Buchrezensionen

Walter Grasskamp: Das Kunstmuseum. Eine erfolgreiche Fehlkonstruktion, C.H. Beck 2016

Die Krise des Kunstmuseums ist in aller Munde: Sinkende Etats und steigende Kosten, oft auch mangelnde Besucherzahlen und oft auch um Kunstwerke konkurrierende Privatsammler machen der Institution zu schaffen. Grund genug also, zu fragen, ob das Kunstmuseum noch zeitgemäß ist. Walter Grasskamp tut das in seinem Buch. Andrea Richter ist seinen Gedanken gefolgt.

Die Museumskrise ist evident. Drohenden Schließungen tradierter Einrichtungen, wie die des Museums Morsbroich oder des Deutschen Museums in Bonn auf der einen Seite stehen private Sammler gegenüber, die für ein einziges Werke Summen zahlen, die den Jahresetat des Museums einer mittelständischen Kleinstadt um das tausendfache übersteigen. Ist das Kunstmuseum also noch zeitgemäß? Diese Frage stellt Walter Grasskamp in sieben Kapiteln

Der Kunstwissenschaftler erinnert sich beinahe wehmütig an die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, in denen die Zukunft der Museen in leuchtendsten Farben gemalt wurde. In einer 1971 erschienenen Publikation zum Thema beschworen 43 Autoren (und eine Autorin) die große Bedeutung des Museums für die demokratische Gesellschaft. »Kultur für alle« lautete das Leitmotiv damals. Das Museum müsse ein Ort des Lernens und der Bildung werden, Schwellenängste kulturferner Schichten sollten abgebaut und damit der »Schaffung von Bewusstsein« mittels Kunst und Kultur Genüge getan werden. Diese Aufbruchsstimmung hielt etwa 15 Jahre an. Es folgte die Ernüchterung. Bereits 1993 erschien die erste Denkschrift mit dem Titel »Kunstmuseen in der Krise« ein paradigmatischer Titel, der aus Sicht der allermeisten Museumsbeschäftigten, bis heute Gültigkeit hat.

Einer der Ursachen für die anhaltende Zitterpartie, der Theoretiker Grasskamp, ist die spezifische Ökonomie des Kunstmuseums. Diese, so die zentrale These, scheint von Grund auf paradox. Sie entziehe sich rationaler Handlungstheorien: »Ihre Protagonisten handeln widersprüchlich und emotional, neigen zu Verschwendung und schwer auslotbarer Emotionalität, problematisieren ihre Bedürfnisse und erkunden sie bis hin zur Selbstzerstörung, verhalten sich unberechenbar und riskant statt ergebnisorientiert und motivsicher.«

Das Problem beschreibt der Autor so: Die Museen erwerben teure zeitgenössische Kunst, die oft schlecht gemacht und kaum zu konservieren ist. Kurz gezeigt verschwindet sie bald auf ewig im Depot, wo sie weitere Folgekosten verursacht: für Versicherung, Lagerraum und Klimatisierung, Bewachung und Konservierung, Restaurierung und Präsentation – Folgekosten, die ein Museum im Zweifelsfall nie wieder loswerde, da die staatlich finanzierten Einrichtungen einem musealen Verkaufstabu unterworfen sind. Betriebswirtschaftlich gesehen also ein Fiasko. Und doch entstehen immer größere Museen, die Grasskamps Meinung nach Künstler dazu verführen, immer größere Werke zu schaffen und damit noch höhere Kosten zu verursachen. Wie beim privaten und obsessiven Sammeln könne man sich auch hier fragen, ob es sich nicht um entgleiste Vorratshaltung handele.

Grasskamp stellt die Legitimität der öffentlichen Finanzierung von Kunstmuseen in Frage angesichts der Tatsache, dass sie ihren Kernaufgaben oft nicht mehr nachkämen. Anstatt zu »bewahren, forschen, vermitteln« läge ihr Focus inzwischen vielerorts auf betriebswirtschaftlichem Handeln. Er bezweifelt deshalb, dass die Museen künftig ihrer gesellschaftlichen Aufgabe gerecht werden können – auch weil sie einer gewissen Generationenverwerfung unterliegen. Zwar sind viele Museen in den Metropolen mit ihren Mega-Events regelrechte touristische Attraktionen geworden, in der Provinz hingegen besuchen hauptsächlich Senioren die Ausstellungshäuser, das Interesse der jungen Generation ist fast schon zwangsläufig auszuschließen.

Der Autor entwirft ein Szenario, in dem auf die rüstige Rentnergeneration, die sich im Alter gerne etwas gönnt, kein jüngeres Publikum folgt, da dieses, bestehend aus digital natives, an das Internet verloren ist. Zu viele epochale Veränderungen habe man in den vergangenen vier Jahrzehnten, spätestens seit der massenhaften Verbreitung von Inhalten im Netz erlebt. Das betrifft nicht nur das Museum, sondern auch andere Kulturinstitutionen und -techniken. Niemals wurde damit gerechnet, dass gedruckte Lexika und Wörterbücher, Best- und Longseller in der Geschichte der Druckereierzeugnisse in überwiegender Zahl vom Markt verschwinden würden. Immerhin können die Kinos immer noch zahlreiche Besucher verzeichnen, die sich den Film ihrer Wahl auch zu Hause ansehen könnten. Ob das aber in Zukunft noch so sein wird und auch der Rembrandt im Museum weiterhin attraktiv bleibt, wenn er auch vom heimischen Sofa auf verschiedenen Screens bequem zu betrachten ist? Die Verhäuslichung des Kulturkonsums, so der Kunsttheoretiker, muss zwangsläufig zu weiterem Besucherschwund führen. Wenn die von Walter Benjamin beschworene und bis heute vielfach nach- und angebetete »Aura« des Kunstwerks, die nur durch ihre Materialität, ihr Faktisches »spürbar« sei, die spezifische Attraktion des Museums bleibt, ist es laut Grasskamp fraglich, ob das wirklich ausreicht, künftige Besucher weg vom eigenen Bildschirm in die musealen Ausstellungsstätten des 19. und 20. Jahrhunderts zu locken.

Grasskamps kritische Bestandsaufnahme lässt wenig Hoffnung für die staatlichen Kulturinstitutionen und vor allem die kleineren Museen außerhalb der Metropolen. Eine Lösung für das Dilemma bietet das Buch indes nicht. Das kann man ihm aber schwerlich vorwerfen, liegt es doch im Wesen eines solchen, dass es im Gegensatz zu einem oder mehreren Problemen, keine Lösbarkeit in sich trägt. Probleme kann man lösen, mit Dilemmata muss man leben.