Kataloge

Westheider, Ortrud und Müller, Karsten (Hg.): Frida Kahlo, Hirmer Verlag, München 2006.

Dreizehn Jahre ist es her, dass es zuletzt möglich war, Bilder der mexikanischen Künstlerin Frida Kahlo zu sehen.

Nun hat man endlich wieder die Gelegenheit, Einblick in das 280 Bilder umfassende Œuvre der Künstlerin zu nehmen. Der größte Teil der Werke befindet sich im Besitz des Frida-Kahlo-Museums in Mexiko City. Ihr Mann, Diego Rivera, hatte testamentarisch festlegt, dass diese Bilder das Museum nie mehr verlassen dürfen. Bedauerlicherweise verfügt daher kein Museum in Europa über Werke von Frida Kahlo. Um so erfreulicher ist es, dass es dem Bucerius Kunstforums in Hamburg nun gelungen ist, für die Ausstellung „Frida Kahlo“ (15.06.2006-17.09.2006) Leihgaben aus der Sammlung von Dolores Olmedo Patino (Xochimilco/Mexiko) und anderen privaten Sammlungen zu erhalten.

Der in diesem Zusammenhang von der Kuratorin Ortrud Westheider und Karsten Müller herausgegebene Ausstellungskatalog geht über die bloße Ausstellungsdarstellung hinaus und wendet sich neuen Forschungsthemen zu. Die von Ortrud Westheider, Elisabeth Bronsen, Dorothee Böhm, Bettina Gockel und Kartsen Müller verfassten Texte zeigen Frida Kahlo und ihr Werk in unterschiedlichen Facetten. Dabei ziehen sie Parallelen zu anderen Künstlern des beginnenden 20. Jahrhundert wie Otto Dix, Giorgio de Chirico und George Grosz.

Frida Kahlo ist heute mehr denn je von allgemeinem Interesse. Der  Hollywood-Film „Frida“ (2003) löste geradezu einen Frida-Boom aus. Aber schon zu ihren Lebzeiten wusste sie geschickt ihr Leben öffentlich zu inszenieren. Daraus entwickelte sich ein Starkult, der das Bild von Frida Kahlo und ihrer Kunst bis heute prägt. In ihrem Essay „Das Wunder des verwundeten Körpers. Frida Kahlo, eine mexikanische Diva“ beschäftigt sich Elisabeth Bronsen mit der Frage, warum die einhellige wissenschaftliche Meinung davon ausgeht, dass das Werk Frida Kahlos ausschließlich autobiographisch zu deuten sei.

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Als Ursprung dieser Auffassung sieht Bronsen die Künstlerin selbst, die sich ihren eigenen Mythos geschaffen hat. André Breton beschrieb sie beispielsweise als eine von Europa unbeeinflusste Surrealistin, die ihr Leben in ihren Bildern verarbeitet. Diese These wurde auch durch Hayden Herrera in ihrer 1994 erstmals veröffentlichten Biographie „Frida Kahlo. Ein leidenschaftliches Leben“ weiter vertieft. Bis heute wird sie als eine von der europäischen Kunst unbeeinflusste Künstlerin dargestellt, die sich häufig der mexikanischen Mythologie bediente. So sieht man sie in dem Film, aber auch auf Fotos und auf ihren Bildern häufig in der traditionellen Tehuana-Tracht als Zeichen für ihre vermeintliche mexikanische Herkunft. Kahlo macht aber nicht nur ihre kulturelle Herkunft zum Gegenstand ihrer Bilder, sondern ihren Körper mit all seinen Leiden. Ein Busunfall, der ihr eine lebenslange Behinderung einbrachte, drei Fehlgeburten oder andere seelische Leiden sind auch Bestandteil ihrer Bildthemen.

