Ausstellungsbesprechungen

Wie leben? Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto, Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, bis 28. März 2016 (verlängert)

In Ludwigshafen wirft man dieser Tage einen Blick in die Zukunft: Von den ersten futuristischen Konzepten um 1900 bis hin zur aktuellen Debatte um Social Design und der Architektur von morgen zeigt sie Entwürfe und Ideen, die die Welt von morgen in die Gegenwart bringen. Marco Hompes war dort.

Vielleicht kennen Sie das: Sie sind es leid, in Ihrer dunklen Wohnung zu hocken, können sich jedoch nicht dazu aufraffen, rauszugehen. Kein Problem! Setzen Sie sich doch einfach in die durchsichtige Kugel vor Ihrem Fenster, fahren Sie mit einem Tässchen Tee in der Hand hinaus und schauen Sie sich von dort die Passanten unter ihnen an! Diese wunderbare Idee hatte 1970 die Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co mit ihrem »Ballon für zwei«. Sie ist ein bezeichnendes Beispiel für neue, radikale Stadt- und Hausentwürfe, wie man sie ab den späten 1960er Jahren auch bei Gruppierungen wie Archigram, Superstudio oder Ant Farm finden konnte. Auch wenn das Gros der Projekte utopisch war und reine Fiktion bleiben musste, wurden wichtige Fragen nach dem Verhältnis zwischen privatem und öffentlichem Raum, nach persönlichen Erfahrungen im Urbanen und nach der Erweiterung bestehender Architektur gestellt. Letztlich ging es dabei auch um die ganz elementare Frage »Wie wollen wir leben?«.

Dass diese Frage nicht neu ist, beweist die Ausstellung »Wie leben? – Zukunftsbilder von Malewitsch bis Fujimoto« im Wilhelm-Hack-Museum Ludwigshafen, die mit über 300 Arbeiten Einblicke in Zukunftsvisionen der Vergangenheit gibt. In 20 thematischen Bereichen wird nachverfolgt, wie sich die Idealvorstellungen von Arbeiten, Leben und Wohnen verändert haben.

Den Anfang markiert hierbei die industrielle Zeit. 1895 filmten die Lumière-Brüder Arbeiterinnen und Arbeiter, welche eine Fabrik verließen, und schufen damit vermutlich den ersten Dokumentarfilm überhaupt. Es wird recht schnell deutlich, welche Metaebene durch dieses Filmchen erzählt werden soll. Durch die unpersönliche Arbeit in der Industrie und durch die Massen an Menschen, die es in die Stadt zog, mussten neue Konzepte für den Wohnungsbau und die persönliche Freizeitgestaltung gefunden werden. Gerade die Vorstellung eines unendlichen Wachstums und die damit vermuteten Folgen für das Aussehen der Städte führten zu spannenden Kunstwerken. Fritz Langs »Metropolis« von 1927 ist hierfür sicherlich ein einprägsames Beispiel.

Auffällig ist, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts bildende Kunst, Design und Architektur eng miteinander korrelierten. Die Grenzen zwischen autonomer Skulptur und realen Architekturentwürfen verschwimmen etwa bei Kasimir Malewitschs Architektona. Auch Piet Mondrians Erweiterung der Malerei auf den Raum zeugt von dem Wunsch, die Kunst in den Lebensalltag zu integrieren. Dieses idealisierende Verständnis findet sich auch bei den Entwürfen des Bauhauses, der Ulmer Schule oder den organischen Architekturentwürfen Hermann Finsterlins.

