Ausstellungsbesprechungen

Weltraum. Die Kunst und ein Traum, Kunsthalle Wien, Halle 1, bis 15. August 2011

Der erste bemannte Raumflug durch den sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin im Jahr 1961 war ein Schlüsselereignis in der Raumfahrt – und sein 50-jähriges Jubiläum mit ein Anlass zur Ausstellung. »Weltraum« spiegelt in 50 künstlerischen Positionen aus fünf Jahrzehnten die ästhetischen, metaphorischen und politischen Dimensionen, die sich mit der Vorstellung vom All verknüpfen, wider. In einer Vielzahl von Medien – Malerei, Zeichnung, Film, Foto, Druckgrafik, Multimediainstallation – wird der Frage nachgespürt, welche ästhetischen und gesellschaftspolitischen Utopien der Weltraum heute noch zu entfesseln imstande ist. Günter Baumann hat sich die Ausstellung angesehen.

"Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 1961. Dies sind die Abenteuer eines Mannes, der als erster Mensch unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen.« – Der weibliche Offizier Uhura lässt einen Science-fiction-Fan schon in Verzückung geraten – sie begegnet dem Besucher der Ausstellung Weltraum in der Kunsthalle Wien: In einem Video-Loop zeigt Simone Leigh die Schauspielerin Nichelle Nichols in der Rolle der Uhura aus der ›Enterprise‹-Crew, die im Begriff ist, den Kommunikationskanal freizugeben. Diese künstlerische Chiffre für einen »interracial dialogue«, die einen modernen Kinomythos benützt, um das Rassenbewusstsein zu schärfen, ist zum einen ein biographischer Hinweis auf das Herkommen der jamaikanisch-/US-amerikanischen Künstlerin, zum anderen ein Spiel mit realitätsnahen Weltraummärchen, die in der oben anzitierten, wenn auch verfremdeten Einstiegssequenz aus dem Filmepos »Raumschiff Enterprise« anklingen: Gemeint ist der Weltraumflug Juri Gagarins, der sich 2011 zum fünfzigsten Mal jährt.

Der konkrete Anlass macht die Wiener Ausstellung – getragen von der Kunsthalle und dem Naturhistorischen Museum in Wien – zum mehrdimensionalen Event: (inter-)galaktische Phantasie, technischer Utopismus, Raumillusion, Science-fiction-Kitsch, entgrenzte Sehnsucht und ernüchterte Bilanz rationaler Betrachtung. Der Zweittitel der Weltraum-Schau verbindet denn auch Kunst und Traum, die Wirklichkeit ist stillschweigend inbegriffen. Alle Facetten sind zuweilen nahezu alltäglich vereint, wenn beispielsweise Eve Sussman & Rufus Corporation eine Installation mit »Yuri's Office« darbieten – die Ikone der sowjetischen Raumfahrt wird gleichermaßen entmythologisiert wie kunstvoll geehrt, ein Heros als Allerweltsheld. Svetlana Boym hat eine solche Memorabilien-Technik als »reflektive Nostalgie« bezeichnet. Auf der anderen Seite der künstlerischen Auseinandersetzung stehen etwa die poppigen Comicversionen des Raum-Traums von Vladimir Dubossarsky und Alexander Vinogradov: Ob da einmal in dem Gemälde »Earth wins!« extraterrestrische Wesen ein paar Tränen verdrücken müssen angesichts eines verlorenen Fußballmatches gegen triumphierende Erdlinge (die mit gekonnter Ironie wie die heroisch-kitschigen Arbeiter der alten Sowjetästhetik posieren), oder ob in »Cosmonaut No. 1« das Antlitz einer Barbie-Schönheit mit Sowjethelm vor dem sternfunkelnden Weltall zu schweben scheint (es gab sie wirklich, die – allerdings westliche – ›Miss Astronaut Barbie‹ anno 1965): Der Spaß an der Thematik ist unübersehbar.

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Die Bandbreite der Ausstellung ist, zumindest intellektuell (den irdischen Räumlichkeiten sind freilich Grenzen gesetzt), so gewaltig wie die Weite des Universums. Man nehme nur die Videos von Charles und Ray Eames, die im visuellen Gleitflug den Makro- und Mikrokosmos durcheilen – die Milchstraße so gewichtig oder nichtig wie ein Schläfchen auf der Wiese oder die Poren eines Stückchens Haut. Unendliche Weiten scheinen zu existieren zwischen dem »Ältesten Stück Ding« von Mahony, einem ungestalten Klumpen aus Ton, Schuhcreme, Fotografie usw., und dem Lichtkastendruck einer asiatisch anmutenden Puppenfigur von Mariko Mori (»Genesis / Soap Bubbles«), deren runde Kostümdekors wie die Seifenblasen mit der fernen Erdkugel konkurrieren. Auf der Brücke des musealen Schiffes präsentieren sich allerhand beeindruckende Künstlerinnen und Künstler – denen die Menge weniger bekannter Persönlichkeiten auf der Mann-(wie Frau-)schaftsebene kaum nachstehen: der polnische Videokünstler Pawel Althamer, Angela Bulloch mit intensiven Nachthimmelimpressionen, Sylvie Fleury mit einer Kunstpelzrakete, William Kentridge, dessen animierten Videos Zeichnung und Film zusammenführen, Robert Rauschenberg wie Andy Warhol als Veteranen einer weltraumbegeisterten Kunst, die wunderbare Pipilotta Rist oder der geniale Becher-Schüler Thomas Ruff, Wilhelm Sasnal, einer der wichtigsten figurativen Maler der Gegenwart und andere mehr. Der Verlag für moderne Kunst hat das Vergnügen, das die Ausstellung bietet, zwischen einem goldglänzenden Umschlag weitergeführt und mit einem flotten Design auf Whorp-Niveau gebracht.

Sonstiges

Die Gesamtliste der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler:

Paweł Althamer, Eric Andersen, Julieta Aranda, Artsat, Angela Bulloch, Björn Dahlem, Vladimir Dubossarsky & Alexander Vinogradov, Charles and Ray Eames, Sylvie Fleury, Agnes Fuchs, Daniel & Geo Fuchs, Loris Gréaud, Judith Hopf, Dona Jalufka, Toril Johannessen, William Kentridge, Lena Lapschina, Simone Leigh, Jen Liu, Basim Magdy, Mahony, Aleksandra Mir, Jyoti Mistry, monochrom, Mariko Mori, Gianni Motti, Deimantas Narkevičius, Katie Paterson, Simon Patterson, Amalia Pica, Christian Pußwald, Robert Rauschenberg, Pipilotti Rist, Thomas Ruff, Tom Sachs, Wilhelm Sasnal, Charles Schmidt, Michael Snow, Andrei Sokolov, Hildegard Spielhofer, Eve Sussman & Rufus Corporation, Rirkrit Tiravanija, Keith Tyson, Christian Waldvogel, Andy Warhol, Orson Welles, Nives Widauer, Jane & Louise Wilson, Virginie Yassef, Carey Young.

Katalog:
Weltraum. Die Kunst und ein Traum. Von Catherine Hug. Hrsg. von der Kunsthalle Wien und von Gerald Matt. Nürnberg: Verlag für moderne Kunst, 2011.
ISBN 978-3-86984-175-5

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