Ausstellungsbesprechungen

Werner Heldt, Berliner Träume

Sintflut in Berlin. Flutwellen branden durch die Straßenschluchten der Großstadt. Dampfer und Segelschiff ersetzen Droschke und Omnibus an den Plätzen der menschenleeren Metropole. Berlin am Meer. Solche Bilder seiner Heimatstadt ziehen sich wie ein Leitmotiv durch das Spätwerk von Werner Heldt (1904-1954).

Mit 70 markanten Gemälden, Grafiken und Zeichnungen ehrt nun das Sprengel Museum diesen melancholischen Chronisten von Gesehenem und Geträumten. 

 

 

 

 

Schwermütig und ruhelos ist bereits die dunkle unterirdische Welt von Heldts "Traumzeichnungen" aus den  frühen dreißiger Jahren. Mit diesen Untersuchungen einer eigenen inneren Realität entfernt er sich von seinen frühen Milieustudien und entflieht gleichzeitig den bedrückenden und einengenden politischen Wirklichkeiten jener Zeit. Nach Kriegsdienst und Gefangenschaft kehrt Heldt in die Trümmerstadt Berlin zurück; es fängt eine letzte intensive und kreative Phase an, die bis zum frühen Tod 1954 andauert.

  
Heldt schafft in dieser Zeit sachte und poetische Arbeiten, die sich eindringlich mit der Realität der Ruinen auseinander setzen, aber nicht dokumentieren. Aus einem Fenster blickt man etwa auf karge Häuserzeilen und Fassaden; auf der Fensterbank - im Schutze des Innenraums - ist ein Stillleben. Ergreifend ist das Gemälde aus dieser Werkgruppe, auf dem vor der Stadtsilhouette im Fenster ein toter schwarzer Vogel liegt, dessen Flügel dennoch wie im Flug ausgespannt sind.

 

 

 

 

Aus dem Bild der Trümmer träumt Heldt mal eine gespenstische, mal eine idyllische Meereslandschaft und stellt, wie er einmal schrieb, den "Sieg der Natur über das Menschenwerk" dar. Mit einer immer abstrakteren Stilsprache lässt er die typischen Wohnhäuser Berlins stehen, überführt aber die umliegende märkische Stadtlandschaft, die einst tatsächlich Meeresboden gewesen ist, im ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen in eine Sintflut-Vision. Die Trümmerhaufen verwandeln sich in apokalyptische Fluten oder es bilden sich ruhigen Seen mitten in der noch heil wirkenden aber unbewohnten Stadt. Es ist gerade diese Verbindung von Traum und Wirklichkeit, von Erinnertem und Ersehntem, die Heldts Nachkriegsbilder so erschütternd macht.

 

 

Dank mehreren Ausstellungen seit Ende der vierziger Jahre in der Kestner-Gesellschaft sowie in Dieter Brusbergs damaliger hannoverscher Galerie ist Heldts Werk hier gut bekannt gewesen. Deswegen beherbergt Hannover wohl auch zwei der größten Privatsammlungen seiner Arbeiten überhaupt. Aus diesen Quellen konnte das Sprengel Museum zur Ergänzung des eigenen Bestands schöpfen. Entstanden ist eine facettenreiche Retrospektive, die uns eine bewegte Zeit aus einer sehr persönlichen künstlerischen Perspektive nahe bringt.

 

Diese Rezension wurde erstmalig am 29.09.2004 in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung veröffentlicht.

Weitere Informationen

Öffnungszeiten
Dienstag 10 - 20 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10 - 18 Uhr
Montag geschlossen

Eintrittspreise
- Sammlung
Tageskarte: 3,50 € ermäßigt 2,00 €
- Wechselausstellung
Tageskarte: 4,00 € ermäßigt 2,60 €

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