Ausstellungsbesprechungen

Weltenwandler – Die Kunst der Outsider, Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main, bis 9. Januar 2011

Das Denken jenseits der Norm lässt fantastische Werke entstehen. Gebunden an die schöpferischen Fähigkeiten, an seelische Zustände, die vom Alltäglichen, „Normalen“ mehr oder weniger abweichen, enthüllen Outsider-Künstler in ihren Werken Unerwartetes. Häufig am Rande der Gesellschaft stehend, beleuchten sie die Grenzen und Widersprüchlichkeiten des menschlichen Daseins und vermitteln eine tiefe Unruhe über die Beziehungen zwischen Wirklichkeit und Fantasie. Günter Baumann hat sich mit den "Outsider"-Künstlern auseinander gesetzt.

Im Sommer 2010 stellte die Salzburger Galerie Altnöder Arbeiten von Josef Karl Rädler (1844–1917) aus, der unter den so genannten Außenseitern bislang relativ wenig Beachtung gefunden hatte. Der Erfolg war verblüffend, gemessen am regen Interesse des Publikums, das größenteils aus dem erlauchten Festspiel-Olymp herkam. Neben der Hommage für Rädler waren Bilder von Kurt Hüpfner, Erich Prager, Ernst Schmid und aus der Gugging-›Gemeinde‹ (allen voran August Walla) zu sehen. Was dort in Österreich im Kleinen (und zugleich im weltläufig Mondänen) deutlich wurde, hat sich in Frankfurt im Großen (und sozusagen in der gesellschaftlichen Breite) bestätigt: Die Kunst von geistig und seelisch kranken oder gebrochenen Menschen ist aus der Kunstgeschichte nicht mehr wegzudenken, sie liefert einen wichtigen Beitrag in der Ausstellungslandschaft. Dazu kommt die Erkenntnis, dass es nicht mehr möglich ist, den Komplex dieser Kunst umfassend darzustellen – Rädler und die anderen genannten Künstler sind in Frankfurt gar nicht präsent, von Walla abgesehen. Angesichts der Bandbreite ist das freilich so verständlich wie bedauerlich: Gerade Rädler zeigte bereits Anfang des 20. Jahrhunderts interessante, da vorausweisende Anknüpfungspunkte an die Neue Sachlichkeit. Ebensolches lässt sich bei Aloise (A. Corbaz; 1886-1964) konstatieren, die — wie viele psychisch kranke Künstler — der Art brut angehörte. Es sei jedoch angemerkt, dass die Art brut kein Sammelbecken für jene im halben oder ganzen Wahnsinn entstandene Kunst bildet. Sowohl die Salzburger Galerie als auch die Schirn behalfen und behelfen sich bei der Einordnung mit dem unscharfen Begriff der Außenseiter bzw. Outsider. Das schafft eher neue Fragen, als dass es zur kunsthistorischen Klärung beiträgt. Denn wie schnell ist man dabei, einen Künstler als Outsider zu bezeichnen, wenn nicht überhaupt ein Outsider-Blick notwendig ist, um künstlerisch auf die Außenwelt reagieren zu können. Außerdem würde man dem Krankheitsbild mancher hier präsentierten Künstler nicht gerecht werden, sie mit dem Begriff potentiell oder tendentiell aus der gesellschaftlichen Norm ausschließen – was man im Fall von (manisch) depressiven oder schizoiden Nichtkünstlern heutzutage kaum noch machen würde. Allerdings sind Ersatzbegriffe wie »Self-taught Art« oder die Kunst der »neurodivers« noch abschreckender.

Es zeichnet gerade viele der Künstler und Künstlerinnen aus, dass sie – unterstellt, sie wären nach landläufiger Vorstellung »normal«, das heißt oft schon, dass man nur ihre Arbeiten vor Augen hat, ohne den biografischen Bezug zu kennen – ganz eigenständige Positionen vertreten. Hinreißend etwa sind die breiten Frauenaufmärsche der Magde Gill (1882–1961). Im ›wahren‹ Leben ging sie eine Verbindung mit einem Geist namens Myrninerest ein, der auch die Unterschriftszeile von Gills Bildern ziert. Gezeichnet von persönlichen Schicksalsschlägen, erkrankte sie psychisch, begann aber erst nach ihrer weitgehenden Genesung zu zeichnen: Tausende Arbeiten, teils Kritzeleien, wohl mit obsessivem Interesse für das weibliche Gesicht und florale Phantasiewelten. Aber die kreative Energie ist überwältigend. Wäre ihr Werk vor ihrem Tod 1961 bekannt gewesen, hätte sie als lyrische Seitenläuferin von Cobra- und anderen Künstlern Furore machen können. So problematisch nun der Outsider-Begriff ist, so wunderbar passt der Haupttitel »Weltenwandler«, der zwar auch wenig über die aus einem Krankheitsbild hervorgegangene Kunst aussagt, der aber die phantastische Zwischenwelt mit einem poetischen Bild unterlegt, das aufs Schönste ›kranke‹ und ›gesunde‹ so ineins fasst, dass diese Kategorien sich glücklich aufheben.

Die Frankfurter Ausstellung zeigt bekannte Positionen, an erster Stelle Bilder von Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892–1982) und von Adolf Wölfli (1864–1930), deren Werk hinlänglich bekannt und wohl auch erforscht ist. Sie haben früh die Erforschung der Kunst von »Geisteskranken« auf eine seriöse Basis gestellt. Was die Schirn-Schau darüber hinaus leistet, ist enorm. Denn mit A.C.M. (geb. 1951), George Widener (geb. 1962) und Birgit Ziegert (geb. 1966) sind auch vergleichsweise junge Künstler vertreten. A.C.M. (»Alfred Corinne Marié«, d.h. Alfred, verheiratet mit Corinne), der unter der Fürsorge seiner Frau arbeitet, konstruiert aus elektronischen Teilchen, PC-Schrott und anderen Fundstücken monströse Plastiken; der ehemalige Air-Force-Techniker Widener nutzt seine Inselbegabung, um hochkomplexe Computerwelten zu entwerfen; die am Down-Syndrom leidende Ziegert schafft auf Plastikplanen, Leinwänden und anderen Untergründen gezeichnete, getuschte und gestickte Bilder.

Der Philosoph Michel Foucault, auch er ein – ganz anderer – Outsider, schrieb: »Mitten in der heiteren Welt der Geisteskrankheit kommuniziert der moderne Mensch nicht mehr mit dem Irren«. Man kann zu diesem Satz verschiedener Meinung sein, er stimmt dennoch versöhnlich. Er passt zu dieser schönen, das Weltenwandlertum beflügelnden Ausstellung.

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