Ausstellungsbesprechungen

Wilhelm Geyer - Landschaften, Porträts, Interieurs, Kunststiftung Hohenkarpfen e. V., Hausen ob Verena, bis 11. November 2012

Beeindruckt vom heftigen Gestus des späten Lovis Corinth, verband der süddeutsche Maler Wilhelm Geyer in seiner Malerei die impressionistische Flüchtigkeit seines Lehrers Christian Landenberger mit einer ihm eigenen expressiven Wucht und schuf Gemälde, die sich zwischen den Polen freier formaler Auflösung und starker emotionaler Aufladung bewegen. Günter Baumann hat sie sich angeschaut.

Das Kunstmuseum Hohenkarpfen macht sich winterfest – mit einem literarischen Kehraus: Zur Finissage der Ausstellung mit Arbeiten des Stuttgarter Malers Wilhelm Geyer liest Karl-Heinz Ott aus seinem neuen Roman »Wintzenried«, der sich mit dem höchst spannenden Privatleben des grandiosen Philosophen Jean-Jacques Rousseau befasst. Das mag bei den meisten Denkern eher langweilen, aber hier erwartet den Zuhörer ein Schmankerl durch das Schlüsselloch: Mit viel Witz holt der Philosophenkollege Ott, daneben auch Dramaturg und Musikwissenschaftler, den Heroen der Geistesgeschichte vom Sockel. Auch das ist nicht neu, passiert seit Voltaire – aber es ist in diesem Fall immer wieder amüsant.

Das Ende der Saison ist allerdings keineswegs allein der leichtzüngigen Literatur gewidmet. Denn zugleich geht eine beachtenswerte Ausstellung zu Ende, die gänzlich andere Töne anschlägt. Wilhelm Geyer gehört zu den überregional wenig bekannten schwäbischen Impressionisten, die nicht so sehr durch ihre leuchtenden Farben als durch eine erdverbundene Schwere ausgezeichnet sind, eher von Lovis Corinth geprägt als von den Franzosen. Der lokale Star dieser locker übers Land gestreuten Schule – wenn es denn eine gab – ist zweifelsohne Christian Landenberger, dessen Meisterschüler Geyer war. 1900 in Stuttgart geboren, studierte er dort in den 1920er Jahren. Aktiv nahm er Anteil an der Gründung der Neuen Sezession in der schwäbischen Metropole. Auffallend an seinem Menschenbild ist eine extreme Unruhe, die im zuweilen flirrenden Pinselstrich emotional gesteigert wird – bis dicht an die Ungegenständlichkeit heran. Am stärksten ist er allerdings in der Naturbetrachtung, seinen mal weit ausladenden, mal dicht verschlossenen Landschaftsbildern, denen die Bewunderung für einen pathosgefüllten Schöpfungsplan an jedem noch so breit gesetzten Pinselhieb anzusehen ist. Unterstrichen wird dies noch durch ein sinnlich erfahrbares religiöses Verständnis, das in Bildern von stiller Anmut und kindlicher Naivität seine Extrempositionen findet. Bekannt wurde Geyer denn auch als Kirchenmaler, der an der Wand genauso souverän agiert wie am Fensterglas. Aus dieser Haltung heraus ist auch sein widerständiger Geist während des Nationalsozialismus zu erklären, der ihn zu einem Mitwisser der »Weißen Rose« machte.

Wenn die Schau im Kunstmuseum andere Schwerpunkte sucht wie die sakrale Kunst, so ist dies ein überzeugender Versuch, den Maler an die Gegenwart heranzuführen. Der Weg geht leichter über Porträts oder über die Landschaften als über die religiöse Motivik – insofern ist her ein vielseitiger Künstler zu entdecken, der mit einigen seiner formalen Lösungsprozesse zu den Urahnen der Jungen Wilden gerechnet werden könnte, wenn da eben nicht das düstere Flair und zugleich eine sensibel austarierte Komposition wären. Sie verraten ein gezügeltes Temperament, das mit pauschal wertendem Blick den süddeutschen Meister erkennen lässt und heimlich von innen heraus zu strahlen vermag.