Ausstellungsbesprechungen

Von Rodin bis Giacometti. Plastik der Moderne. Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, verlängert bis 7. März 2010

Die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe gibt mit 110 Werken von rund 60 Künstlern erstmals in Deutschland einen Überblick über die Skulptur zwischen 1900 und 1945. Unsere Autorin Verena Paul hat sich für Sie diese umfangreiche Schau angesehen.

Da zu Beginn des 20. Jahrhunderts individuelle, bisweilen auch gruppenbestimmte Positionen in der modernen Plastik bezogen wurden, zudem unterschiedliche Konzepte und Stilströmungen zeitlich parallel verliefen und eine thematische Erweiterung moderner Plastik „in Figurenbild, Objektkunst und tektonische Konstruktion“ [Siegmar Holsten] stattfand, hat sich die Kunsthalle Karlsruhe für einen „polyfokalen Zugang“ entschieden: Statt „Stilgeschichten“ zu erzählen, werden in den hellen, Licht durchfluteten Räumen markante Einzelwerke aus verschiedensten Perspektiven wahrgenommen. Insofern fordern sie den Besucher – etwa in Gegenüberstellungen oder Reihen – zur eigenständigen Erschließung und Urteilsbildung auf.

Im ersten der insgesamt 34 Räume treffen wir unmittelbar auf Auguste Rodins gipsernen „Balzac“, der sich, eingehüllt in einen weit fließenden Morgenmantel, beinahe majestätisch präsentiert. Umgeben von Pfeilern, die den Blick zur reichen Ornamentik der gewölbten Decke emporziehen sowie den in ein zartes Grün getauchten Wänden, entwickeln Aristide Maillols „Pamona“ oder Wilhelm Lehmbrucks „Stehende weibliche Figur“ eine nur schwer in Worte zu fassende große Anziehungskraft. Spannend ist in jenem mit „Aufbruch in die Moderne“ überschriebenen Raum zu beobachten, wie sowohl Rodins Torso „Schreitender Mann“ als auch Umberto Boccionis „Urformen der Kontinuität im Raum“ kraftvoll auf den im Zentrum befindlichen „Balzac“ zu schreiten. Immer wieder wird der Betrachter zu neuen Beobachtungspunkten gezogen, von denen aus der Raum und die Arbeiten aus neuen Perspektiven wahrgenommen und die Vielfalt der Wirkungen erfahren werden kann.

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Der nächste, in Erdtönen gehaltene Ausstellungsraum – der gleichfalls den „Aufbruch in die Moderne“ verdeutlichen soll – ist von den Themen Tanz, Bewegung, ästhetische Körperlichkeit und Formexperimenten geprägt. Bei der ausdrucksstarken Gipsplastik „Stehende Frau, ihr Haar kämmend“ von Alexander Archipenko wird der Betrachter beispielsweise Zeuge des Spiels mit Raum, indem das vom rechten Arm der Frau und ihrer lockig herabfließenden Haarpracht umschlossene Gesicht als asymmetrische Hohlform erscheint. Der Begleitkatalog weist im Kontext der Durchbrechung der geschlossenen Form auf Henri Bergsons 1907 in Paris erschienene Publikation „L’Evolution créatrice“ hin. Sie „beflügelte“, wie Siegmar Holsten in seinem Beitrag erläutert, „das ungebrochene Bestreben, Lebendigkeit plastisch zu suggerieren. Weit über Auguste Rodins sensualistische Expression seelischer Energien hinaus dachte Bergson auch den Raum als potenzielles Energiefeld mit und lieferte den Bildhauern so für alle ‚vom Raum durchdrungenen’ Neuerungen eine gedankliche Rechtfertigung.“ Insofern – und das können wir später auch bei Henry Moores liegender Figur beobachten – formuliert auch der Hohlraum einer jeden skulpturalen Arbeit eine Form und ist daher gleichwertig mit der in Bronze gegossenen, hölzernen oder steinernen Gestalt.