Bettina Gockel beschäftigt sich ebenfalls mit Frida Kahlos Selbstdarstellung. Sie untersucht Kahlos Doppelrolle als Opfer und Schamanin/Heilerin. Einerseits stellt die Künstlerin sich in ihren Bildern oder auf Fotos als Opfer ihres kranken Körpers, andererseits als starke und selbstbewusste Persönlichkeit dar. Oppositionen wie Tod und Leben, männlich und weiblich, Hässlichkeit und Schönheit sind ihre Bildthemen. Ferner greift sie mit ihrem Äußeren schamanistische Traditionen auf. So stellt sie sich häufig mit einem Affen dar, der symbolisch für einen Heil- und Schutzgeist steht. Vielfach trägt sie den für Schamanen typischen Kopfschmuck mit hochgebundenen Zöpfen oder bildet auf ihrer Stirn das sogenannte Huichol (das dritte Auge) ab, welches als Sitz der Seele angesehen wird.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt Ortrud Westheider in ihrem Aufsatz „Frida Kahlo und die Avantgarde in Europa. Pittura Metafisica, Dadaismus, Neue Sachlichkeit und Surrealismus“. Sie beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit die Künstlerin von den europäischen Kunstbewegungen beeinflusst wurde. Zum einen war ihr Vater europäischer Herkunft. Er kam als ausgebildeter Fotograf aus Deutschland nach Mexiko. So wird Frida Kahlo seit ihrer Geburt mit europäischen Traditionen in Kontakt gekommen sein. Zum anderen muss sie auch durch die Heirat mit Diego Rivera zahlreiche Bekanntschaften zu anderen Künstlern gehabt haben. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, kurz vor dem beginnenden Zweiten Weltkrieg, emigrierten zahlreiche Künstler und Kunsthistoriker in die USA, und so wurde New York der Schmelztiegel künstlerischer Bewegungen. Unter deren Einfluss entwickelte sich eine Kunst, die mit jungen Künstlern wie Jackson Pollock von sich reden machte. Auch Frida Kahlo und ihr Mann verbrachte einige Jahre dort, ob Frida Kahlo nun mit der aufstrebenden Künstlerelite Kontakt hatte ist ungeklärt. Sie kann allerdings in einer solchen Metropole nicht vollständig ohne anderen künstlerischen Einfluss geblieben sein. Vielmehr kokettierte sie damit, sich seit ihrem Unfall nicht mehr mit Kunst und ihrer Geschichte auseinander gesetzt zu haben. Betont naiv behauptet sie: „Ich hatte keine Ahnung, dass ich surrealistisch male.“

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Im letzten Essay des Katalogs vereint Karsten Müller abschließend die unterschiedlichsten Betrachtungsweisen und erläutert die in Frida Kahlos Werk wiederkehrenden Elemente. Wie „Zündschnüre“ ziehen Linien und Bänder den Blick des Betrachters durch die Bildkompositionen. Bänder, Schnüre und Arterien umranken die Bildgegenstände. Sie dienen als Verbindungslinien, trennen die einzelnen Elemente aber gleichzeitig scharf voneinander ab. Gegensätze, wie Leben und Tod stehen auch hier wieder nah beieinander. In solcher Art dirigiert Frida Kahlo den Blick und lässt ihre „Kunst [...] zu einem Band und einer Bombe werden.“ (André Breton 1938).

Abgerundet wird der Band mit einer Vielzahl an qualitätvollen Abbildungen, einem Stadtplan von New York/Manhattan mit Galerien in denen Frida Kahlo ausgestellt hat und einem Curriculum vitae.

Der Katalog kann als  gelungene Ergänzung zur Ausstellung angesehen werden. Er gibt anhand der Texte und Abbildungen einen guten Überblick über Frida Kahlos Leben und Werk. Darüber hinaus werden ihre Bilder erstmals von Ortrud Westheider in einem kunsthistorischen Kontext eingeordnet. Die gut gelungene Gegenüberstellung mit Werken von Max Ernst, Otto Dix oder Hannah Höch veranschaulicht die formulierten Thesen und regt zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung an.

 

Bibliographische Angaben

Westheider, Ortrud und Müller, Karsten (Hg.): Frida Kahlo, Hirmer Verlag, München 2006. 176 Seiten. ISBN-13: 978-3777431857