Ausstellungsbesprechungen

Walter Giers in drei Ausstellungnen

So schön kann Elektronik sein. Doch um es gleich vorweg zu sagen: Es wird kaum einen zweiten Künstler geben, der als Ingenieur mit so viel Verstand, als Medienmensch mit so viel ästhetischem Fingerspitzengefühl und nebenbei als Musiker mit so viel Rhythmik ans Werk geht wie Walter Giers. In der Stuttgarter Region weiß man das offensichtlich zu schätzen, wird doch der 70. Geburtstag des Protagonisten der Electronic Art gleich an drei Orten feierlich mit einer Ausstellung begangen.

Den Auftakt machte das Stuttgarter Landesmuseum, das eher für mittelalterliche Madonnen steht als für volthaltige Medienkunst, mit poetischen Lichtobjekten – Zeichen für die inzwischen klassische Qualität dieses grandiosen Werks. Zum Geburtstag am 10. Mai eröffnete die Galerie im Prediger in Schwäbisch Gmünd ihre Ausstellung »Schlüsselwerke/Sammlerstücke«, die in enger Zusammenarbeit entstanden ist mit der Galerie Wahlandt, die für Walter Giers die Fäden zieht und am 11. Mai die Aussteller-Troika schließlich komplett machte.

 

Gekrönt wurde die multiple Kunstschau durch das Bundesverdienstkreuz – vornehm gesprochen die Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an jenem 11. Mai. Wenn das kein Wonnemonat ist! Staatssekretär Rudolf Böhmler würdigte Giers als »eine der maßgeblichen und treibenden Kräfte des kulturellen Lebens in Gmünd«, und er sei »ein herausragender Künstler unseres Landes, der sich in hohem Maße um unsere Gesellschaft und unser Gemeinwesen verdient gemacht hat«. Freilich fehlt es bei solchen Anlässen nicht an hymnischen Tönen, die im Falle Giers jedoch leicht über die Lippen gehen: gilt der »universale Künstlertypus« und ausgemachte Demokrat doch als »Medien- und Lichtkünstler, Elektrogenie, Industriedesigner, Jazzmusiker, Trickkünstler, Magier, Visionär oder Stadtgestalter«, wie es im Ordensbericht heißt.

 

Den 1937 in Mannweiler (Pfalz) geborenen Walter Giers, der bis Kriegsende in Prag lebte, verschlug es 1945 nach Kevelaer, wo er seit 1955 als Jazzkünstler auftrat. 1963 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach Schwäbisch Gmünd, um dort an der Werkkunstschule Industriedesign zu studieren. Ende der 1960er Jahre gehörte Giers zu den Mitinitiatoren einer Elektronischen Kunst, die ihm nicht nur Erfolge in deutschen und ausländischen Museen von Saarbrücken bis München, von Amsterdam bis Toronto, sondern auch zahlreiche Preise und Ehrungen einbrachte. 1992/93 hatte er einen Lehrauftrag an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, ansonsten blieb er in Schwäbisch Gmünd, wo er 1995 das Büro »Licht und Klang im öffentlichen Raum« gründete. So ist es nur konsequent, dass das dortige Museum ihm nun eine groß angelegte Einzelausstellung einrichtet. Ergänzt wird diese Schau, die »Sammlerstücke« aus dem ZKM, aus dem Museum Ritter und der Sammlung Daimler-Chrysler sowie aus dem Gmünder Bestand zusammenführt, wie erwähnt durch die Ausstellung bei Edith Wahlandt, die schon durch den Titel »Schlüsselwerke/Installationen« die innere Verbundenheit unterstreicht. Hier wie dort werden die Entwicklungslinien im Schaffen Walter Giers über die vergangenen 40 Jahre aufgezeigt.

 

»Ich entwickle Systeme«, schrieb Giers, »die mittels Zufallsgeneratoren unvorhersehbare Licht-, Farb- und Tonfolgen variieren.« Statt einer rein kommunikativen Beziehung zum Betrachter, will er diesen in seiner visuellen und akustischen Wahrnehmung, ja in seinem Denken und Fühlen beeinflussen – mit Infrarot und Ultraschall, sprich mit Elektronik, Farbe und Licht. Dass die Objekte und Installationen dabei die Bereiche der Musik, der Bildenden Kunst und der Technik gleichermaßen berühren, macht das Werk so vielfältig und faszinierend, bettet es sozusagen ein in die schon klassische Kunst eines Naum Gabo wie des Konstruktivismus überhaupt über die Informationsästhetik Max Benses und die Kommunikationsphilosophie Sloterdijks bis hin zu kinetischen Positionen eines Heinz Mack oder Jean Tinguely. Die thematische Bandbreite reicht von den Wechselwirkungen zwischen Kunst, Natur und Sprache bis zu Überlegungen über Religion und Kultur. Licht und Elektrizität, Stimme und Musik bilden die kreativen Wahlverwandtschaften, die in exorbitanter Vielfalt wechselweise in Beziehung zueinander treten. Die in jeder Hinsicht ruhelosen Plastiken blinken, blitzen, tösen und murmeln, dass es eine wahre Pracht ist – Stimmlagen, so ausgefächert wie das Leben. Ihren trefflichsten Ausdruck findet diese Kunst in dem Serientitel »Poesie des Zufalls«.

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