Zurück durch den ersten Raum, führt uns der Weg zu den beiden Abteilungen mit den „Gesichtern“, unter denen mich vor allem – möglicherweise durch das schöne Streulicht verstärkt – das als Maske konzipierte „Selbstbildnis“ Renée Sintenis beeindruckt. Was wir sehen, ist ein langer, schlanker Hals, auf dem ein Frauenhaupt ruht. Weit in die Stirn hinein sind die Haare gelegt, dabei wirkt der Blick aus den auf den Boden gehefteten, vertieften Augen, die von den linienförmig in die Modelliermasse eingeritzten Brauen, den hohen Wangenknochen und der markanten Nase gerahmt werden, in sich gekehrt und eindringlich zugleich. Während aus jenen Gesichtspartien Ernst, bisweilen gar eine maskuline Stärke spricht, sind die vollen Lippen Künder weiblicher Sinnlichkeit und Sanftheit – eine Polarität, die die Künstlerin gekonnt in der Bronze einfängt.

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Weiter geht es in den nächsten drei Abteilungen mit dem Thema „Ersehnte Ursprünglichkeit“: Ob Aufenthalte in der Südsee oder Masken aus Afrika, Künstler wie Paul Gauguin, Amadeo Modigliani, Paul Klee oder Constantin Brancusi konnten sich der Anziehungskraft der künstlerischen und religiös-rituell aufgeladenen Kunst der Urvölker nicht entziehen. Mit André Derains in Sandstein geschlagenen und von afrikanischen Skulpturen beeinflussten Arbeit „Mann und Frau“, die von dem hereinfallenden Außenlicht wirkungsvoll angestrahlt wird, sehen wir ein kubisch vereinfachtes Menschenpaar, dessen Leiber ineinander verschlungen wenn nicht gar verknotet sind. Ein kleines Highlight in diesen Räumen bildet sicher auch Brancusis Werk „Der Kuss“, das zu Rodins bekannter Gruppe auf Distanz geht, indem es sich der darin zum Ausdruck kommenden Körperillusion entzieht. Dem Künstler geht es eben nicht um anatomische Richtigkeit, sondern um das Eindringen in das Wesen von Stein und Körper. Auf diese Weise ist das Paar in den Steinblock eingeschmolzen und im Akt des Umfangens durch die Gliedmaßen scheint eine Rückverwandlung in den Stein stattzufinden.

Die beiden folgenden Ausstellungsabschnitte führen uns zu den „Gebärdefiguren I“, von denen mir Emile-Antoine Bourdelles „Alte Bacchantin“ mit ihrer in Bronze eingeschmolzenen Bewegung besonders auffällt. Um die Dynamik formulieren zu können, lösen sich Arme und Hände der Figur partiell in einer Masse auf. Extatisch wirkt die Bacchantin durch ihre tänzerischen Gebärden, die ihren gesamten Körper pulsieren lassen sowie den weit aufgerissenen Mund und das Drücken der erschlafften linken Brust. Durch kluge Positionierung und die damit einhergehende wunderbare Lichtregie kann auch die in Nussbaum gearbeitete Skulptur „Der Berserker“ von Ernst Barlach aufleben, die die Kraft des gespannten Leibes unterstreicht. Da gleiten unsere Augen mit Freude über die Oberfläche, deren kleine Unebenheiten das Licht förmlich aufsaugen. Das ist für das Verstehen der Arbeit wichtig. Holsten schreibt dazu in seinem spannend zu lesenden Essay verallgemeinernd: „Durch das niemals gleichbleibende Wechselspiel zwischen Werk, Betrachter und Licht ist die Plastik in besonderem Maße interaktiv. Der Dynamik des Interaktiven verdankt sie ihre spezifische Suggestion von Lebendigkeit. Beweglichkeit erwartet sie nicht nur in körperlicher und räumlicher Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die Erschließung ihrer Inhalte.“

