Ausstellungsbesprechungen

Willi Baumeister – Gilgamesch, Staatsgalerie Stuttgart, bis 1. Mai 2011

1943 sucht der Künstler Willi Baumeister Zuflucht vor dem Nazi-Regime, das ihn als »entartet« deklariert hat. Aber er sucht keine räumliche Distanz zu den Nationalsozialisten, sondern eine geistige – und er findet sie in dem wohl ältesten, überlieferten Epos, dem Gilgamesch-Epos. Willi Baumeister hat auf dieser literarischen Grundlage gefühlvolle, zeitlose Radierungen geschaffen, die nun in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen sind. Günter Baumann war von der Ausstellung zutiefst bewegt.

Der »Exil«-Begriff ist zu komplex, als dass er nur eine räumliche Distanzierung markiert. Andererseits ist die Bezeichnung der »Inneren Emigration« für die Exilanten, die aufgrund einer drohenden Verfolgung durch den Staatsapparat das eigene Land nicht verlassen, zu vage und wegen des Eindrucks der bloßen Zurückgezogenheit fast zu beschönigend, um die dahinter stehende Tragik annähernd zu erfassen. Friedrich Schiller entzog sich im 18. Jahrhundert der Kerkerhaft, indem er von Stuttgart nach Mannheim floh und seinem despotischen Landesherrn, Herzog Carl Eugen, mit seinem Stück »Die Räuber« sein IN TYRANNIS entgegenzuschleudern. Die Verfolgten des Nazi-Regimes hatten es nicht so einfach, wurden oft genug in Nacht- und Nebelaktionen ins anderssprachige Ausland getrieben oder waren zu stummen Schreien verdammt (Schiller musste nur die Dialektgrenze überschreiten, um im »Ausland« zu sein). So entschieden sich zahlreiche Menschen dafür, von der öffentlichen Bühne abzutreten, um im Stillen und in der Provinz zu überleben – und Exil hat in erster Linie mit existenziellen Katastrophen zu tun, wo immer es stattfindet. Willi Baumeister, der wichtigste Vertreter der Abstraktion nach Kandinsky & Co., setzte sich spät, erst 1943 ab – und zog ins Exil nach Urach, sozusagen in den ländlichen Schutz der Schwäbischen Alb. Die Nationalsozialisten hatten ihn als »entartet« abgestempelt, was zur Ächtung und zum Ausstellungsverbot führte. Statt das geografische Weite zu suchen, zog sich Baumeister zurück und fand sein Exil in der literarischen Ferne: Von 1943 bis 1945 schuf er fünf Illustrationsfolgen zu biblischen und weltliterarischen Themen, darunter auch eine Folge zum Gilgamesch-Epos. Während etwa der Autor Karl Wolfskehl ausdrücklich ein Exilland suchte, das weitestmöglich von Deutschland entfernt war (er floh nach Neuseeland), befasste sich Baumeister mit einer Literatur, die denkbar weit weg war vom zeitgenössischem Gedankengut: mit dem ältesten Epos überhaupt, dem etwa 2600 v. Chr. entstandenen sumerisch-akkadischen Gilgamesch-Epos, das in Keilschrift überliefert ist.

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Thematischer Hintergrund ist das Freundespaar Gilgamesch (König von Uruk) und Enkidu (ein Tiermensch), die dem göttlichen Zorn trotzen und doch zum Tode verurteilt werden. Persönlich steckte jedoch mehr dahinter: Baumeisters Freund Oskar Schlemmer, der sich schon 1942 verstecken musste, starb am 13. April 1943 – als gebrochener Mann. Seine Fensterbilder, die seinen verbliebenen Lebensraum schmerzlich bewusst machen, gehören wie die grafischen Folgen Baumeisters zum Ergreifendsten, was die »oppositionelle« Kunst in Deutschland hervorbrachte. Baumeisters Gilgamesch-Epos ist ein Tribut an den Toten und insgesamt eine Auseinandersetzung mit dem Tod, der keineswegs weitab und abgeklärt aufgefasst ist, sondern in greifbarer Nähe lauerte. Genial ist hier Kunst und Leben miteinander verwoben. Die 200 Blätter sind von abgrundtiefer Schönheit und zugleich von der persönlichen Tragödie des Künstlers geprägt, die jenseits von jeglicher Ästhetik ein erschreckendes Zeitbild hervorzaubern, das noch heute sprachlos macht. Das mag Baumeister bewusst gewesen sein oder nicht, auf jeden Fall hilft er der Sprache nach, indem er den Bildern, die allenfalls assoziativ mit der literarischen Vorlage umgehen, Texte aus dem Epos unterlegt. Wer sich die Zeit nimmt und sich neben den auf rosa, lindgrünem, braungetöntem oder andersfarbigem Bütten radierten, mit Kohle gewischten und/oder mit Ölkreide gezeichneten Blättern auf die Textpassagen einlässt, entdeckt eine traumhafte Welt von zeitloser Dauer und stillem Pathos – unbeabsichtigt ein heimlicher Triumph über das im Jahr 1943 voraussehbare Ende des vorgeblich Tausendjährigen Reiches. In der Staatsgalerie sind nur knapp über 60 Arbeiten aus der Frottagefolge ausgestellt, aber man spürt die Intention des Künstlers: »Meine Illustrationen gelangten in die Nähe der alten Reliefs an den zyklopischen Mauern, sie gelangten in die Nähe der Keilschrift und Hieroglyphen, an die Symbolzeichen, an die Riten und Weihen, die ihre Geheimnisse bewahren, gleich dem fernen und hohen Gott, dessen Name nie genannt, sondern nur umschrieben wird.«

Kunsthistorisch liegt Baumeisters Gilgamesch-Epos zwischen den Pinselzeichnungen von Josef Hegenbarth (1919) oder dem etwa zeitgleichen Radierzyklus von Richard Janthur und den Übermalungen von Arnulf Rainer (1964). Wie aktuell das Thema noch immer ist, zeigen Arbeiten von Felix Martin Furtwängler (2004) oder Reinhard Minkewitz (2007). An Willi Baumeister reichen sie nicht heran. Angesichts jüngster ökologischer Katastrophen haben manche der Baumeister-Blätter eine von der Entstehungszeit abgekoppelte, beklemmende Wirkung, wie etwa das erste Blatt aus der Folge, dem der Text beigegeben ist: »Alles sah er, der Herr des Landes [...]. Er durchschaute der Leute Leben und Treiben [...]. Aus der Zeit vor der großen Sturmflut brachte er Kunde [...]. In Keilen ließ er schreiben, der Dulder, die ganze Mühsal. In harten Stein wurden Taten und Leiden alle gemeißelt.«