Ausstellungsbesprechungen

We never sleep. Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 10. Januar 2021

Ab Dezember sind die Museen wieder geöffnet! Mit ihrer Lizenz zum Ausstellen widmet sich dann die Schirn bis Januar 2021 einem Thema, das Popkultur und Politik zu allen Zeiten fasziniert hat. Denn Spionage, Agenten, Geheimdienste und Dunkelmänner jeder Art – so die zentrale These der Kuratoren Cristina Ricupero und Alexandra Midal – sind eine Inspirationsquelle zeitgenössischer Kunstproduktion. Torsten Kohlbrei hat das unbekannte Terrain für portal kunstgeschichte aufgeklärt.

Cornelia Schleime, Ich halte doch nicht die Luft an, 1982, Foto: Bernd Hiepe
Cornelia Schleime, Ich halte doch nicht die Luft an, 1982, Foto: Bernd Hiepe

We never sleep. – Wahrscheinlich sieht sich das Team der Frankfurter Schirn, wie es der Titel der aktuellen Ausstellung vorgibt: immer wach, stets auf der Suche nach neuen Tendenzen, den Themen hinter den Bildern und Künstlern, die noch unentdeckt im Halbschatten warten. Ein Frankfurt Bureau of art Investigation. FBI. In der Tat war die Schirn auf dieser Mission schon oft erfolgreich, doch wie jeder Meisteragent ist auch die hessische Institution nicht vor Fehlschlägen sicher. Manchmal mag die Beschattung so umfassend und ausdauernd sein, wie nur möglich, doch das Objekt der Ausspähung bleibt, was es ist: ein toter Briefkasten ohne doppelten Erkenntnisboden, eine Fehlmeldung, der keine Dekodierung Sinn abtrotzen kann.

Rund 70 Gemälde, Fotografien, Videos und Skulpturen von über 40 Künstlern werden ins Verhör genommen, um mehr über die Spionage als eine Topquelle für künstlerische Inspiration zu erfahren und neue Strategien der Geheimhaltung im Zeitalter digitaler Netzwerke auszukundschaften. Von diesem nichtgeheimen Briefing an alle Schirn–Spione erfährt man im Pressedossier, das mit zahlreichen Codewörtern versehen ist: Whistleblower, Fake News, Verschwörungstheorien. Kuratorin Cristina Ricupero verrät zudem, dass die Ausstellungsarchitektur verbergen und enthüllen soll, damit sich der Besucher in einen Amateurspion verwandeln und einen mehrdeutig voyeuristischen Blick einnehmen kann. »Am Ende soll, wie in der nebulösen Welt der Spionage, die Wahrheit ein Mysterium bleiben.«
Spätestens nach dieser Lagebeschreibung sollte man Agenten, die direkt aufs Objekt schauen konnten, aktivieren. Es stimmt: Der langgestreckte, für jede Ausstellung schwierige Raum der Schirn wird von kabinettartigen Parzellen mit durchbrochenen Wänden im Mittelteil geschickt gegliedert. Dafür wirkt die Platzierung außerhalb dieser Räume jedoch eher beliebig, additiv.

Noam Toran, Still from If we never meet again, 2010, Courtesy the artist, Foto: Per Tingleff
Noam Toran, Still from If we never meet again, 2010, Courtesy the artist, Foto: Per Tingleff

Und was ist nun eigentlich zu sehen? Über 20 Agenteninstrumente, wie die legendäre Enigma–Chiffriermaschine oder die Minikamera MINOX A können bestaunt werden, dazu zahlreiche Filmplakate, die an die großen Agentenlegenden von Mata Hari bis James Bond erinnern. Die künstlerischen Positionen fügen sich ziemlich mysteriös zwischen diese Exponate.
Gleich zu Beginn ist eine Skulptur (Control Tower, Dark Matter, 2003) von Eva Grubinger (*1970) zu sehen, ein schwarzer Turm, der als Modell eines Überwachungsbaus gelesen werden kann. Im weiteren Verlauf verweigern sich die Kryptogramme von Guy de Cointet (1934–1983) jeder Dekodierung. Thomas Demand (*1964) ist mit seinem »Badezimmer« vertreten, ein großformatiges Foto, das jenen Ort rezipiert, an dem der CDU–Politiker Uwe Barschel 1987 tot aufgefunden wurde. Alfredo Jaar (*1956) wiederum dokumentiert die Rolle Henry Kissingers in den US–amerikanischen Interventionen (Searching for K., 1984) und Jonas Staal (*1981) zeichnet mit einer Videoinstallation die Arbeit des ehemaligen Wahlkampfleiters von Donald Trump nach (Steve Bannon: A Propaganda Retrospective, 2019).

