Ausstellungsbesprechungen

Werner Pokorny, H2 - Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast, Augsburg, bis 12. Februar 2012

Für den Bildhauer Werner Pokorny ist das Haus als symbolische und tatsächliche Form ein tragender Bestandteil seines Werks. Aus einzelnen Modulen hat er eigens für das H2 eine Installation entworfen, die erst im Zusammenspiel mit dem sie umgebenden Hallenraum ihre Wirkung entfaltet. Günter Baumann hat sich damit beschäftigt.

Stark abstrahierte, nahezu signethafte Plastiken durchziehen das Werk des Holz- und Stahlbildhauers Werner Pokorny: Häuser, Schalen, Gefäße. Dass sich daraus ein bildgewordener Kosmos erschaffen lässt, zeigt sich zur Zeit in Augsburg, wo der Künstler die Möglichkeit bekam, das H2 – Zentrum für Gegenwartkunst im Glaspalast, einen ehemaligen, recht spröden Industriebau, zu bespielen. In Zeiten, da man schon jedes Treppenhaus als »bespielbar« erachtet, muss man allerdings gleich anmerken, dass dies für die Ausstellung keineswegs eine Floskel ist. Über Jahrzehnt hinweg hat Pokorny ein Modulsystem entwickelt, dessen Elemente sowohl in der monumentalen Freiplastik wie im Modell salopp gesagt an Bauklötzchen erinnert, im besten Sinne des Wortes und in Anlehnung an des Kulturphilosophen Johan Huizinga Beschreibung des »homo ludens« und des Ursprungs der Kultur im Spiel. Der humanistische Hintergrund lässt sich bis zu Friedrich Schiller zurückverfolgen, der den aphoristischen Satz prägte, der Mensch sei »nur da ganz Mensch, wo er spielt«. Im Werk von Werner Pokorny war dies immer schon angelegt, wobei man ihn bisher eher als Schöpfer archetypischer Formen gesehen hat – was freilich nicht im Widerspruch zum spielerischen Charakter seiner Arbeiten steht. Der Grund dafür liegt in der Bearbeitung: Pokorny geht zwar mit der Kettensäge und anderem schweren Gerät an seine Hölzer heran, behandelt sie oftmals mit Feuer, ohne das Material an sich zu verleugnen. Die roh belassene Oberfläche und die einfache Struktur lassen an prähistorische Idole denken.

Nun hat der Künstler in zweijähriger Arbeitszeit ein riesenhaftes »Spieleset« entworfen und umgesetzt, in Zusammenarbeit mit dem Augsburger Zentrum für Gegenwartskunst. Vor Ort und für den Ort geschaffen, verzaubert er den in seiner Kargheit spannenden Raum in ein Spielfeld, dessen kantige Säulen das Leitsystem vorgeben, auf dem die Plastiken wie Spielsteine ausgelegt sind, und – was noch wichtiger ist – der Besucher zum Spieler wird (vielleicht auch zur Spielfigur imaginierter Riesen?), der im Parcours sein Bewusstsein für den Raum und für das Wesen von Skulptur schärft. Die Plastiken entfalten sich als dreidimensionale Raumzeichnung, sie umspielen (!) die Pfeiler oder distanzieren sich von ihnen. Wie würde dieses Ensemble wohl erst im Kontext einer Kathedrale oder einer weiten Parkanlage wirken? Im ersten Fall wäre die zentrale und symbolträchtige Form des Hauses ein Bild des Hauses im Haus. In der weiten Parkanlage stünde die Form hingegen für das Haus als Zuhause. Die Augsburger Installation eignet sich auch zur retrospektiven Betrachtung, da die Ausstellung auch Pokornys Bildhauerzeichnungen und Dokumente präsentiert, die das Gesamtwerk beleuchten.

Wer von der spielerischen Lust der Betrachtung in ernsthaftere Ebenen der Wahrnehmung vordringen will – der Weg ist eigentlich schon vorgegeben - , erfährt unmittelbar die Grundbefindlichkeiten des Menschseins: Das skulpturale Werk erzählt von der Sehnsucht nach Geborgenheit und zugleich von der Gefährdung des Daseins. Wie kaum ein Künstler sonst, entlockt Pokorny durch die einfachsten Formen die poetische Qualität seiner Motive: Haus heißt Wohnen, Schale verweist auf Nahrung, Gefäß auf Vorratshaltung – hier beschreibt sich das Leben als Existenzsicherung. Als Installationsensemble vermittelt der Bildhauer das Miteinander so gut wie das Alleinsein, hier ballen sich die Elemente, dort wird der Raum gerade durch die Leere definiert.

Der 1949 geborene Werner Pokorny zieht mit dieser Inszenierung seines Werks im Glaspalast eine Bilanz seines bisherigen Schaffens und erweist sich als einer der eindrucksvollsten Plastiker unserer Zeit. Über hundert Einzelausstellungen verzeichnet der prächtige Katalog, der anlässlich der Augsburger Ausstellung entstanden ist, aber auch Pokornys Arbeiten im öffentlichen Raum sowie Beispiele seiner Stahlplastiken zeigt, begleitet von so einfühlsamen wie anspruchsvollen Essays von Museumsleuten und Fachwissenschaftlern.