Ausstellungsbesprechungen

Walter Kaesbach und sein Kreis – Moderne am Bodensee

Das Städtische Kunstmuseum Singen und die Wessenberg-Galerie Konstanz würdigen das bedeutsame Lebenswerk des Kunsthistorikers Walter Kaesbach und schicken den Betrachter dabei auf eine Entdeckungsreise in die Kunst der Moderne.

Am Beginn war die Spurensuche: Der Kunsthistoriker Walter Kaesbach (1879–1961), Wölfflin- und Dehio-Schüler, darüber hinaus wohl über Goldschmidt ein maßgeblicher Wegbegleiter, ja Wegbereiter der damaligen Moderne, insbesondere der Expressionisten, wirkte durch seine Persönlichkeit – die auch offen war für die Lebensreformbewegung und die Lyrik Stefan Georges –, weniger durch seine spärlichen Publikationen. Außerdem trieben ihn die nationalsozialistisch verseuchten Zeitläufte aus den florierenden Kunstorten – hier die Düsseldorfer Akademie – in die vermeintliche Provinz des Bodenseeraums, der noch immer in seiner Bedeutung für die Kunst unterschätzt wird – trotz vielfältiger Ausstellungsaktivitäten zum Bodenseekreis, zum späten Dix usw. (der Letztere war auf Kaesbach und seinen Kreis allerdings nicht so gut zu sprechen, weshalb er in der angezeigten Schau keine nennenswerte Rolle spielt).

Es ist also schon im Ansatz ein großes Verdienst der Museen in Singen und Konstanz, Kaesbach dem partiellen Vergessen entrissen zu haben. Das Ergebnis lässt sich sehen. Schließlich sind die Ausstellungsmacher langgediente und ausgewiesene Experten für die Region. Es sei kurz berichtet, dass Kaesbach sich nach 1933 in die Innere Emigration und Richtung Höri zurückzog (bekannt vor allem wegen Hermann Hesse). Er ließ Düsseldorfer Freunde – Kaliber vom Format Klees, Campendonks, Matarés oder Zschokkes – zurück und baute sich einen ganz neuen Bekanntenkreis am Bodensee auf, darunter auch Erich Heckel und doch auch manche Künstler aus dem Rheinland. Wie reichhaltig und fruchtbar das kunsthistorische Lebenswerk Kaesbachs war, demonstrieren nun Barbara Stark und Christoph Bauer in der vorzüglichen Doppelausstellung, die dem Publikum ein sehr anspruchsvolles Talent der Kunstvermittlung nahe bringt. Denn selten genug werden die Menschen gewürdigt, die als verschieden grau abgestufte Eminenzen die Kunst am Leben erhielten – auch oder gerade in schweren Zeiten.

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Die Zweiteilung der Schau unterstreicht die Bedeutung dieses Mannes. Während das Singener Kunstmuseum die Jahre von 1933 bis 1945 beleuchtet, widmet sich die Wessenberg-Galerie in Konstanz dem Wirkungsumfeld zwischen 1945 und 1961, was nahe liegt – Kaesbach starb in Konstanz. Hier fanden 1946 die von Kaesbach mitinitiierten "Kunstwochen" statt, und von hier aus richtete er die Ausstellung "Deutsche Kunst unserer Zeit" in Überlingen ein, die früh deutlich machten, dass der Bodenseeraum in der Kunstszene nach 1945 mithalten konnte. Heute ist es leider wieder notwendig, dies an die Öffentlichkeit zu bringen. Freilich, Heckel und Rohlfs bedürfen keinerlei Schützenhilfe, aber Heinrich Nauen, der sich auf Porträts genauso verstand wie auf Landschaften, der mit bedächtigem Pathos seine Leinwände zu füllen verstand, oder der an Matisse geschulte, im besten Sinn dekorative Maler Oskar Moll oder auch der exorbitant phantasievolle Werner Gilles – um nur ein paar Namen zu nennen – machen aus der Spurensuche nach Walter Kaesbach eine Entdeckungsreise in die Kunst der Moderne. Insgesamt sind 120 Arbeiten zu sehen, die großteils einen Bezug zu Kaesbach direkt – in Porträts etwa von Nauen, Macketanz) – oder zur Region haben (grandios zum Beispiel Ludwig Gabriel Schriebers "Dorf am Bodensee"), aber den Blick auf die Welt nicht vernachlässigen (von den lichterfüllten Arbeiten Helmuth Mackes über das weit unterschätzte Werk Werner Gotheins bis zu den allgemein gültigen Meisterwerken Erich Heckels).

Einer der Malerfreunde von Walter Kaesbach, Curth Georg Becker – der natürlich in der Ausstellung auch vertreten ist –, ließ sich von seinem Förderer inspirieren und folgte dessen Projekten in Überlingen und Konstanz mit einer Reihe von "Singener Kunstausstellungen", die nun begleitend zur Kaesbach-Hommage im Singener Haus dokumentiert ist.

Zur Doppelausstellung "Moderne am Bodensee" (Kunstmuseum Singen) und "Walter Kaesbach und sein Kreis" (Wessenberg-Galerie Konstanz) ist ein sehr lesens- und betrachtenswerter Katalog erschienen, der so manchem Kunstinteressierten eine Lücke in seinem Regal schließt.