Buchrezensionen

Wilhelm Christoph Warning: Fremdenzimmer, Sieveking Verlag 2016 | Roland Fischer: Refugees, Hirmer Verlag 2016

Oft genug hört man dieser Tage von »Flüchtlingsströmen« und all den Namenlosen, die in Europa Schutz suchen. Dabei geht zumeist unter, dass hier keine »Welle« anrollt, sondern Individuen Schutz suchen. Gleich zwei aktuelle Veröffentlichungen geben diesen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, ein Gesicht. Stefanie Handke hat diese wichtigen Bücher genauer angeschaut.

Verfolgt man etwas aufmerksamer die Nachrichten, achtet ein wenig auf die Rhetorik der Medien, dann fällt eines auf: Da scheinen keine Menschen in Europa Schutz zu suchen, nein, eine unkalkulierbare, gesichtslose Masse, ein »Strom«, eine »Welle« will scheinbar anrollen, alles überfluten und vollkommene Zerstörung zurücklassen. Obendrein eine bedrohliche: Nicht nur, dass diese Masse unsere Sozialsysteme ausnutzen und gleichzeitig unsere Arbeitsplätze rauben will, nein sie will auch unsere Frauen rauben, das Wohngebiet entwerten, den Kindern vor der Schule auflauern, »ihre Scharia« einführen und was nicht noch alles. Natürlich immer in der Masse, nie einzeln. Höchste Zeit also, dass den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, ein Gesicht gegeben wird. Das tun in diesen Tagen gleich zwei Bücher mit einfühlsamen Fotografien und Texten.

Wilhelm Christoph Warning, seines Zeichens Autor, Essayist und Kunst- und Architekturkritiker, begegnete 16 Männern aus Syrien erstmals, als diese in einer ehemaligen Pension seines Dorfes einquartiert wurden. Er und seine Frau begrüßten sie mit einem Teller Plätzchen und wurden schnell selbst eingeladen. Aus »den Flüchtlingen«, die sie vor ihrer Ankunft waren, wurden Issam und Walid, Rami, Kaisar oder Bashir, jeder mit seiner eigenen Geschichte, unterschiedlichste Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Teilen Syriens. Und diese Geschichten erzählt Warning, immer individuell, immer einfühlsam und vor allem ohne den klassischen Impetus eines Journalisten, der stets nachhaken sollte. Nein, der Autor lässt sein Gegenüber das erzählen, was er erzählen möchte und so entstehen ganz eigenständige Texte.

Isam etwa, der Landwirt, liebt den Euphrat, an dessen Ufern er aufwuchs, findet in der bayerischen Provinz eine gewisse Vertrautheit, die ihn aber zugleich den verlust seiner Heimat spüren lässt. Daheim, in Syrien, hat er stets die Tiere an den Fluss geführt, ist mit anderen Kindern im Fluss geschwommen und bekam, wenn er etwas anstellte, von der Mutter auch mal einen hinter die Löffel – das sagt man in seiner Gegend tatsächlich so ähnlich! Und kennt dank seines Onkels, der 1925 in die französische Armee eintrat, deren Rangabzeichen ganz genau, kann sie immer noch herbeten, und erinnert sich an den militärischen Drill in der Schule – selbst die Schuluniformen erinnerten so stark an Soldatenkleidung, dass die Klasse einmal sogar für eine Einheit gehalten wurde! Als er schließlich eingezogen wurde und als Soldat auf seine Landsleute schießen musste, floh er schließlich, zunächst nach Hause, dann nach Europa. Die Sorge um seinen kranken Vater und seinen verschwundenen Bruder bleibt natürlich.

Ganz anders ist Rami, der jüngste der Männer, erst 19. Durch und durch Stadtkind, langweilte er sich, wenn die Familie die Verwandtschaft auf dem Dorf besuchte und er wochenlang im Nichts festsaß. Damaskus dagegen war seine Stadt, hier spielte er Fußball mit seinen Freunden, ging baden, flirtete, saß in Cafés, jobbte nach der Schule, schon im Bürgerkrieg, hat heimlich eine Freundin und schert sich insgesamt herzlich wenig um Traditionen. Sein Ziel ist es, nun schnell einen Neustart in Deutschland hinzulegen, vielleicht eine Ausbildung als Elektriker zu machen, denn er will seiner Familie etwas zurückgeben.

Da sind noch andere Geschichten: Die fast märchenhaft anmutende von Azis Al Zaba, dem Pferdemenschen aus einer Großfamilie. Die von Salem, der als Geschäftsführer einer Textilfabrik auch im beginnenden Krieg Normalität für sich und seine Arbeiter zu wahren suchte und weiß, welches Welterbe in Aleppo in Gefahr ist. Oder die vom ehrgeizigen Hassan, der in Deutschland vor allem lernt und liest, um sein Studium fortsetzen zu können, und für den es selbstverständlich ist, mit unterschiedlichen Religionen und Sprachen umzugehen. Jeder Text ist in seiner Struktur und seiner Sprache anders, denn jeder von Warnings Gesprächspartnern hat andere Dinge in den Vordergrund gestellt, manchmal die Kindheit, manchmal die Erlebnisse auf der Flucht, manchmal die Ankunft in Deutschland. Begleitet werden sie stets von den Porträtfotografien Enno Kapitzas‘, die die ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten ins Bild setzen: Mal nachdenklich, mal sportlich. Manche der Männer wollen ihr Gesicht nicht zeigen, um ihre Lieben in Syrien nicht zu gefährden, und auch dann zeigt Kapitzas sie, zum Beispiel Walid mit seiner Gitarre vorm Gesicht oder Rifat mit seiner zupackenden Art. Jeder der 16 Männer bekommt so ein eigenes Gesicht, tritt aus der Anonymität heraus und schnell wird klar: Es gibt keine »Welle«, es gibt nur Menschen.

