Ausstellungsbesprechungen

Wien Berlin. Kunst zweier Metropolen. Von Schiele bis Grosz, Berlinische Galerie, Berlin, bis 27. Januar 2014

Die Berlinische Galerie präsentiert in Kooperation mit der Wiener Galerie Belverde das Schaffen der beiden gegensätzlichen Städte im spannenden Zeitraum von 1900 bis 1930. Die umfangreiche Ausstellung stellt nicht nur ihre Kunstszenen gegenüber, sondern hebt erstmals ihre Verbindungen hervor. Katharina Müller hat sich umgesehen.

Natürlich locken schon allein die Namen der ausgestellten Künstler, darunter Otto Dix, Oskar Kokoschka und Max Liebermann nach wie vor Besucher ins Museum, doch in diesem Fall ist es insbesondere die tolle Konzeption der Ausstellung, die sie so ausgesprochen sehenswert macht.

Denn die thematische Einteilung der Räume nach den verschiedenen Kunstströmungen, angefangen bei den Secessionen über den Expressionismus hin zur Neuen Sachlichkeit, spiegelt sowohl das jeweilige Lebensgefühl der Zeit wider, als auch den Wandel, der sich zwischen Wien und Berlin vollzogen hat: die alte Kulturhauptstadt des deutschsprachigen Raums Wien wird nach und nach abgelöst von der jungen, aufblühenden Metropole Berlin; ein Prozess, der maßgeblich vom regen Austausch beider Städte geprägt wurde.

Um 1900 war in der Wiener Avantgarde Gustav Klimt tonangebend. Neben seinem Porträt von Johanna Strauder ist auch die Bluse, die sie darauf trägt, ausgestellt, eine Arbeit aus der Wiener Werkstätte, mit der die Secessionsgruppe um Klimt eng zusammenarbeitete und die auch in Berlin bald eine Filiale eröffnete, da unter den Berlinern großes Interesse herrschte für das neue, umfassende Kunstverständnis der Wiener.

Besonders eindrucksvoll ist der Vergleich des deutschen mit dem österreichischen Expressionismus. Auf der einen Seite stehen die Wiener Expressionisten, die sich mit dem Inneren, dem „Ich“ auseinandersetzten und damit auch erheblichen Einfluss auf deutsche Maler nahmen, allen voran ihr führender Vertreter Egon Schiele. Wie im Bildnis des Verlegers Edourd Komack aus dem Jahr 1910, hob er stets die Persönlichkeit der Abgebildeten durch ihre ausdrucksstarke Mimik und eigenartige Körperlichkeit hervor. Ebenjene für Schiele typischen Merkmale sind unverkennbar sowohl in Walter Gramattés »Kakteendame« von 1918, als auch in Erich Heckels Porträt von Ernst Ludwig Kirchner, das den Titel »Roquario« trägt, wieder zu finden.

Andererseits entstand etwa zur gleichen Zeit der spezielle Berliner Expressionismus, dem das neue, urbane Großstadtleben als Inspirationsquelle diente. Dafür steht in besonderer Weise Kirchner, der sich für kurze Zeit in Berlin aufhielt. Er verarbeitete seine dortigen, teilweise als erschreckend empfundenen Beobachtungen in Darstellungen von den Straßen und Plätzen, die alle Menschen gleich zu machen scheinen und ihnen nur noch unpersönliche Beziehungen - repräsentiert durch Prostituierte und ihre Freier - ermöglichen. Zwei Werke aus dieser berühmten Gemäldegruppe Kirchners sind in der Ausstellung vertreten.

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Des Weiteren widmet sie sich vereinzelten Strömungen und deren Weiterentwicklung der modernen Kunst nach 1919. Während man sich in Berlin der revolutionären Dada-Bewegung anschloss, vereinte die Wiener Kunstgewerbeschule Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus in einer neuen Strömung – dem bisher kaum gewürdigten Kinetismus. Aus beiden Kreisen sticht jeweils das Werk einer weiblichen Künstlerin heraus. Erika Giovanna Kliens 1926 entstandenes Großformat »Lokomotive« dient quasi als Paradebeispiel für den Kinetismus und seine Begeisterung für die Moderne und ihre Dynamik. Berlins Beitrag zum Dadaismus wird unter anderem durch einige Fotocollagen von Hannah Höch sowie zwei von ihr gefertigten Puppen mit provozierender, sexueller Symbolik repräsentiert.

Derlei sorgsam ausgewählte Werke und ihre Gegenüberstellung sprechen für sich selbst und zum Glück bleiben dem Besucher allzu ausführliche Erläuterungen erspart, was angesichts der Masse an Exponaten kaum mehr zumutbar wäre. Diese gibt auch den Anlass für den einzigen zu kritisierenden Punkt, denn um die einzelnen Bilder wirklich in aller Ruhe betrachten zu können, ohne dabei an vielem anderen Sehenswerten einfach vorbeigehen zu müssen, ist die Ausstellung einfach zu umfangreich.

Dafür ist umso erfreulicher, dass weniger namhafte Künstler keineswegs neben den Großen untergehen. Im Gegenteil: gerade ihre Bilder ziehen einen beinahe noch mehr in den Bann als berühmte Werke, die teilweise schon so verinnerlicht sind, dass sie einem fast nicht mehr die Realität des Lebensgefühls ihrer Zeit zu vermitteln vermögen.

Eine dieser unbekannteren Künstlerinnen ist Lotta Laserstein, eine der ersten weiblichen Absolventinnen der Berliner Akademie für Künste, die im Stil der Neuen Sachlichkeit das Alltagsleben der 20er Jahre thematisierte.

»Das kulturelle Leben in Wien ist zum Erliegen gekommen - im leider hässlichen Berlin pulsiert das Leben«, bemerkte Rudolf Wacker 1920 über die Situation in der Nachkriegszeit, in der einige österreichische Künstler, wie auch Wacker selbst, nach Berlin übersiedelten. Die damals vorherrschende Neue Sachlichkeit nimmt dann auch den größten Teil der Ausstellung ein.

Dieses pulsierende, aber oberflächliche Leben der 20er Jahre in Berlin mit seinen Theatern, Variétés und Bordellen wird unter anderem von Max Beckmann in mehreren Lithografien mit einer deutlich spürbaren Kühle und Distanziertheit eingefangen. Die Unsicherheit und soziale Härte der vom Krieg geprägten Generation kommt in noch verschärfter Weise durch die Porträts, die „Lieblingsgattung“ der Neuen Sachlichkeit zum Ausdruck. So starrt zum Beispiel Rudolf Schlichters »Sitzende Jenny« (1922/23) dem Betrachter aus einem kargen Raum mit desillusioniertem Blick entgegen.

An den zahlreichen Porträts, die die neue, selbstbewusste Frau abbilden, lassen sich wiederum auch die Parallelen und Unterschiede zwischen Wien und Berlin ablesen. Die Wiener Frauen geben sich meist klassisch und elegant, die Berlinerinnen eher burschikos und provokant.

Zu guter Letzt bleibt nur noch einmal zu wiederholen: »Wien Berlin, Kunst zweier Metropolen« ist eine fabelhaft kuratierte Ausstellung, die mit ganz großer Kunst die Mentalität beider Städte wiedergibt.