Tagungen

Welche Denkmale welcher Moderne? Erfassen, Bewerten und Kommunizieren des baulichen Erbes der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, am 12. und 13. März 2015 in Dortmund

Der Forschungsverbund W D W M lädt die Fachöffentlichkeit aus Architektur, Denkmalpflege, Kunstgeschichte und sozialwissenschaftlicher Stadtforschung sowie alle weiteren Interessierten zu einer Tagung nach Dortmund ein. Hier steht die Nachkriegsmoderne und der denkmalpflegerrische Umgang mit ihr im Mittelpunkt.

Im Forschungsverbund W D W M an der Bauhaus-Universität Weimar und der Technischen Universität Dortmund arbeiten Wissenschaftler/innen aus Architektur, Denkmalpflege, Kunstgeschichte und sozialwissenschaftlicher Stadtforschung zu Bauwerken, Stadträumen und Theorieansätzen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor dem Hintergrund des wachsenden denkmalpflegerischen Interesses an den Bauten dieser Zeit geht es um die Fragen, wie, warum und von wem die Architektur dieser Zeit wahrgenommen, wertgeschätzt und weiterverwendet wird. Untersucht werden die Inventarisations- und Erhaltungspraxis, Wertbildungs- und gesellschaftliche Aneignungsprozesse des „spätmodernen“ Architekturerbes und der Umgang mit Großobjekten als typischer Gattung dieser Epoche. Erstmals erfolgt im Rahmen des Verbunds auch eine nähere Untersuchung der Denkmalausweisung moderner Architektur in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren.

Auf der Frühjahrstagung des Verbunds stellen W D W M-Wissenschaftler/innen und internationale Gäste aktuelle Forschungen zu verschiedenen Aspekten des Umgangs mit dem Architekturerbe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor.

Programm

Donnerstag, 12. März 2015

11.00 Uhr
Begrüßung: Wolfgang Sonne (Dortmund)

11.15 Uhr
Keynote — Das Forschungsprojekt der „Critical Encyclopaedia of Reuse and Restoration of 20th Century Architecture“ – ein Observatorium
Dorothea Deschermeier (Mendrisio)

1. "The Making Of" - Denkmalausweiseung von Bauten nach 1945 im internationalen Vergleich
Das Ringen um die Akzeptanz und denkmalpflegerische Erfassung von Nachkriegsbauten ist in vollem Gange. In den letzten Jahren wurde dazu viel publiziert, viel ausgestellt und einiges auch inventarisiert. Aber was genau? In dieser Sektion geht es um die Unterschiede und Ge­meinsamkeiten bestehender und geplanter Erfassungsprojekte. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach den Bewertungsstrategien für Bauten der 1950er bis 1980er Jahre sowie die Frage, welche Auswirkung die Art der Erfassung auf die Erhaltung der Baudenkmäler hat.
Moderation: Hans Rudolf Meier (Weimar)

11.50 Uhr
Zwischen Verdrängung und Aneignung. Strategien denkmalpflegerischer Bewertung von Bauten der 1950er bis 1980er Jahre in Europa
Katja Hasche/Torben Kiepke (Weimar)

12.25 Uhr
Nachkriegsmoderne Schweiz und Inventarisation im Kanton Solothurn 1940-1980
Michael Hanak (Zürich)

12.45 Uhr
Bewertung und Bewahrung der Nachkriegsmoderne in den Niederlanden
Marieke Kuipers (Delft)

13.05 Uhr Diskussion

13:45 Uhr Mittagspause

2. "Invented Traditions": Denkmalpflege und Nachkriegsmoderne im Staatssozialismus
In den 1970er Jahren kam es in der DDR zu gewichtigen politischen Richtungsänderungen, die auch Auswirkungen auf das kulturelle Selbstverständnis hatten. Das 1975 beschlosene Denkmalpflegegesetz legte besonderen Wert auf Denkmale, die zur Herausbildung eines Bildes der DDR als eigene Nation beitragen konnten. Der sozialistische Denkmalbegriff ermöglichte es, auch Zeugnisse aus der jüngsten Vergangenheit unter Schutz zu stellen. So fanden sich auf der Zentralen Denkmalliste neben Objekten des Wiederauf­baus auch junge technische Denkmale wie der Berliner Fernsehturm (1969). Auf den Bezirks- und Kreislisten wurden, wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung, auch Bauten aus den 1970ern verzeichnet. Anhand eines unvollendet gebliebenen Buchprojekts des Instituts für Denkmalpflege mit dem Titel „Denkmale zur Geschichte der DDR“ wird diese Rolle der Denkmalpflege als „Selektionsinstanz“ aus historischer Perspektive beleuchtet. Die Sektion beschäftigt sich zudem mit dem ideologischen Überbau und fragt nach parallelen Entwicklungen in den „sozialistischen Bruderstaaten“.
Moderation: Johannes Warda (Weimar)

