Ausstellungsbesprechungen

Weltsichten - Blick über den Tellerrand, Linden-Museum Stuttgart, bis 8. Januar 2012

Das Stuttgarter Völkerkundemuseum, das nach Karl Graf von Linden benannte Linden-Museum, feiert 2011 sein 100. Bestehen und zeigt aus diesem Anlass die Ausstellung »Weltsichten«. Sie öffnet in kulturvergleichenden Inszenierungen den Blick für die faszinierende Vielfalt unserer Welt. Günter Baumann berichtet von seinem Besuch.

Die Ausstellung ist so groß angelegt, dass die Räume des Linden-Museums nicht ausreichten und die Ausstellungsmacher auf das Kunstgebäude am Schlossplatz mit 2000 qm Ausstellungsfläche zurückgriffen: An diesem Faktum ist leider abzulesen, warum dieses staatliche und stattliche Museum an der Peripherie des Stuttgarter Zentrums um ein Plätzchen im öffentlichen Bewusstsein buhlen muss, obwohl sein Ruf weit über die Grenzen der Stadt hinaus geht.

Zwar hat das Haus – übrigens das einzige seiner Art in Baden-Württemberg – aus der Not, kaum ausreichend Fläche (und Geld) für Sonderausstellungen zu haben, eine Tugend gemacht und ihre Dauerausstellungsräume vorbildlich aufgebaut. So ist es zu bedauern, dass die Weltsichten-Schau ausquartiert wurde – der Faden zum Museum geht dabei allzu schnell verloren. Andrerseits rückten die ethnologischen Fernsichten näher ins Zentrum der Stadt, wo man die Werbetrommel für das randständige Museum rühren kann. Der Besuch lohnt sich, da man in thematisch geordneten, in sich geöffneten Parcours allen außereuropäischen Kulturen begegnet – ohne sich in theoretischen Wüsten zu verirren. Im Gegenteil: Die familienfreundliche, recht aufgeweckte und durch allerhand praktische Betätigungsstationen für junge (und erwachsene) Kinder ergänzte Präsentation ist so kurzweilig, dass man die Fülle der Exponate und der dargebotenen Welten kaum als solche wahrnimmt. Es sollen 400 Objekte sein, darunter Mini-Netsukes aus Japan als Kleidungsaccessoires oder moderne Gebetswecker mit Kompassfunktion für die pünktliche Ausrichtung gen Mekka. Das wertvollste Objekt der Schau ist weder Gold noch Edelstein, sondern ein sechs Meter langes Festtagsboot aus Papua-Neuguinea, erst rund 100 Jahre alt.

Während schon das Stammhaus die behäbige Vitrinenseligkeit völkerkundlicher Museen in den vergangenen Jahren durch Environments aufgelockert hat, ist das Panoptikum an Göttern, Menschen und Geistern aus aller Welt fast zum Greifen nah. Angefangen bei einem altmexikanischen Kalender, chinesische Orakelknochen bis hin zu modernen, zuweilen schrulligen Adaptionen althergebrachter Riten – das digitale Zeitalter macht vor den Gespenstern der Vergangenheit nicht Halt. Den Ausstellungsmachern ist dabei die Lust abzunehmen, mit der sie das üppige Areal abgesteckt haben.

Die Abschnitte behandeln die Verortungen und die Zeitvorstellungen der jeweiligen Völker, tauchen in die Familienstrukturen ein, werfen ein Licht auf die Machtstrukturen der Kulturen. Die keilförmig in den größeren Ausstellungsraum hineingearbeiteten Themenfelder lassen immer auch den Blick auf andere Ethnien und andere Zeitverhältnisse zu, sodass sich kaum merklich ein Informationsnetz über die Exponate legt, die eher auf Verbindungen denn auf Trennmarkierungen setzt. Ob dabei der Blick auf das je Besondere geschärft wird, kann man bestreiten, aber eine solche Tiefschürfung könnte man allenfalls im Linden-Museum nachholen, um dessen Geschichte es schließlich auch geht. Dort lagern etwa 160.000 Objekte. Fremde und teilweise vergangene Kulturen, Religionen und Gesellschaften sind nicht im Schnellkurs zu begreifen. Für eine erste Einstimmung auf eine völkerkundliche Betrachtung sind die in Stuttgart gezeigten Ansichten jedoch bestens geeignet. In dem sogenannten Glasgang, der den Kuppelsaal mit dem großen Vierecksaal verbindet, werden Kurzfilme gezeigt, außerdem kann man sich mit dem sehr gut ausgestatteten Katalog auch außermuseale Informationen und klug fokussierte Geschichte(n) aneignen.