Ausstellungsbesprechungen

Willem Kalfs, Gemaltes Licht

Die Wiege des modernen Kunstmarkts stand in den Niederlanden. Kein Wunder: Im Vergleich zu dem auch im 17. Jahrhundert kleinen, aber wirtschaftlich blühenden Land schossen die Künstler aus dem Grachten- und aufgeschütteten Sandboden wie Tulpen (für die in jener Zeit übrigens Unsummen bezahlt wurden, wie heute allenfalls für Gold, Erdöl oder Drogen – die Künstler blieben damals aus finanziellen Gründen noch Teilzeitmaler). Um mit ihren Arbeiten in die Wohn- und Schlafzimmer der reichen Kundschaft zu gelangen, wurden die Maler erfinderisch und schließlich Spezialisten.

Das galt nicht für Vermeer oder Rembrandt, die aus dem angesagten Jahrhundert herausragen wie die Spitze eines Eisbergs. Aber dass etwa ein Rembrandt-Schüler wie Gerard Dou, der quasi als Prestige-Daimler zu den Toppsellern gehörte, berühmter war als sein Meister, zeugt von der Macht des Marktes. Und der verlangte nach Landschafts-, Sittenbild-, Porträt- und auch Stilllebenmalern, genauer: selbst innerhalb der Sparten bildeten sich Fachleute heraus (eindrucksvollstes Beispiel: Wouwermans bergauf schnaufende weiße Pferde!), die ihre Klientel bedienten. Und die Künstler zeigten, was sie konnten: Die Stilllebenmeister darunter schnitzelten die Zitronen um die Wette. Der beste war Willem Kalf(f), selbst ein Könner in den Fußstapfen Jan Davidsz. De Heems, der wie dieser freilich auch zahlreiche Nachfolger, Nachahmer und Nachmacher hatte – der Markt hatte viele Namen parat (Simon Luttichuys’ Arbeiten galten zuweilen als astreine Kalfs), der Fälschermarkt boomte.

 

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Hat sich wirklich noch nie ein Museum den prunkvollen Stillleben des Willem Kalf in diesem Umfang gewidmet? De Heem, Heda und Kalf scheinen in einem Maße stellvertretend für eine Gattung zu stehen, dass man sie als Gemeingut zu kennen scheint. Und so überrascht es doch, wenn tatsächlich zwei Museen – das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam und danach das Suermondt-Ludwig-Museum – den Anspruch erheben und wohl einlösen, erstmals das Werk des Meisters edler Pokale, der saftstrotzenden Hummer, der aufwändigen Draperien und extraordinär geschälter Zitronen mit rund 40 Exponaten aus aller Welt ausgebreitet zu haben. Dass darunter auch die frühen bäuerlichen Motive ihren Auftritt haben, ist schon aus Gründen des Kontrastes schön – zudem lernt man den Künstler als einfühlsamen Interieurmaler kennen (von da hatte sich im 16. Jahrhundert ja auch das Stillleben herausentwickelt), der nicht nur die Luxusseiten des Lebens gesehen hatte. Und dann das Glanzlicht! Man nimmt an, dass Kalf – wie Vermeer – mit der Camera Obscura umging, worauf die Behandlung des Lichtes und der fallweisen Unschärfen hindeuten.

 

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Die Aachener Schau feiert Willem Kalf mit einer prächtigen Ausstellungsarchitektur, das heißt einer im Raum hingebungsvollen Farbigkeit der Wände und einer Lichtregie, die die Arbeiten nicht verfremdet oder überlädt, sondern mit Nachdruck aus sich herausgehen lässt. War es doch Kalf, der lustvoll der verschiedenen Stofflichkeit und Haptik von Glas, Fleisch, Obst, Faser, Perlmutt usw. nachging. Die Zeit, wo rieselnde Zeitmesser, erlöschende Kerzen allzu deutlich die vergängliche »Moral von der Geschicht’« verkündete, war einer nuancierten Auffassung der Welt gewichen, deren Symbolik einherging mit der Demonstration der vollendeten Technik. Die guten wie die schlechten Nachahmer könnten ein Lied davon singen – die einen im Licht der hohen malerischen Kultur in den Niederlanden, die anderen im billigen Auftrag von Farbe, wo man bei Kalf den Stoff, und sei es der des Lichts selber, greifen zu können glaubt. Dass den Betrachter das »Stillleben mit Feldflasche aus Zinn, stehenden und liegenden vergoldeten Schenkkannen und großer getriebener und vergoldeter Silberschale« (Rouen, Privatbesitz und Köln) gleich dreimal anfunkelt, ist ein Ausdruck für den Ruhm des Meisters. Der fand immerhin würdige Kopisten, wobei das schlechteste von den dreien, die Version aus Köln, noch Johann Wolfgang Goethe begeisterte. Der hätte – wären ihm das Geschirr auf dem Bild und die Originale angeboten worden – die gemalten Schätze der mutmaßlich vergoldeten Vorlage vorgezogen.

 

Die Magie des Lichts ist kaum abzubilden. Der Katalog, der dem Werk in Essays und Einzelbeschreibungen auf den Grund geht, hat hier ganze Arbeit geleistet: Die Bildqualität ist phänomenal. Beachtenswert ist auch die von der Stadt Aachen eingerichtete Kalf-Seite im Internet, die ein kompaktes Bild des Künstlers vermittelt.

 

 

 

 

 

Öffnungszeiten

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