Meldungen zum Kunstgeschehen

Weimarer Unpersonen. Drei Innenansichten des Kosmos Weimar

Ein essayistischer Kommentar von Matthias Huth

In der Hitze des Sommerlochs und im Nachgang eines inszenierten Tribunals verkündete Gisela Kraft in der „Thüringischen Landeszeitung“, dass man in Weimar einen Gedenkstein aufstellen solle, welcher die Vertriebenen der Stadt auflistete. Ein Name dürfe auf diesem Mahnmal der ungerecht Behandelten keinesfalls fehlen: Stephan Märki.

Nehmen wir an, dieser Vorschlag der Weimarpreisträgerin hätte irgendeinen außerpolemischen Sinn und sei im Detail sogar von Sachkenntnis geprägt gewesen. Vielleicht wäre in ihrem Sinne eine elektronische Anzeigetafel praktischer, damit sich Generationen von Steinmetzen nicht die Finger wund klopfen. Man könnte die Intention des Mahnmals dahingehend ändern, dass ein Warnhinweis die Namen listete, deren möglicher oder vollzogener  Weggang wirkliche Verluste für Weimar bedeutete. In Folge drei Geschichten...

Erste Geschichte: Eine Theaterinszenierung von Regisseur Hans Hoffmeister

In den diesjährigen ersten Maitagen könnten die Sektgläser in der Apoldaer Villa des TLZ-Chefredakteurs Hans Hoffmeister geklingelt haben. Hatte er doch mit seiner Verleumdungskampagne geschafft, Peter Krause als Kulturminister zu verhindern. Vielleicht kam doch nicht so richtige Feierlaune auf, denn Krause war immer noch Chef der örtlichen CDU-Vertretung und nicht nur von seiner Parteibasis, sondern auch von vielen Weimarern vehement verteidigt worden. Es galt also Abonnentenschwund abzuwenden und Krause weiter zu diskreditieren. Keine einfache Aufgabe, denn eine wirklich recherchierte Faktenlage hatte es in der Causa Krause nie gegeben und das irrationale Empörungspotential schien mittlerweile restlos ausgereizt. Plötzlich kam ein Notruf, der eine neue Kampagne versprach und mit der Krause erneut ins Zwielicht gerückt werden konnte.

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Doch bevor wir zu diesem Notruf kommen, ist es angebracht, einen Blick auf das journalistische Selbstverständnis Hoffmeisters zu werfen.
Zu seinem 60. Geburtstag erschien die von ihm federführend redigierte Version eines Gesprächs mit Bernd Kauffmann, dem ehemaligen Weimarer Kunstfestintendanten und Kulturstadtgeneral (In Weimar geht’s kaum noch ohne General! Nur einen Generalwürstchenverkäufer gibt es wohl noch nicht...). In dieser Eigeneloge mit dem Titel „Die Wahrheit zieht der Erde einen Scheitel“ wird Hoffmeister von Kauffmann unter anderen zu seinen Intentionen als Blattmacher einer Lokalzeitung befragt. Der TLZ-Chef antwortet wörtlich: „Der große Journalist Hanns-Joachim Friedrichs sagte, dass Redakteure sich überhaupt nicht einmischen dürfen - auch nicht im Guten. Das ist nicht meine Auffassung.“

Na ja, das hat Hajo Friedrichs, eine Leitgestalt des deutschen Journalismus nicht so gesagt. Sein Credo lautete, dass man sich als Journalist nicht mit einer Sache gemein machen sollte, auch nicht mit einer Guten. Solches steht sinngemäß auch in den publizistischen Grundsätzen des Deutschen Presserats. Um nachfolgende Geschichte einordnen zu können, anbei Zitate aus diesem Pressekodex:

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.
Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen ... sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf ... weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen. Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtig zu stellen.
Es widerspricht journalistischer Ethik, mit unangemessenen Darstellungen in Wort und Bild Menschen in ihrer Ehre zu verletzen.“

