kleinen Bilder, aus denen diese Hommage zusammengesetzt ist, sind so sauber und fein gearbeitet, dass bereits diese Sorgfalt den Betrachter anspricht und von dem künstlerischen Ernst des Künstlers überzeugt. Ein anderes Bild dagegen deutet schon im Titel auf die Pogrome des Nationalsozialismus.

So zeigen die beiden bescheidenen Museen im Zentrum einer eigentlich gar nicht so großen Stadt, wie sehr die Metropolen Südamerikas mit der Geschichte der letzten hundert Jahre verwoben sind; sie sind nicht zuletzt von der europäischen Geschichte durchsetzt, und ihre Kunst ist entsprechend europäisch.