14.45 Uhr
Denkmale der unmittelbaren Vergangenheit – zum sozialistischen Denkmalbegriff in der DDR
Simone Bogner (Weimar)

15.05 Uhr
Fausts Erben. Phasen der Traditionsbildung in der DDR
Hans Georg Lippert (Dresden)

15.25 Uhr
Socialist Heritage. Policy and Practice in Former Yugoslavia
Sandra Uskokovic, Boris Bakal (Dubrovnik/Zagreb)

15.45 Uhr
Diskussion

16:30 Uhr Kaffeepause und Posterausstellung

17:00 Uhr Forschungsfenster
Posterpräsentationen von Katharina Bauer (Wien), Maximiliane Buchner (Innsbruck), Dina Dorothea Dönch und Christopher Falbe (Delft/Weimar), Jan Engelke und Ruben Bernegger (Zürich), Stefanie Gerke (Berlin), Jessica Hänsel (Berlin), Monika Motylinska (Berlin), Verena Pfeiffer Kloss (Cottbus), Nedzla Potogila (Weimar), Bianka Trötschel-Daniels (Osnabrück), Sophia Walk (Dortmund)
Moderation: Johannes Warda (Weimar)

18:00 Uhr Apéro

Freitag, 13. März 2015

3. Denkmalbegriff erweitert? Konjunkturen des Nachdenkens über den Denkmalwert von Zeugnissen der Nachkriegsmoderne
Die Sektion untersucht denkmalpflegerische Wertbildungsprozesse der Nachkriegszeit im internationalen und im interdisziplinären Vergleich. Ausgangspunkt ist eine Diskursanalyse der Debatten rund um das Europäische Denkmalschutzjahr 1975, das die Nachkriegsarchitektur erstmals – wenn auch nur als Negativfolie – einer konservatorischen Betrachtung unterzogen hat. Die Analyse stellt insbesondere auch solche Positionen heraus, die gewichtige Beiträge zur Formulierung einer zukunftsfähigen Konservierungspraxis geleistet hatten, bisher aber aus unterschiedlichen Gründen keinen Eingang in den common sense der Denkmalpflege gefunden haben. Gefragt wird nicht nur nach zu aktu­alisierenden Bewertungsstrategien und den Strukturen von Beteiligung in der Denkmal­pflege, sondern auch nach der Rolle der der­ Vermittlung und Kommunikation von Wertbildung in der Denkmalpflege. Wie werden Denkmale der Moderne wahrgenommen? Welchen Wert besitzt Nachkriegsarchitektur für die Gegenwart? Was ist Denkmalwert in Zukunft?
Moderation: Ingrid Scheurmann (Dortmund)

09.00 Uhr
Die Denkmaldebatten der 1970er Jahre in Europa
Kerstin Stamm (Dortmund)

09.20 Uhr
Gutes und schlechtes Erbe. Wiederaufbau- und Nachkriegsmodernearchitektur — zwei Pole der polnischen Denkmalpflege nach der Wende
Agnieszka Zabłocka Kos