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Und nun erneut zu dem Notruf und seiner Geschichte:
Walter Bauer-Wabnegg, Staatssekretär im Thüringer Kultusministerium, hatte die Aufgabe, einen turnusmäßigen Termin mit DNT-Intendant Stephan Märki zu vereinbaren. Schließlich muss so ein gut bezahlter Posten von einem Aufsichtsrat für eine Weiterbeschäftigung bestätigt werden. (Es ist übrigens in der Branche unüblich, übermäßig lange Laufzeiten für Theaterintendanten zu vereinbaren. Aber Weimar war ja schon immer etwas Besonderes). Zudem hatte Märki wohl vom ehemaligen Kultusminister Goebel eine längerfristige Jobzusage bekommen. Nun ja, Politikerversprechen stehen oft nicht auf allzu festem Grund. Weil Wabnegg zudem im Gespräch mit Märki eine Tendenz im  Aufsichtsrat andeutete, soll der Telefondialog deshalb auch lautstark geendet haben...

Auf Märkis Habenseite stand das „Weimarer Modell“, (eigentlich ein ganz normaler Haustarif) welches sowohl seiner Hausmacht als auch seinem Eigeninteresse entgegen kam. Denn bei verwirklichter Fusion mit Erfurt hätte er sich ja seinen Status zumindest mit dem Landsmann und Erfurter Opernintendanten Guy Montavon teilen müssen. Das wurde bekanntlich durch politischen Kurswechsel in letzter Sekunde (und partiell auch durch medial unterstützte Proteste) verhindert, und nun hat Weimar ein teures, aber gesichertes Staatstheater.

Doch in Märkis Bilanz stehen auch andere Fakten. Die missglückte Faustinszenierung, die eher egomanische Regisseure als das  Publikum beglückte und im Spielplan deshalb nicht zu halten war. Der Weggang des überaus charismatischen Dirigenten Carl St. Clair, der mit Märki nicht klarkam. Undurchdachte Folterprovokationen von Bazon Brock sowie choristische Antikeinszenierungen, die nicht mal das Feuilleton entzückten. Und letztlich auch die interne Erkenntnis, dass der zu Recht gelobte Wagner-Ring eher gegen, als mit Märki geboren war. Es gab also eine Menge Gründe, mit dem Intendanten eines Staatstheaters über dessen zukünftige Ausrichtung zu diskutieren, denn er selbst spricht sich ja vehement gegen Denkverbote aus. Kultussekretär Wabnegg wollte Märki dezent darauf hinweisen, dass solche Bilanzen Fragen aufwerfen, und der Intendantenstatus kein Automatismus sei. Märki sah daraufhin seine sicher geglaubte DNT-Stelle bedroht. Wie gesagt, das Gespräch endete nach Presseberichten im Fortissimo.

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Freunde, oder präziser formuliert, Seilschaften helfen sich in der Not, und so wurde Hoffmeister über dieses Gespräch postwendend informiert. Märki hatte in der Krauseangelegenheit ebenso wie Gedenkstättenchef Knigge treulich intrigiert und in Vereinszimmern und Behördenfluren die Meinung lanciert, dass mit diesem unbequemen Peter Krause, der zudem noch rechtslastig sein sollte, kein Staat zu machen wäre.

Der Märki-Notruf passte ins Konzept, und TLZ-Chef Hoffmeister strickte daraus sofort eine große Kampagne. Die Freiheit der Kunst sei bedroht, stand da reißerisch auf Vordruck-Protestformularen, und da wir ja alle für die Freiheit der Kunst sein sollten, musste man zwangsläufig auch für Märkis DNT-Fortbeschäftigung plädieren. Zumindest wenn man Kulturbürger sei, eine sehr verschwommene Kategorisierung, welche die TLZ seit ein paar Jahren für sich reklamiert. Und in Folge wurde ein inszeniertes Empörungspodium im Hotel „Elephant“ einberufen, bei dem die lokale CDU-Intrige gegen Märki angeprangert werden sollte.

STOPP! Hatten wir da was überlesen? Gab es ein Exklusiv-Interview mit Märki, in dem er solche politischen Machenschaften behauptete, oder sogar belegte? Gilt die turnusmäßige Anberaumung eines Termins als Intrige? Hatten Krause oder seine Parteifreunde vehement die Abwahl Märkis gefordert?

