Buchrezensionen

Weber, Norbert: Menschenbilder. Autonome Fotografien. editionphoto Verlag für Fotografie, Tholey-Hasborn 2005.

In dem Band »Menschenbilder. Autonome Fotografien« gewährt der Fotograf Norbert Weber dem Leser, in sechs sehr einfühlsamen und in die Tiefe führenden Essays, Einblick in die Gedankenwelt, aus der heraus seine fotografischen Arbeiten in schwarz-weiß entstanden sind.

Der mit »Das autonome Bild« überschriebene erste Essay führt den Leser langsam an das Genre der Fotografie heran, indem vorab deutlich gemacht wird, dass keine Fotografie mit der Wirklichkeit vor der Kameralinse identisch ist, sondern allenfalls eine Widerspiegelung dieser realen Sphäre sein kann. Infolgedessen verfügt das Bild, so Weber, über eine eigene Wirklichkeit, kann also durchaus autonom genannt werden. In lakonischer und sehr pointierter Sprache sucht der Fotograf hier den Leser mit grundlegenden Informationen auf seine eigenen, bisweilen surreal anmutenden Fotografien vorzubereiten. 

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Nach diesem allgemeinen Einführungstext wendet sich Weber spezifischeren Themen seines Œuvres zu. In dem Aufsatz »Schatten« etwa sucht er die beiden Antipoden Körper und Schatten näher zu beleuchten. Diese können als zwei Wirklichkeitsebenen in einem Bild vereinigt, beim Betrachter Irritationen erzeugen. Es ist die materiell erfahrbare, reale Körperlichkeit, die dem entmaterialisierten Abdruck einer realen Wirklichkeit gegenübersteht. Und in der Tat, nach der Lektüre kann der Leser die folgenden »Schattenbilder« aus einer ganz neuen Perspektive wahrnehmen, kann dem spannungsvollen Wechselspiel zwischen weiblichem Korpus und den ihm umgebenden Schatten folgen.

In dem Essay »Sichtwechsel« kehrt sich Norbert Weber vom statischen Realismus fotografischer Wirklichkeitsabbildung ab, denn – so die Aussageabsicht – seine Fotografien folgen seinem Auge und sind folglich dergestalt aufgebaut, wie das Sehorgan ein Objekt betrachtet. Es geht hier um das zeitliche Nacheinander eines Betrachtungsvorganges, das im Bild in ein räumliches Nebeneinander verwandelt wird. Somit kann der Vielzahl der Blicke – so formuliert es der Künstler – »beim Betrachten der Welt Dauer« verliehen werden. Auf den folgenden Seiten dann kann dieser »Sichtwechsel« anhand eines bronzenen Frauentorsos nachempfunden werden.

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Der Versuch, den statischen Augenblick aufzubrechen und die Zeit einzufangen, manifestiert sich in den Arbeiten, die Bewegung suggerieren. Mit welch hohem Anspruch sich der Fotograf diesem Thema zuwendet, artikuliert sich in seinem dazu verfassten Essay »Bewegung«. Hier demonstriert er, dass seine Fotografien nicht frostiges Kalkül sind, sondern mit seelischen Empfindungen, mit menschlicher Nähe und Vitalität zu tun haben. Lebensnähe zeigt sich dabei nicht nur in den Fotografien, sondern auch in dem Dialog, der sich zwischen Betrachter und Bild entwickelt. Weber bringt dies auf den Punkt, wenn er schreibt: »Der Mensch im Bild rührt den Menschen vor dem Bild unmittelbar an: human touch!«. Interessant ist in diesem Text, dass sich nicht einzig in den Fotoarbeiten Wärme ausbreitet, sondern diese auch die Sprache des Fotografen ergreift. Aus den kurzen Sätzen in den Anfangstexten, die wichtige Informationen kühl präsentieren, gelangt Weber nun zu einer fließenden, bisweilen metaphorischen Sprache, die den Leser auf die nun folgenden Abbildungen vorbereitet.

Die Bilderkennung hinauszögern, optische Barrieren schaffen, die das Auge des Betrachters auf die Bildoberfläche zurückweisen, dies beschäftigt Norbert Weber nun in seinem Text »Transparenz«. Dabei ist dem Künstler daran gelegen, den Betrachter seiner Fotografien darauf aufmerksam zu machen, dass er einem ästhetisch gemachten Werk gegenübersteht. Anhand der folgenden Abbildung kann der Leser diese Reduktion der Wirklichkeit erkennen, wenn er beispielsweise auf jenen in Stoff gehüllten und einzig als Schatten wahrnehmbaren Korpus oder den von Blattwerk überlagerten Akt blickt. »Die Wahrnehmung wird gefärbt von den Erinnerungen an die Vergangenheit und beeinflusst von den Erwartungen an die Zukunft«, so Weber.

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Abgeschlossen wird der Band mit dem wohl umfangreichsten Essay »Gesichtslandschaften«. Weber berichtet hier über die zufälligen Begegnung mit den von ihm porträtierten Menschen, über den kurzen Dialog mit ihnen vor der Aufnahme und er betont dabei, dass diese vom Leben gezeichneten Gesichter nicht voyeuristisch von ihm gesammelt sind, sondern er sich dabei auf eine Spurensuche begeben hat – das Auffinden von Schicksalsspuren im menschlichen Antlitz. Eindrucksvoll sind die abschließenden Porträtaufnahmen und gerade weil es Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind, kann der Fotograf die Gesichtzüge noch intensiver einfangen: Jede Falte, jedes Härchen, jeder Lichtreflex auf der Haut wird festgehalten. Es sind nachdenkliche, gedankenverlorene, verschlossene, fragende, aber auf jeden Fall ästhetisch reizvolle Gesichter, die den Betrachter fixieren, die Augen bewusst von ihm abwenden oder sie gar vor ihm verschließen.

Insgesamt überzeugt der 104 Seiten umfassende Band durch sechs informative, in deutscher und französischer Sprache verfasste Essays, die den Leser in die Gedankenwelt Norbert Webers mitnehmen, sowie durch die beeindruckende Druckqualität der Abbildungen. Dieses gebundene Werk sollte im Bücherregal von Freunden anspruchsvoller, ästhetisch sehr reizvoller Schwarz-Weiß-Fotografie auf gar keinen Fall fehlen und zudem kann es geldbörsenfreundlich für 19,90 Euro erworben werden.

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