Während die bildende Kunst hier noch integraler Bestandteil der Zukunftsvorstellungen war, scheint ihr Einfluss zusehends zu verschwinden. Im Herz der Ausstellung dominieren nämlich das Produktdesign sowie die Architektur mit ihrer Suche nach Wohnkonzepten »für viele«. Was bei Fritz Lang noch Zukunftsmusik war, rückte spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg immer stärker in den Bereich des Möglichen: Walter Jonas‘ trichterförmiges Intra-Haus oder Heinz Raschs‘ Hängehäuser verdeutlichen die Entwicklung weg von horizontalen hin zu vertikalen städtebaulichen Konzepten. Neben diesen beiden Richtungsvektoren dachten Planer auch über alternative, flexiblere Konzepte nach. Gleich Bienenwaben sind die kapselartigen, metabolistischen Wohnungen bei Wolfgang Döring, Pascal Häusermann oder Kisho Kurokawa scheinbar unendlich erweiter- und veränderbar.

Einige Elemente dieser Planungen finden sich an anderer Stelle wieder, nämlich im Kino. Immer wieder lassen Hollywood-Regisseure ihre Filme in utopischen Megacities spielen, wie dies an ausgestellten Ausschnitten und im begleitenden Filmprogramm des Museums gezeigt wird: Ridley Scotts »Blade Runner«, Luc Bessons »Das fünfte Element« oder Len Wisemans »Total Recall« sind nur einige Beispiele dafür, dass sich die Zukunftsvisionen in Folge von Fritz Langs »Metropolis« vor allem in Blockbuster-Filmen findet.

Und die bildende Kunst? Wie beispielsweise lackierte Farbplatten Gerhard Richters in den Ausstellungskontext passen, ist ebenso fragwürdig wie im Falle der Werke der ZERO-Künstler. Nur mit sehr viel Mühe lassen sich etwa rotierende Nagelbilder Günther Ueckers oder spiegelnde Lichtreliefs Heinz Macks mit der Grundfrage »Wie leben?« zusammenbringen. Auch Erwin Wurms ironische Arbeit »Mies van der Rohe Melting«, die ein scheinbar schmelzendes Hochhaus zeigt, kann lediglich als Referenzobjekt dienen. Wie stehen also Künstlerinnen und Künstler zur Zukunft und ihrer sozialen Aufgabe darin?

Glücklicherweise scheint diese Frage in der aktuellen Kunst wieder eine Renaissance zu erleben: Im Bereich »Social Design« verschränken sich die Gattungen wieder stärker, ganz wie zu Beginn des Ausstellungsparcours. Mit Hartz-4-Möbeln (Van Bo Le-Mentzel) oder dem Projekt CUCULA | Refugees Company for Crafts and Design rücken DIY Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung in den Fokus.

Mit den Ideen von Terreform One, einer »Nonprofit Organization for Philanthropic Architecture, Urban + Ecological Design«, kann dann gegen Ende der Ausstellung noch einmal der Geist der utopischen Entwürfe der 1970er Jahre gespürt werden. Könnte man nicht etwa die Freiheitsstatue umbauen, um so neuen Wohnraum zu schaffen? Ein Entwurf der Gruppe illustriert diese Vorstellung.

Die Werkschau endet mit Arbeiten zwischen virtuellem und realem Leben und der Auflösung im Digitalen etwas bemüht, aber sehr anschaulich.

Erstaunlich ist, dass man sich in Ludwigshafen offenbar gänzlich auf positive Zukunftsvorstellungen konzentrierte. Mit Ausnahme der Situationisten um Guy Debord wird kaum besonders besorgt auf das Kommende geblickt. Weder Orwells »1984«, noch Michel Foucaults »Panopticon« hallen in den Exponaten wider. Nur zwei Fotos von Andreas Gursky mögen als kritische Hinterfragung der globalisierten Welt dienen.

Insgesamt zeigt die klug konzipierte Schau viel Bekanntes. Ein Kritikpunkt wäre, dass es die größtenteils eurozentrisch angelegte Ausstellung durch die breite Masse an Themen meist nicht schafft, wirklich in die Tiefe zu gehen. Doch alleine für die herausragenden Architekturmodelle und einen intimen Plausch in Verner Pantons regenbogenfarbener Wohnhöhle »Phantasy Landscape« von 1970 lohnt sich der Besuch in Ludwigshafen am Rhein.