Ausstellungsbesprechungen

Weltklasse – Die Düsseldorfer Malerschule 1819–1918, Museum Kunstpalast Düsseldorf, bis 22. Januar 2012

Wenn von europäischen Kunstzentren die Rede ist, streift man kaum Düsseldorf, wenn es nicht gerade um die Nachkriegsmoderne geht. Zu Unrecht: Das dortige Museum Kunstpalast hat in einem unglaublichen Kraftakt die so genannte Düsseldorfer Malerschule aufgearbeitet – immerhin verfügt es über die größte einschlägige Sammlung der Welt. Günter Baumann hat sich die Schau angesehen.

Um den Superlativ in gebührenden Licht erstrahlen zu lassen, muss man sich die dazu gehörigen Zahlen vor Augen führen: Über 1000 Gemälde und 5000 Zeichnungen, die in dem Aktionszeitraum der Schule von rund 100 Jahren entstanden sind, umfasst die Sammlung. Durch die internationalen Verflechtungen lässt sich der Superlativ jedoch noch steigern, wovon die Leihgaben aus 17 Ländern ein Lied singen können. Die Kuratorin Bettina Baumgärtel konnte – zumindest theoretisch – auf nicht weniger als 4000 Künstler zurückgreifen, die die einst königlich-preußische Kunstakademie in Düsseldorf besucht hatten: als Schüler oder Lehrer. Da nimmt es sich zwar bescheiden aus, wenn auch rund 60 Privatschülerinnen die Namenliste zieren, doch wenn man bedenkt, dass Frauen praktisch keine Möglichkeiten zur künstlerischen Entfaltung hatten, ist auch diese Zahl imponierend.

Baumgärtel hat 450 Gemälde und Plastiken, Zeichnungen und Grafiken, Buchillustrationen und Fotos ausgewählt, die die Bandbreite der Schule, einzelner Kreise und Stilentwicklungen über das 19. Jahrhundert hinweg inklusive so mancher Richtungskämpfe markant verdeutlichen. Der begleitende Katalog sorgt für eine lückenlose Darstellung und reagiert auf Bildverluste (etwa bei der Wandmalerei) oder versicherungstechnische Beschaffungsprobleme: So würdigt ein Kapitel das pathosgetragene Gemälde »Washington überquert den Delaware« (New York, Metropolitan Museum of Art) von Emanuel Leutze, das zu den renommiertesten Werken der Schule gehört, aber nicht ausgeliehen werden kann. Kleiner Trost ist ein noch recht stattlicher Stahlstich desselben Motivs.

Um den Durchkreuzungspunkt zu verdeutlichen, der Düsseldorf offenbar über Jahrzehnte hinweg war, muss man die Linien zu den Nazarenern, zur Schule von Barbizon oder Den Haag genauso wie zu Worpswede und auch zu Künstlerkreisen in Skandinavien und Russland betonen. Die Strahlkraft war enorm, im 19. Jahrhundert zählt die Stadt am Rhein neben Berlin zu den regsten Kunstzentren, was nicht von ungefähr kommt. Drahtzieher der Düsseldorfer Schule war neben dem Nazarener Peter von Cornelius auch der Berliner Friedrich Wilhelm von Schadow (1788–1862), Sohn des bekannten Bildhauers Johann Gottfried Schadow.

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Schadows Vita und sein Werk sind bezeichnend für die Entwicklung der Schule: Ausbildung in Berlin mit idealistischer Ausrichtung, Bildungsreise nach Italien, wo er Kontakt mit den Nazarenern aufnimmt (von Cornelius, Overbeck u.a.), aus deren Mitte die Lukasgilde entstand, der Schadow beitrat. Über Berlin gelangte er nach Düsseldorf, in Begleitung einer Schar von Schülern (Carl Friedrich Lessing, Julius Hübner, Eduard Bendemann u.a.) – und im Umfeld seiner nazarenischen Freunde: Peter von Cornelius war sein Vorgänger im Amt. Seine Feinmalerei mit einem großen Gespür für realistische Details ermöglichten künstlerische Bestrebungen, die die Schule im Laufe der Zeit von einem idealistischen zu einem realistischen Sammelbecken werden ließen. Schadows Triptychon »Purgatorium – Paradies – Hölle« und Eduard von Gebhardts »Auferstehung des Lazarus« loten beispielhaft eine ganze Welt zwischen Pose und Ausdruck aus.