09.40 Uhr
Nach uns die Sintflut. Ist digitales Erbe denkmalwert?
Bernhard Serexhe (Karlsruhe)

10.00 Uhr Diskussion
Gast: Dietmar Schenk (Berlin)

10:40 Uhr Kaffeepause

4. Denkmäler der Moderne und das Placemaking von Migranten
In einer immer stärker vernetzten und globalisierten Welt gelingt vielen Migranten der Spagat, in einer neuen Heimat die kulturellen Bezüge zu ihrer Herkunft lebendig zu halten. Moderne Kommunikations- und Transportmittel ermöglichen oftmals ein paralleles Leben in zwei oder mehr Kulturen. Aber welche Auswirkungen haben derartige transkulturelle Einflüsse auf das gesamtkulturelle Wertempfinden? Auf der Grundlage von Gedächtnistheorie, emotions- und stadtsoziologischen Theorien untersucht die Sektion die Beziehungen zwischen Migranten und der spätmodernen Architektur. Ein Schwerpunkt liegt auf der deutschen Zeitgeschichte und den Binnenmigrationsbewegungen von Kriegsflüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch der Ansiedlung von Gastarbeitern. Viele Migranten haben die baulich räumliche Umwelt seither entscheidend mitgestaltet. Lassen sich diese Einflüsse auch in der kollektiven Erinnerungskultur wiederfinden?
Moderation: Frank Eckardt (Weimar)

11.00 Uhr
Was ist geblieben von denen, die geblieben sind? – Migranten und das Erbe der Nachkriegsmoderne
Carsten Müller (Weimar)

11.20 Uhr
Heritage and Cultural Diversity: Dealing with Immigrants’ Culturesv in a Multicultural Society
Lika Sharifi Sadegh (Weimar)

11.40 Uhr
Unsichtbare Spuren. Versteckte Bedeutungen Kreuzberger Ereignisorte aus „türkischer“ Perspektive
Gülsah Stapel (Berlin)

12.00 Uhr Diskussion

12:40 Uhr Mittagspause

5. Gebaute Großobjekte der Moderne — Denkmal, Mahnmal, Hypothek, Ressource?
Diese Sektion untersucht die besonderen Herausforderungen, die sich mit den gebauten Großstrukturen der Moderne stellen. Gefragt wird etwa danach, inwieweit große Volumen, Megastrukturen, Großformen und Bausysteme bereits in der Planung auf ihre Bewahrung bzw. Weiterentwicklung hin angelegt waren. Die zur Debatte stehenden Großobjekte übernehmen die Aufgaben ganzer Stadtviertel, sind zugleich aber als einheitliche architektonische Entwürfe konzipiert. Konventionelle Stadtviertel können ihre Integrität auch bei einem allmählichen Austausch der einzelnen Häuser und Nutzungen bewahren und sind dadurch sehr robust. Die Großstrukturen der 1960er und 1970er Jahre haben sich hingegen als störanfällig erwiesen, wenn sie nicht in der ursprünglich konzipierten Weise weitergenutzt bzw. baulich integral erhalten werden können. Welche Werte werden aus städtebaulicher und denkmalpflegerischer Sicht heute mit diesen Bauten verbunden – und wie kann auch weniger Wertvolles sinnvoll weiterentwickelt werden?
Moderation: Wolfgang Sonne (Dortmund)

13.40 Uhr
Dinosaurier der Moderne. Das Große in der Architekturtheorie der
Nachkriegszeit
Sonja Hnilica (Dortmund)

14.00 Uhr
„... eine bedauernswerte Realität“ Hochschulbausysteme und Systembauten der 1960er und 1970er Jahre
Silke Langenberg (München)

14.20 Uhr
BIG! BAD? MODERN. Ein Forschungsprojekt der Akademie der bildenden Künste Wien
Angelika Schnell, Lisa Schmidt-Colinet (Wien)

14.40 Uhr Diskussion

15.30 Uhr Podium und Abschlussdiskussion
Zukunft der Moderne: Eine Herausforderung für die Denkmalpflege
mit den W D W M - Kooperationspartner/innen Martin Bredenbeck (Bonn), Miles Glendinning (Edinburgh), Marieke Kuipers (Delft), Bernhard Serexhe (Karlsruhe), Massimo Visone (Neapel), Barbara Welzel (Dortmund), Agnieszka Zabłocka-Kos (Wrocław).
Moderation: Bernd Euler-­Rolle (Wien)

Tagungsort
TU Dortmund, Campus Süd
Rudolf-Chaudoire-Pavillon
Baroper Straße 297
44221 Dortmund

Die Tagung steht allen Interessierten offen, die Teilnahme ist kostenfrei.
Um Anmeldung bis zum 1. März 2015 auf der WDWM-Webseite www.wdwm.info wird gebeten.