Buchrezensionen

Werner Hofmann: Die Schönheit ist eine Linie. 13 Variationen über ein Thema. C.H. Beck 2014

Vor anderthalb Jahren ist der große deutsche Kunsthistoriker Werner Hofmann gestorben. In seinem Nachlass fand sich ein fast abgeschlossenes Manuskript, das in diesem Herbst als Buch erschienen ist. Hofmanns letztes Wort gilt einem der Grundelemente von Kunst überhaupt: der Linie. Stefan Diebitz hat es gelesen.

Werner Hofmann war vielleicht kein Dualist, aber er liebte die Darstellung von Gegensätzen über alles. Besonders deutlich wird dies in seinem 2010 erschienenen Buch über die Phantastik in der Kunst (»Phantasiestücke«), in dem er die Existenz zweier Haupttendenzen der europäischen Kunst behauptet, einer realistischen und einer phantastischen. Schon in diesem Buch stellt er die Linie in den Mittelpunkt seiner Überlegungen und betont immer wieder ihre ästhetische Energie. Wenn er also in seinem letzten Werk die Schlangenlinie als »Ereignis, Überraschung und Verwandlung, deren Ausgang offen ist« beschreibt, setzt er eigentlich nur die Überlegungen des älteren Werks fort.

In seinem Buch über die Phantastik erscheint die Linie als der oder wenigstens als ein Ursprung der Phantastik, denn ihre spielerische Beweglichkeit provoziert den fließenden Übergang zur Metamorphose, aus der nach Hofmanns Analysen die Phantastik erwächst. Immer wieder (es ist fast so etwas wie das Leitmotiv der »Phantasiestücke«) zitiert der Autor das Wort Leonardos, dass das Ende der einen Sache der Beginn einer anderen ist. So sind aneinandergereihte Variationen (eines Gesichts wie einer Sache) eine Veranschaulichung unserer Phantasie und einer der Ursprünge der Phantastik. Ähnliches versucht er auch in diesem Buch zu zeigen, besonders in den letzten Kapiteln. An der Großplastik »Berlin« von Brigitte Matschinsky-Denninghoff und Martin Matschinsky, einer Arbeit von 1987, zeigt Hofmann, wie die »geballte Schönlinigkeit bis zu dem Punkt« gesteigert wird, »wo sie jäh in Stümpfe abbricht, auf die keine Partnerschaften zu warten scheinen.«

Werner Hofmann war ein langjähriger Museumsmann – unter anderem Direktor der Hamburger Kunsthalle (1969 bis 1990) – und Autor einer ganzen Fülle wichtiger Bücher, die sich meist mit der Zeit von 1700 bis zur Gegenwart beschäftigen. Aber immer wieder zeigte er auch Interesse an alter, sogar an allerältester Kunst, und so auch in diesem Buch, das tatsächlich die Kunstgeschichte seit der Steinzeit bis in unsere Tage unter einem einzigen Gesichtspunkt behandelt. Dabei sind seine Exkursionen in die Welt der Schlangenlinien keineswegs auf die Welt der Kunst beschränkt, sondern zielen auf den gesamten Menschen und seine Imaginationen. Nicht von ungefähr lauten die drei ersten Worte des ersten Kapitels »Der ›erweiterte Kunstbegriff‹«. Denn die schön geschwungenen Linien sucht er buchstäblich überall auf – in den Höhlenmalereien des Magdalénien wie in mittelalterlichen Gemälden, in den Zeichnungen Dürers ebenso wie in den Gemälden Max Ernsts. Und schließlich wird er auch in der zeitgenössischen Kunst fündig. So wird die Linie das Symbol einer Energie, die unermüdlich auf Verwandlung und Variation abzielt.

Es ist nicht allein die Kunst, auf deren Analyse die sich dieser Autor beschränkt, aber anders als Gottfried Boehm, der mit seinen Arbeiten zu einem »iconic turn« in der Kunstgeschichte aufruft, vermeidet Hofmann philosophierende Passagen und beschränkt sich konsequent auf die Ausdeutung des Gesehenen. Und weil er einerseits ein sehr scharfer Beobachter, andererseits ein genau formulierender Autor ist, kann der Leser daraus eine Menge Honig saugen. Tatsächlich bietet dieses Buch schon Stoff für eine Menge anthropologischer Einsichten, wenngleich sich diese nicht auf den ersten Blick offenbaren.

Bereits die »Analysis of Beauty« von William Hogarth aus dem Jahr 1753 demonstriert auf zwei Kupferstichtafeln so etwas wie den erweiterten Kunstbegriff, denn ihre grafischen Abbreviaturen geben Hofmann die Gelegenheit, nacheinander steinzeitliche Felsmalereien wie Dürer-Zitate zu diskutieren und von der Analyse der Tanzschritte von Bauern auf jene von höfischen Tänzern zu sprechen zu kommen. Diese Beispiele ganz vom Beginn des Buches demonstrieren, wie breit gefächert das Interesse Hofmanns ist.