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Vier Fragen, und alle können verlässlich mit „Nein“ beantwortet werden. Es gab allerdings vor zwei Jahren einen Artikel in der Publikation „Palmbaum“ von Peter Krause, in dem er klare (und meines Erachtens nach kluge) Positionen zur Kulturpolitik äußerte. Aus diesem Artikel wurden von Hoffmeister ein paar Zitate sinnentstellt, und zudem die Behauptung publiziert, die geplante Absetzung Märkis wäre eine Retourkutsche wegen Krauses Ministerverhinderung. Und schon gab es neue Munition gegen den unbequemen Stadt-Politiker. Schließlich stand im September eine Wahl an, und bei der sollte Krause auf keinen Fall wieder als örtlicher CDU-Vorsitzender gewählt werden. (Er wurde kürzlich hundertprozentig nominiert!)

Merke: Wenn Hoffmeister einen vor seine Flinte nimmt, dann will er ihn auch komplett erlegen. „Hoffmeisters“ CDU sollte doch nicht von einem geführt werden, der seine Chefredakteurs-Segnung nicht besaß. Und so konnte man im Tagesrhythmus der TLZ in Leserbriefen und Redaktionstexten der TLZ immer wieder etwas von der Untragbarkeit Krauses lesen, und dass er wegen seiner Intrige, die er weder verantwortet noch initiiert hatte, gefälligst die Konsequenzen ziehen sollte.

Nachdem sich der Theaterdonner verzogen hatte, und ein neuer Kulturminister und ein Landesvater einige Versicherungen verlauten ließen, zeigt sich die Zielrichtung der Kampagne deutlicher. Märkis Weiterbeschäftigung stand zwar zur Debatte, nur aus anderen, triftigen Gründen. Die Kampagne erwies sich als getarnte neuerliche Diffamierung Krauses durch Hans Hoffmeister, und stellt einen klaren Verstoß gegen journalistische Ethik und wahrhaftige Informationspflicht dar.

Oder um es mit dem von dieser Zeitung vielbeschworenen Klartext zu sagen: Es darf nicht sein, dass eine heimliche Seilschaft aus Zeitungsmachern, Kulturangestellten und Institutionsleitern mittels Meinungsmacht und inszenierten Kampagnen die Thüringer Staatskanzlei vor sich her treibt. Die TLZ hat kein politisches Mandat, sondern bestenfalls einen Informationsauftrag. Wenn Pressemacht dazu missbraucht wird, einem unliebsamen Mann der Wende die Karriere zu verbauen, nur weil der nicht den richtigen Stallgeruch hat, dann hat das nichts mehr mit Demokratie zu tun. Und für politische Kultur und Meinungsfreiheit sind wir doch 1989 auf die Straße gegangen. Oder?

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Zweite Geschichte: Der Schlaf der Selbstgerechten oder Seemanns Horizonte

Eigentlich sind die Montage in dieser Einrichtung ruhige Wochenanfänge, denn die Zeit gilt es in der Stiftung Weimarer Klassik zu bewahren, und nicht hektisch voranzutreiben. Doch an diesem Montag im August war alles anders, denn das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL hatte Ettore Ghibellino und seiner These, dass Goethe statt Frau von Stein doch Anna Amalia liebte, tatsächlich vier Seiten gewidmet. Und zudem durch einen seiner profiliertesten Mitarbeiter konstatieren lassen, dass an dieser These durchaus etwas dran sein könnte.

Was hatte man sich in der Stiftung Weimarer Klassik doch gemüht, dieses fundierte Buch von Ghibellino zu ignorieren. Doch leider ließ dieser Mensch nicht locker, brachte inzwischen gar eine dritte Auflage auf den Markt. Führende Literaturwissenschaftler hatten den Gedankenkonstrukten einer Liaison von Goethe und Amalia durchaus Nachforschungspotential bescheinigt, und selbst die neue Literaturpäpstin Elke Heidenreich zollte „Anna Amalia und Goethe“ ihre Begeisterung. (Dass Nike Wagner in der Sendung „Lesen!“ das ihr geschenkte Buch gleich verschwinden ließ und sich etwas pikiert ob der Übereignung zeigte, wäre eine Extra-Geschichte.)