Mit wachsendem Ruf verstärkte sich auch die Sogwirkung, die von Düsseldorf ausging. So fand man den amerikanischen Maler Leutze, der ohnehin deutsche Wurzeln hatte, hier, genauso wie den Schweizer Arnold Böcklin – wer hätte ihn im Wirkungskreis der Düsseldorfer vermutet? Der Anziehungskraft folgten notgedrungen auch die Fliehkräfte im positiven Sinne: Zahlreiche Schulen bildeten sich nach Düsseldorfer Inhalten in ganz Europa und in den USA. Verschweigen darf man freilich nicht den teils süßlichen Religionskitsch, die mitunter auch seichte Feld-, Wald- und Flurromantik oder das rückwärtsgewandte Geschichtsverständnis, die im 19. Jahrhundert flächendeckend und also auch in der Düsseldorfer Malerschule auftauchten.

»Weltklasse« heißt zwar der Ausstellungstitel, aber der Slogan bedient eher den im Großen und Ganzen verblüfften Besucher als etwa den Leser des Katalogs, der auf die schmissige Formel verzichten kann. Hier wie dort wird der aufmerksame und historisch versierte Betrachter für sich einen tatsächlich auf Weltklasseniveau stehenden Ertrag aus der Fülle an Positionen schöpfen. Selbst die klassischen Referenzen erzählen indirekt vom Griff nach den Sternen: Raffael einerseits, Rubens oder Ruisdael andrerseits – der Idealismus wie der Realismus kamen nicht von ungefähr. Während heute besonders das religiöse Sujet und der historische Monumentalismus aus dem 19. Jahrhundert etwas aus dem Blick geraten ist, begeistern die Landschaftsbilder umso mehr. Highlights sind etwa dramatische Arbeiten wie »Rheinstein« von Sanford Robinson Gifford, Carl Friedrich Lessings »Landschaft aus dem Dreißigjährigem Krieg« und Eugen Brechts »Der Erschlagene« einerseits oder ganz unspektakuläre Gemälde, wie die »Bachschleuse« von Johann Wilhelm Schirmer und die »Wasserrinne« des Andrej Schilder.

Mit Max Liebermann und Otto Modersohn sind die Grenzmarken der Düsseldorfer Schule zur Moderne hin gesetzt. Doch auch späte Genres, man denke an Jeanna Baucks »Dänische Künstlerin Bertha Wegmann, ein Porträt malend« oder – vice versa – Wegmanns »Bildnis der Malerin Jeanna Bauck«, sind außerordentlich imponierend, und nach wie vor von irritierender Schönheit und Symbolkraft sind Bilder wie »Italia und Germania« von Johann Friedrich Overbeck bzw. Theodor Rehbenitz. Letztlich versöhnen auch innig (nach)empfundene Werke, etwa Ernst Degers »Verkündigung«, mit dem arg gefühlsträchtigenReligionsbild.

Zu dieser beeindruckenden Werkschau ist ein zweibändiger, fast 1000-seitiger Katalog erschienen, dem man nur gerecht wird, wenn man ihn als Mammutwerk bezeichnet. Er bietet erstmals einen Überblick über die Düsseldorfer Malerschule im internationalen Kontext von der Romantik über den Biedermeier bis zum Realismus, der zudem in den deutschen Impressionismus hineingreift. Der Essayband enthält über 25 Beiträgen von international ausgewiesenen Experten, die auf Forschungsergebnisse eines internationalen Symposiums im Januar 2011 im Museum Kunstpalast zurückgreifen konnten. Mit der Chronik der Malerschule von 1819 bis 1918 und dem eigentlichen Katalogband ist das Opus eine Fundgrube als Nachschlagewerk und anregender Bildband.