Thomas Demand, Badezimmer / Bathroom, 1997, C-Print/ Diasec, 160 x 122 cm, © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2020
Thomas Demand, Badezimmer / Bathroom, 1997, C-Print/ Diasec, 160 x 122 cm, © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Die Mehrzahl der Arbeiten setzt sich mit politischen Ereignissen auseinander, die Propaganda und staatliches Handeln thematisieren. In diesem Sinne fügen sie sich ins Assoziationsfeld der Ausstellung. Doch darüber hinaus tappt der Besucher im Dunkeln. Ist die Kunst nun ein Spion? Wie erschleicht sie sich Erkenntnisse?
Die eingangs postulierte Inspiration für künstlerisches Arbeiten kann die Ausstellung jedenfalls nicht aufdecken.
Je nach Laune, Geschmack und Interesse wird der Besucher über skurrile Spionagewerkzeuge (Baumwurzel mit versteckter Kamera) schmunzeln oder sich für die ganz unterschiedlichen künstlerischen Positionen interessieren. Insgesamt bleibt die Lage unübersichtlich, die Indizien fügen sich nicht zum Gesamtbild einer überzeugenden These. Unfreiwillig erfüllt die Ausstellung so das selbstgesteckte Ziel der Kuratorin: es dominiert das Nebulöse.

Trevor Paglen, Control Tower (Area 52); Tonopah Test Range, NV; Distance ~ 20 miles; 11:55 a.m., 2006, C-Print, © Trevor Paglen, Courtesy of the artist, Metro Pictures, New York, Altman Siegel, San Francisco
Trevor Paglen, Control Tower (Area 52); Tonopah Test Range, NV; Distance ~ 20 miles; 11:55 a.m., 2006, C-Print, © Trevor Paglen, Courtesy of the artist, Metro Pictures, New York, Altman Siegel, San Francisco

Was das Spionage–Thema unter Befriedigung der Schau– und Sensationslust des Publikums aufdecken kann, zeigt sich eher im Katalog zur Ausstellung, den Cristina Ricupero als »relativ unabhängige Ressource« versteht. Deshalb erhalten Gabriel Lester (*1972) und Simon Menner (*1978) die Möglichkeiten, der Publikation mit Collagen aus Spionage–Bildwelten eine sehr eigenständige Identität zu verleihen. Auch die Textbeiträge beziehen sich nicht streng auf Konzept und Exponate der Ausstellung, allerdings kommen einige in der Schirn präsente Stimmen zu Wort: So beschäftigt sich Jonas Staal noch einmal mit Steve Bannon und sucht nach Strategien, Fake News zu begegnen: »… we will need an emancipatory propaganda and an emancipatory propaganda art.«
Man liest von Spionen, die Künstler werden, oder einem Künstler, der den Alltag von britischen MI6–Geheimdienst–Mitarbeitern mit seinem Skizzenbuch begleiten konnte. Und erfährt von Jörg Heiser, dass düstere Gestalten wie Kronprinz Mohammend bin Salman gerne in das hinter der Kunstmesse Frieze stehende Unternehmen investiert hätte, was die Verknüpfung von Kunst–Kommerz und mörderischer Politik augenfällig werden lässt. – We should never sleep! So dekodiert eröffnen Ausstellung und Katalog letztlich eine Botschaft, der nichts mehr hinzuzufügen ist. Mission accomplished.

Rodney Graham, Newspaper Man, 2017, Painted aluminum lightbox with transmounted chromogenic transparency, 181,9x136,2x17,8cm, Museum Voorlinden, Wassenaar (Niederlande)
Rodney Graham, Newspaper Man, 2017, Painted aluminum lightbox with transmounted chromogenic transparency, 181,9x136,2x17,8cm, Museum Voorlinden, Wassenaar (Niederlande)

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