Und dabei hatte man doch den hergelaufenen Italiener und stallfremden Juristen mittels aller germanistischer Forschungsmacht in Weimar mundtot machen wollen. Die große Anna-Amalia-Ausstellung im Schloss enthielt nicht mal Randverweise auf seine Publikation; die von der Frau des Stiftungspräsidenten Hellmuth Seemann verfasste Biografie Anna Amalias (bei der wohl sieben Stiftungsmitarbeiter mitschreiben mussten?) mied Namen und Gedanken Ghibellinos wie die Pest. Doch die Thüringer Staatskanzlei hatte sich trotz vehementen Einspruch Seemanns dazu hinreißen lassen, Ghibellino zu einer Lesung einzuladen. (Diese Veranstaltung musste übrigens wegen der Nachfrage in einen größeren Saal verlegt werden).

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Weil dieser Autor mit seinen historischen Liebesbehauptungen schon in aller Munde war, hatte ein anonymes Autorenkollektiv der Stiftung Weimarer Klassik auf ihrer Internetpräsenz eine donnernde Replik gesetzt, die zwar einen kleinen Übersetzungsfehler fand, sich streckenweise aber sehr unwissenschaftlich mit der Reputation des Autors statt mit seinem Forschungsgegenstand auseinandersetzte.

Und nun auch noch der SPIEGEL. Der ruhige Montag war gelaufen. Ein Krisenstab tagte und kam zu dem Ergebnis, dass man jetzt nur noch nach vorne verteidigen könne.

Ghibellino hatte ein paar Tage später im Goethe-Institut zu einer Pressekonferenz geladen, und das deutsche Feuilleton war fast vollständig vertreten, um die Erwiderung auf die netzseitige  Stiftungsanklage zu hören. Ghibellino wusste sich humorvoll und faktenreich zu verteidigen, was seine schriftliche Erwiderung bewies. Doch bevor der Forscher referieren konnte, erhob sich im Publikum Dr. Jochen Golz, seines Zeichens Präsident der Goethe-Gesellschaft Weimar und versuchte in einer emotionalen Schmähung, den anwesenden Journalisten in den Block zu diktieren, dass dieses ganze Spekulieren um Anna und Johann Wolfgang unnötig sei. Auch im medialen Nachgang ließ sich die Stiftung sehr widerwillig auf Anfragen ein, welche eine Erforschung der durchaus lückenhaft erfassten Historie dieses Goethe-Lebensabschnitts thematisierten.

Eine eigene Pressekonferenz in besagter Angelegenheit auszurichten, war der Stiftung offensichtlich zu heikel. Man stelle sich vor, bei dieser nicht stattgefundenen Pressekonferenz hätte sich Ghibellino in ähnlicher Weise wie Golz zu Wort gemeldet. Man sähe die freiwilligen Saalordner beim Heraustragen des Störenfrieds plastisch vor geistigem Auge...

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Das Skandalöse am Fall Ghibellino ist, dass die SWK nicht einmal seine  wissenschaftlich stichhaltigen Thesen überprüfen will, um dadurch angestammte germanistische Ruhekissen nicht aufzuschütteln. Anstatt diesen Mann als Bereicherung  für Weimars Forschungsstätten und Kulturleben zu begreifen, wird er systematisch von Traditionalisten totgeschwiegen oder unfair angegriffen. Doch unverdrossen trommelt Ghibellino wie ein Duracell-Hase weiterhin für seine Thesen. Vielleicht wird dieser konstruktive Lärm die Stiftung daran erinnern, dass sie einen Forschungsauftrag hat, und mit solchen Behandlungsmethoden von Wissenschaftlern gegen ihre eigenen Statuten verstößt. Allerdings war der Präsident im August noch  damit beschäftigt, die Öffentlichkeit in Bezug auf städtische Anfragen betreffs des Hauses der Frau von Stein anzulügen.