Roland Fischer geht einen anderen Weg: Mehr als 1000 Einzelaufnahme von Flüchtlingen hat er gemacht und zusammengesetzt. Im Buch begegnen die unterschiedlichsten Persönlichkeiten jeweils auf einer Seite, unterbrochen von den Kollektivbildern. Aber im Gegensatz zur Rede von den »Strömen« oder »Wellen« entziehen diese Kollektivporträts den Porträtierten nicht ihre Individualität, sondern stellen die unterschiedlichen Persönlichkeiten nebeneinander.

Damit setzt Fischer die Idee seiner Kollektivporträts fort, für die er stets Angehörige unterschiedlicher sozialen Gruppen, Berufe oder Gemeinschaften porträtiert. Über mehrere Wochen hat Fischer nun also mehr als tausend Flüchtlinge fotografiert und alle sind sie im Raum Rosenheim, Fischers Heimat, in Asylbewerberunterkünften untergebracht. Teenager und Kinder sind darunter, Erwachsene, Männer und Frauen im Rentenalter aber ebenso. Die Einzelporträts sind im Buch wie auch in den Großporträts, die Fischer z.B. im Kunstverein Rosenheim zeigte, immer mit Namen, Alter und Herkunft der Porträtierten versehen. Sie blicken den Betrachter direkt an, ganz unmittelbar und wenn man ihnen so in die Augen schaut, verschwindet das Kollektiv von »den Flüchtlingen«. Da finden sich Menschen, die ganz genau so auch in irgendeinem hippen Club in Berlin unterwegs sein könnten, durch die Flure von IT-Firmen spazieren, den Gemeinschaftsgarten eines Mietshauses pflegen oder sich auf ihr Abi vorbereiten könnten.

Fischer gelingt es auf diese Weise, den Diskurs um eine der bedeutendsten aktuellen Debatten zu beleben und vom abstrakten ins konkrete zu ziehen. Während ein »Flüchtlingsstrom« bedrohlich scheint, nimmt man bei Fischer den einzelnen Menschen wahr und fragt sich unwillkürlich nach seiner Geschichte. Der Zufall hat das hier entstandene Kollektiv, eher die soziale Gruppe entstehen lassen: Jeder dieser Menschen musste seine Heimat verlassen, schlug sich bis nach Deutschland durch und landete im Raum Rosenheim in einer Unterkunft für Asylbewerber. Mehr ist es eigentlich nicht, was diese Personen zu einem Kollektiv macht. So stellt Fischer die Frage nach Gemeinschaft und Individualität in einen Kontext, der heute mehr denn je zu diskutieren ist.

Flankiert werden seine Bilder von zwei Essays. Stephan Lessenich, Soziologe aus München, fragt in seinem Beitrag »Das Fremde als das neue Eigene« danach, ob »der Flüchtling« exemplarisch für unsere Gegenwart steht, indem er Mobilität verkörpert, ja einen regelrechten Zwang zur Bewegung, aber auch zur Selbstaktivierung, zur eigenverantwortlichen Integration und Assimilierung an die Gesellschaft, in der er oder sie gelandet ist. Zugleich attestiert er der deutschen Gesellschaft eine gewissen Schizophrenie, auch, aber nicht nur im Umgang mit Einwanderern, sondern auch mit anderen sozialen Gruppen, wenn einerseits eine Leistungsmentalität gefordert wird, andererseits aber der Kampf um Teilhabe argwöhnisch beäugt wird.

Philosoph Bernhard Waldenfels diskutiert mit »Flüchtlinge als Gäste in Not« die Rolle von Schutzsuchenden in einer Gesellschaft. Unfreiwillig wird ein Mensch zum Flüchtling, ist auf die Gastfreundschaft seines Ankunftsort angewiesen, während er zugleich kein geladener Gast oder Besucher ist, und ist auf Hilfe angewiesen – aber mit den letzten Migrationsgesetzen, mit der Speicherung von Personendaten und Verwaltung von Unterkünften, Personen und Abschiebungen, wird dieser Hilfe ein Verwaltungsakt vorgeschaltet. Obendrein entsteht eine neue Diskussion vom »Wir gegen die«, bei der Hilfe für Fremde gegen Hilfe für sozial Schwache im Allgemeinen gern aufgewogen wird. Waldenfels verweist zudem auf die Gründe für eine Flucht und darauf, dass diese bekämpft oder zumindest eingedämmt werden müssen. Alles in allem zeichnet er ein Gesamtbild von der Frage rund um Flucht und Migration, das mehr als nur einen Aspekt kennt und aus einem ganzen Komplex von moralischen und politischen Fragen besteht.

In einer Zeit, in der Menschen eine diffuse Angst vor »Überfremdung« in Hass verwandeln, in der Nazis auf vermeintliche und echte Flüchtlinge losgehen und in der Flüchtlingsunterkünfte brennen, während zugleich politische Rahmenbedingungen verschärft werden, ist es umso wichtiger, sich Einzelschicksale bewusst zu machen. Beide Bücher, »Fremdenzimmer« und »Refugees« schaffen das mit unterschiedlichen Mitteln, zeigen aber stets Persönlichkeiten, die man gern kennen lernen würde und deren gefahrvolle Flucht Bewunderung abringt. Sie stellen dem Gerede von fast schon an eine Naturkatastrophe gemahnende Situation Persönlichkeiten gegenüber, die beweisen, dass eben keine »Welle anrollt«, sondern dass Rafi, John oder Farida sich zu uns durchgeschlagen haben und es verdienen, als Menschen begrüßt zu werden. Es sind zwei wichtige Bücher.