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Eine Etage tiefer werden die „Gebärdefiguren II“ fortgesetzt: Neben bekannten Arbeiten, wie „Der Gestürzte“ oder „Kopf des Denkers“ von Wilhelm Lehmbruck, trifft der Ausstellungsbesucher auch auf weniger populäre Werke, so etwa Georg Kolbes „Ruf der Erde“, die ich immer wieder umkreise, um ihrer Leichtigkeit und Bodenhaftung, der in ihr schlummernden Dynamik und der sie umgebenden Ruhe, aber auch der Inszenierung gewahr zu werden. Die Frau, in der Hocke positioniert, stützt ihr linkes Knie seitlich auf die Erde, während das Rechte, auf das der Kopf sich sanft bettet, angewinkelt ist. Mit ihrer rechten Hand findet die Frauengestalt auf der Erde Halt, die Linke ist in entgegengesetzter Richtung in die Luft gestreckt und leitet durch leichte Neigung des Handgelenks die zirkulierende, scheinbar schwerelose Bewegung des Korpus ein. Wenngleich Holsten in Bezug auf diese Arbeit von „geschmeidiger Sentimentalität“ spricht, gesteht er ihr dennoch zu, dass sie „bei aller Klassizität […] in körpersprachlichem Sinne als Ausdrucksplastik gelten“ könne.

Bevor wir zu den „Gebärdefiguren III“ und damit zu Käthe Kollwitz’ eindringlicher Bronze „Mutter mit zwei Kindern“ geführt werden, steht in den Räumen dreizehn bis fünfzehn das Thema „Torsi“. Dabei ist den Ausstellungsmachern besonders die Präsentation von Alberto Giacomettis „Schreitende Frau“ gelungen. Ein stark reduzierter, gestreckter Frauenkörper, der auf einer nach rechts leicht abfallenden Plinthe steht, ragt grazil in den Raum. Unterstrichen wird die Formreduktion weiterhin durch die Errichtung auf einem breiten, weißen Sockel sowie die räumliche Isolation, welche die Wirkung der Arbeit enorm steigert. Einzigartig erschließt sich uns die Kraft dieser Schreitenden, wenn wir den schmalen Treppenaufgang aus der Thoma-„Kapelle“ nehmen und direkt auf die Bronze zusteuern. Da rührt etwas an den Sehnerven und wir können das neue Spannungsverhältnis von Figur und Raum deutlich spüren.

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Über das Treppenhaus gelangen wir zur ersten Galerie, die sich dem Thema „Zerlegende Blicke“ widmet. Hier nimmt mich Pablo Picassos kubistische Plastik „Frauenkopf (Fernande)“ gefangen. Ein Kopf, der – zerknittert wie ein Blatt Papier – mit bisweilen scharfkantigen, zerklüfteten Ausstülpungen und eingedrückten Hohlräumen ausgestattet wurde, ist, wie Holsten es formuliert, „durch die Austauschbarkeit von Volumen- und Leerformen“ „[r]evolutionär für die Geschichte der Plastik“.

Eine weitere Treppe erklimmend, gelangt der Besucher erneut in ein Zwischengeschoss, das sich „Konstruktiven und architektonischen Skulpturen“ widmet. Hier liegt der Fokus auf der Frage, wie eine Skulptur in den Raum greift. Oskar Schlemmers „Wandrelief (Ornamentale Plastik)“ etwa arbeitet sich als Architektur langsam in den Raum. Neben „Gota 2-a“ von Kasimir Malewitsch, der ab 1923 „unter Mitwirkung seiner Schüler Nikolai Suetin und Ilja Tschaschnik suprematistische Plastiken aus Gips- und Holzblöcken [schuf], die er Architektone und Planiten nannte“ [Regine Heß], ist besonders Naum Gabos „Kinetische Konstruktion (Stehende Welle)“, die eine im Raum vibrierende, gestreckt-gebauchte Form gestaltet, faszinierend. Die „Stehende Welle“ entsteht – so Heß – „wenn ein Metallstab wellenförmig vibriert und die Schwingung an seinem Ende reflektiert wird. […] Diese Form galt Gabo als Beispiel für den natürlichen Ausdruck des Wesens eines Dinges, als ein ‚Wesensbild’. Er formulierte im ‚Realistischen Manifest’ von 1920: ‚Wir wissen, dass jedes Ding sein eigenes Wesensbild hat […]. Deshalb entfernen wir […] alles Zufällige und Begrenzte, und lassen ihnen nur die Realität des gleichbleibenden Rhythmus der ihnen innewohnenden Kräfte.’“

