Ausstellungsbesprechungen

Wie gemalt! Bildner im 21. Jahrhundert, Kunsthalle Erfurt, bis 16. Januar 2011

Das Malerische begegnet uns nicht nur in Ölbildern, sondern auch in computergenerierten Bildern, Fotografien, Videos und Installationen. Doch was hat sich damit für den Künstler eigentlich geändert? Rowena Fuß hat sich für Sie auf Spurensuche begeben.

Die digitale Revolution ermöglichte es dem Künstler, durch die Verbindung traditioneller Bildmedien mit dem Computer, neue Bildwelten zu erzeugen, bis hin zur computergestützten Schaffung dreidimensional wirkender Objekte im virtuellen Raum zwischen Festplatte, Arbeitsspeicher und Bildschirm. Im Gegensatz dazu entwickelten sich die klassischen Maltechniken unter handwerklichen Rahmenbedingungen. Die Handhabung von Farbpigmenten in Verbindung mit Löse- und Bindemitteln, Pinseln, Spachteln, Papieren, Leinwänden und Wänden überhaupt machten den lange Zeit im Handwerk verorteten „artifex“ aus.

Der moderne Künstler hat sich natürlich längst vom bloßen handwerklichen Können emanzipiert. Ein zentrales Anliegen der Ausstellung ist es nun, den Spuren des Malerischen und der Malerei in künstlerischen Arbeitsweisen nachzugehen, die explizit nicht mehr Malerei sind und sein sollen.

So steht gleich am Eingang in der Kunsthalle ein Pappkarton auf einem Sockel, der in seinem Innern ein kahles Zimmer mit Kronleuchter und einem toten Nachtfalter zeigt. Das Objekt stammt von Susanne Kutter und trägt den Namen »Der letzte Baron«. Es erinnert an ein Stillleben des 17. Jahrhunderts, das, in Anlehnung an eine Theaterbühne, nur eine offene Seite hat. Der Schmetterling steht nicht nur für Wandelbarkeit oder die Seele, sondern wird ihn in seiner speziellen Form des Nachtfalters zum Vanitasmotiv. Der Kronleuchter könnte Üppigkeit und Luxus symbolisieren und steht in starkem Kontrast zu dem ansonsten kahlen Raum. Als einsames Licht in dieser Einöde hat er aber auch etwas Hoffnungsvolles.

Zu diesem fast klassisch anmutenden Werk gesellen sich fünf großformatige Leinwände, die eine grünliche Wasserfläche zeigen, in der abgesägte Baumstümpfe mit überdimensionierten Nägeln stecken. Für mich scheint Stefan Fahrnländer hier den Tod der Natur durch die Technik versinnbildlicht zu haben. Die Bilder gehören zu seiner Reihe der »Neophyten«. Der aus der Botanik stammende Begriff meint eigentlich „neu Gepflanztes“, bei Stefan Fahrnländer meint er Dinge, die an ihrem jetzigen Ort fremd sind. So gehört der abgesägte Baumstumpf eher in einen Garten oder eine Allee als mitten ins Wasser.

Eine Ebene weiter oben findet man an der linken Wand »Das Versprechen« von Christina Paetsch. Zu sehen ist ein länglicher rosafarbener Luftballon, ein Rehschädel, der eigentlich aus zwei Schädeln zu bestehen scheint, und ein Papierdeckchen mit floralem Muster. Obwohl die Fotografie „Alltags“gegenstände zeigt, wirkt sie befremdlich. Ja, sie fordert den Betrachter geradezu heraus, seine Sichtweise auf alltägliche Dinge zu erforschen.

Dem Komplex Wahrnehmung und Erkenntnis widmet sich ebenfalls Wolfgang Rüppel, der den Besucher eine Etage weiter mit seinen »Rührstücken« empfängt. Schlaufenartig werden die Primärfarben auf den Untergrund aufgebracht. Malerei wird hier reduziert auf die Primärfarben und die Bewegung des Malwerkzeuges.

Einen Schritt weiter geht Christel Fetzer ganz oben auf der letzten Ebene: Die Farbfeldpolster von »RAL« erweitern unsere sinnliche Wahrnehmung vom bloßen Sehen hin zum Tasten.

Ist nun die traditionelle Definition von Malerei als »vorrangig von der Farbe bestimmte künstlerische Flächengestaltung« (Brockhaus Kunst) ungültig? Ich sage nein. Obwohl die in der Ausstellung gezeigten Werke mit Hilfe neuer bildnerischer Techniken produziert wurden und nicht mehr aussehen wie die traditionelle Malerei mit dem Pinsel, sind sie doch der Malerei verpflichtet. Denn nach wie vor gestaltet der Künstler seine vorgegebene Fläche farbig. Es sind lediglich Computer-Kenntnisse über 3D-Modelling-Programme u.ä. hinzugekommen. — Aber machen Sie sich selbst ein Bild davon, ob sich tatsächlich nur die technischen Medien verändert haben!

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