Dritte Geschichte: Glitzernde Unsterne oder die Geschichte einer Vertreibung

Nun müssen wir sie offenbar behalten. Zumindest, wenn wir ein Kunstfest wollen, denn „ein Kunstfest ohne Nike Wagner wird es nicht geben“, so ihre Pressesprecherin. Wir wollen an dieser Stelle kaum mehr von der Liszt-Ahnin reden, die uns mit ihren irrationalen Erfolgsmeldungen (9400 zahlende Besucher 2008) oder ihren Bayreuth-Gifteleien (Hatte sie nicht bei ihrem Amtsantritt in Weimar betont, mit den Wagnerfestspielen nichts im Sinne zu haben?), sondern einen unfreiwilligen Weggang ins Gedächtnis rufen. Bevor die angebliche Lichtgestalt, der Leuchtturm, das Kunstfest zu einer elitären, schlecht geführten Spielwiese entwickelte, hatte Ralf Schlüter in Nachfolge Bernd Kauffmanns das Weimarer Kunstfest verantwortet, und in seinem letzten Jahr in Weimar (2002) mehr als 18000 zahlende Besucher locken können.

Aber irgendwie mochte ihn die Weimarer Stadtverwaltung nicht leiden. Vielleicht galt er ihnen doch zu sehr als Erbe einer Ära, denn der schnöselige Ton Kauffmanns war manchem noch deutlich im Ohr. Schlüter war diplomatischer, aber diese Klugheit nützte ihm in Weimar letztendlich nichts. Kauffmann stand für ein Konzept, welches nicht unumstritten war, aber letztlich doch bundesweit ausstrahlte und lockte. Das hätte sein Nachfolger kreativ und kritisch weitergeführt, aber die Stadt entschied  sich trotzig für Nike Wagners Aura.

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Schlüter ist mehr ein stiller Arbeiter gewesen, der im Hintergrund wirkte und seine Programmangebote für sich sprechen ließ. Woanders lässt man ihn wirken. Bundesweit sind die Wolfsburger „Movimentos“ durch seine Mitarbeit eine beachtliche Größe in der Welt des Tanzes. Neuhardenberg entwickelt sich mit Schlüters Ideen zum Treffpunkt kreativer Größen, ob es nun Jazzbegegnungen wie Pat Metheney mit Brad Mehldau oder Schauspielereignisse mit Martin Wuttke sind, um nur zwei Höhepunkte zu nennen. Solche Sternstunden könnte man sich auch in Weimar gut vorstellen. Auch, dass das „Spiegelzelt“, die „Tiefurter Gitarrennacht“ oder die kreativen Filmschöpfungen der Bauhaus-Uni integrative Bestandteile eines Kunstfestes wären. Aber die Stadtverwaltung lächelt tapfer weiter, denn es wird ja schon als Erfolg angesehen, wenn jetzt der Weimarhallenpark wieder eine Jazznacht hat. Diese war im Vorjahr innovativ und gut besetzt. Diesjährig gab es Anspruchsvolleres nur gegen Vielgeldeintritt in der Weimarhalle, die Parkwiesen hatten nur noch solide Dixieland- und Standardware zu bieten. Nichts gegen Volksfeste, aber der Zwiebelmarkt ist stellenweise kreativer besetzt.

So stellt sich die Frage, warum man denn Schlüter entsorgte, und ob seit fünf Jahren bessere Kunstfeste folgten. Ob die Aneignung von damaligen Standards wie der Viehauktionshalle als Tanzpalast schon als Innovation gilt. Oder Nike Wagner ihre Bilanz auf einen unverdienten Sockel hebt.
Womit wir wieder bei dem anfangs vorgeschlagenen Gedenkstein wären.

Epilog

Weimar hat viele Potentiale, welche diese Stadt liebens- und lebenswert machen. Aber institutionelle Fehlentscheidungen und Amtsanmaßungen vielerart Couleur lähmen den Puls dieses Ortes, und letztlich auch die idealistischsten Neuerer. Deshalb sind Personen wie Krause, Schlüter und Ghibellino leider warntafelgefährdet oder gedenksteinreif.

Suchet der Stadt Bestes, endet der Aufruf von Gisela Kraft. Vielleicht wäre Weimar damit gedient, wenn einige Personen dieser Stadt nicht permanent ihr persönliches Bestes im Sinn hätten.

Matthias Huth
September 2008