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Nun schlüpfen wir ein letztes Mal in das Treppenhaus und steigen die restlichen Stufen hoch ins Obergeschoss, das uns zunächst mit der Abteilung „Vom Raum durchdrungen“ erwartet. Neben zwei kleineren Arbeiten Henry Moores, die figürliche Abstraktion und das Spiel von durchbrochenen Skulpturen verdeutlichen, beeindrucken Archipenkos „Schreitende Frau“ – die erste Plastik, in der Hohlformen dem plastischen Volumen gleichwertig sind – oder Rudolf Bellings „Dreiklang“, dessen drei Figurationen den Raum wirkungsvoll umschließen. Unter „Schock und Charme der Dinge“ dagegen werden Marcel Duchamps „Flaschentrockner“ (einem gänzlich unveränderten, in den Kunstzusammenhang gestellten Alltagsgegenstand) oder Henri Laurens’ „Spanische Tänzerin“ gezeigt, die in Farben- und Formensprache das spanische Temperament zu reflektieren sucht. Dabei zeichnet sich diese Arbeit durch abstrakte Gegenständlichkeit sowie die bewegte, unter Spannung stehende Ruhe der Figur aus. Werke von Kurt Schwitters, Max Ernst, Man Ray oder Hans Arp vereint der Themenbereich „Erfundene Urformen“, wobei mich primär der in Kalkstein gearbeitete „Riesenkern“ von Arp anlockt. Wenngleich die sanften Ausstülpungen des hellen Gesteins nur die Gliedmaßen einer menschlichen Gestalt andeuten, kann ich mich bei eingehender Beobachtung nicht erwehren, es mit einem figürlichen Gegenüber oder zumindest einem Lebewesen zu tun zu haben. Dies lässt sich nicht zuletzt auf die Vitalität zurückführen, die aus dem „Pépin géant“ spricht. Das auf die fließenden Formen treffende Licht verdeutlicht, wieviel Einfühlungsvermögen in die Materie der Künstler besitzt, wenn er mit der steinernen „Maserung“ harmonisch „zusammenarbeitet“. Vor diesem Werk treffen Kraft, Dynamik auf meditative Ruhe, Beschleunigung in der Skulptur auf ein langsames Ausgleiten in den Raum, Stärke des Materials auf Sanftheit und Leichtigkeit der Formensprache.

„Figürliche Raumzeichnungen“ zeigen dagegen die raumgreifenden Eisendrahtkonstruktionen Alexander Calders oder der rhythmisch geschwungene „Kaktusmensch II (Katusfrau)“ von Julio González. Abschließend gelangt der Besucher, nachdem er bei Rodins „Balzac“ seinen Ausstellungsrundgang begonnen hat,  zu der Abteilung „Der Mensch im Raum“ und somit zu Giacomettis großer Bronze „Der unsichtbare Gegenstand oder: Hände, die Leer haltend“ und der filigranen Plastik „Silvio stehend, die Hände in den Taschen“. Während die erste Figur die Hände um einen unsichtbaren Gegenstand legt, streckt die Andere die Hände in die Hosentaschen. Gerade am Ende der Präsentation sind wir bestrebt, etwas aus den Händen dieser zwischen Sprechen-Wollen und aufgezwungenem Schweigen verharrenden Frauengestalt entgegenzunehmen und obwohl sich nichts darin verbirgt, haben sie und die anderen in den Raum greifenden Plastiken uns beschenkt: Mit einer sinnlich erfahrbaren, klar strukturierten, abwechslungs- und bisweilen kontrastreichen Werkpräsentation, die auch im Detail überzeugt!