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Die Überlegungen des Autors zielen auf Vieldeutigkeit und Ambivalenz, und Hofmann betont, dass es ihm »um die graphischen oder dreidimensionalen Symbole der Schlangenhaftigkeit [geht], denen sich mehrstimmige Strukturen ablesen lassen.« Bei dieser Analyse beruft er sich wiederholt auf Heraklit, wenn er sein Interesse an Gegensätzen aller Art beschreibt und damit »die Zeichen zu bifokalen Dialogpartnern aufgewertet«. Mit dem Panofsky-Schüler Edgar Wind spricht er das von diesem entdeckte »Gesetz des Selbstwiderspruchs« an, das Wind besonders bei griechischen Göttergestalten namhaft macht. Griechische Götter tragen nach der Einsicht Winds zwei einander scharf widersprechende Tendenzen in sich, wie Venus, die einerseits Göttin der Eintracht ist, andererseits den Streit liebt, oder wie Hermes, der als Gott der Redekunst nichtsdestotrotz zum Schweigen rät. Ähnlich die Schlange, die sowohl gefürchtet als auch geliebt wird, die sowohl dämonische Züge trägt als auch die einer Beschützerin.

Was, fragt Hofmann also, könnte vieldeutiger als die Schlange sein? Nicht allein bei den Griechen tritt ihre Doppelnatur hervor, sondern auch in der Bibel, im 4. Buch Mose, in dem der Herr »feurige Schlangen unter das Volk« sendet, deren Bisse den Menschen das Leben kostete – es sei denn, dass sie eine von Moses hergestellte bronzene Schlange anschauten, also ein Idol. »Auf engstem Raum«, sagt Hofmann dazu, »wird in dieser Notlage nicht nur die doppelte Natur der Schlange, sondern auch die des Kunstwerks ins Spiel gebracht«.

Man könnte den von Hofmann in seinen »13 Variationen« besungenen Gegensatz auf Zeit und Dauer monoton finden und dieses Weltbild dogmatisch nennen, aber was das Buch so interessant und unbedingt lesenswert macht, ist die ungeheure Spannweite seiner Beobachtungen. Hofmann vermochte sehr, sehr genau hinzuschauen und die für seine Überlegungen zentralen Linien selbst dann zu finden, wenn sie sich noch so sehr versteckten; aber er besaß auch einen Überblick über die Kunstgeschichte, die ihm eine Weltgeschichte der Kunst in nuce zu schreiben erlaubte, und war schließlich, wie es scheint, weitgehend frei von Ideologie.

Merkwürdigerweise findet er die Doppelnatur der Schlange fast überall, nur nicht im Rokoko. »Die Schlange pur spielt im ikonographischen Repertoire des Rokoko keine Rolle. Ihrer Stetigkeit als Wellenlinie […] zieht die nervöse Formenphantasie der Rokokokünstler abrupte, aphoristische Impromptus vor.« Tatsächlich aber kann Roberto Calasso in seinem 2010 erschienenen Essay über Tiepolo (»Das Rosa Tiepolos«) Schlangen als eines von dessen Hauptmotiven wahrscheinlich machen. »Wenn es bei Tiepolo ein Geheimnis gibt,« schreibt der italienische Autor, »dann sind es die Schlangen«. Wie Hofmann in der Weltgeschichte der Kunst überall Schlangen findet, so Calasso im Werk Tiepolos. Trotzdem mag es sein, dass Hofmann recht hat, wenn wir von der einzigen, wenngleich gewichtigen Ausnahme Tiepolo einmal absehen; aber das Rokoko war vielleicht die einheitlichste, die geschlossenste Epoche der Kunst, und so scheint es nicht unlogisch, dass sie dem Symbol der Ambivalenz schlechthin, der Schlange, weniger Platz einräumte als andere Epochen.

Hofmann beginnt mit seinen »Variationen« in der Steinzeit und endet in der Gegenwart, wobei er nicht müde wird, seinen sprachlichen Ausdruck wieder und wieder zu variieren. Er spricht von Vieldeutigkeit und Ambivalenz, er findet Strukturen, die »explodierend und implodierend sind«, die »von innen nach außen und von außen nach innen« gehen; und diese Ambivalenzen erfordern eine entsprechend ambivalente Rezeption, die er »bifokales Sehen« nennt und die ebenso doppelsinnig strukturiert sein muss, weil sie Analyse und Synthese in sich vereint. Dieser Autor war dazu imstande, in seiner Arbeit das von ihm geforderte bifokale Sehen zu demonstrieren und durchzuhalten, und das macht die Lektüre des Buches außerordentlich lohnend. Leider wird kein weiteres mehr dazukommen.