Buchrezensionen

William Gaddis: Die Fälschung der Welt, DVA 2013

Unzählige Nebenfiguren, diverse Schauplätze, ambitionierte Fragen über Religion, die Welt und das eigene Selbst – das alles bietet Gaddis’ Roman. Es verwundert daher kaum, dass die Opulenz seines Werks bisher jeden Leser einfach umgehauen hat. Rowena Fuß hat sich näher damit beschäftigt.

So manche Reise ist schon zur Irrfahrt geraten, weil arglistige Täuschungsmanöver den Wanderer vom Weg abbrachten. In den meisten Fällen ging es am Ende aber gut aus. Der verlorene Sohn kehrte heim – natürlich um zahlreiche Erfahrungen reicher und vielleicht sogar weiser. Auf eine ebensolche Odyssee nimmt William Gaddis (1922-1998) seine Leser mit. Er, der selbst gern durch die Weltgeschichte reiste – u.a. durch Spanien, Frankreich, Italien und Mittelamerika –, breitet vor uns das komplexe Feld der New Yorker Intellektuellenszene aus.

Diese, so stellt sich schnell heraus, ist ein eigentümlicher Kosmos mit einer Vielzahl fremdartiger Individuen. Und ohne zuviel vorweg zu nehmen, ist es doch amüsant, dass der Harvardabsolvent Gaddis, der Verifikationsredakteur beim New Yorker war, selbst Teil der Szene ist, die er in seinem Buch durch den Kakao zieht.

Die eigentliche Handlung dreht sich um den Künstler Wyatt Gwyon, Sohn eines Reverends aus Neuengland, der Bilder fälscht. Gaddis bettet diesen roten Faden, wenn man ihn denn so nennen möchte, jedoch in ein Geflecht aus Seitenwegen und Abstechern in das besagte Milieu geistvoller Menschen, Einzelporträts der Beteiligten in separaten Kapiteln inbegriffen. Es entsteht eine Art Zoomeffekt, der den Leser immer wieder aus dem Takt bringt und verwirrt. Zudem erklärt der Autor erst viele Seiten später, wer der Protagonist aus einem vorigen Abschnitt ist.

Wyatt Gwyon wächst in einem seltsamen Haushalt auf. Der Vater beschäftigt sich nach dem Tod seiner Frau mit okkulten Studien, das Hausmädchen Janet hört Stimmen und seine Tante May, eine Frau von geradezu »mittelalterlicher Glaubensstrenge, die nur dem christlichen Gott allein wahre Schöpferkraft zugesteht«, ist seine einzige richtige Bezugsperson. Der Sohn ist dem Vater völlig fremd, aber nicht gänzlich gleichgültig. So bringt er einmal ein Tieropfer für den fieberkranken Wyatt dar: Es ist der von einer Reise mitgebrachte Affe, der bisher friedlich in einer Scheune auf dem Grundstück hauste und Gesprächspartner sowohl für den Vater als auch den Sohn war.

Man merkt schnell, dass es hier nicht nur um ein gestörtes Vater-Sohn-Verhältnis geht, sondern darum, zu zeigen, wie isoliert und einsam jede der Figuren eigentlich ist. Sie scheinen wie Gefangene des eigenen Selbst, unfähig sich der Umwelt mitzuteilen.

Dieser Topos setzt sich in den folgenden Kapiteln fort. Denn Wyatts Kindheit und Jugend umfassen lediglich 100 Seiten dieses Kampfwälzers. Rund 1100 stehen dem Leser noch bevor. Ihr Inhalt lässt sich jedoch ziemlich kurz zusammenfassen.

Wir lernen zunächst diverse Personen kennen, darunter den Kommunisten Otto, der nicht nur eine Affäre mit Wyatts Frau Esther hat, sondern auch dessen Modell Esme vögelt. Ebenso versucht Otto, ein Buch zu veröffentlichen, das aber als Plagiat von der Literaturagentin Agnes Deigh abgelehnt wird. Wir lernen außerdem den Musiker Stanley kennen, über dem später, kaum dass er den ersten Ton anstimmt, die Kirche Fenestrula zusammenstürzt und der eine amouröse Beziehung zu Deigh unterhält. Ebenso erzählt uns Gaddis Trivialitäten, wie etwa über den erwähnten Stanley, der vor dem großen Kollaps wegen Zahnschmerzen ins Krankenhaus kommt. Zuletzt erfahren wir noch etwas über Wyatts Vater. Dieser ist mittlerweile geistig völlig umnachtet und versucht, einen Mithras-Kult in seiner Gemeinde zu installieren.

Lässt man diese Peripherie des wer mit wem und wie weg, bleibt eine bekannte Künstlerstory: Wyatt, der nach einem Kunststudium in München und Paris als Bauzeichner in New York tätig ist, restauriert nebenher Gemälde. Eines Tages verirrt sich ein Pudel (da denkt man gleich an Faust!) in sein Atelier und er lernt Recktall Brown kennen, einen dubiosen Kunsthändler. Er beginnt Alte Meister für diesen zu fälschen, was ihn später in eine innere Krise stürzt, die damit endet, dass er sich von Brown und seinem Helfershelfer Basil Valentine trennt: Valentine wird erstochen, Brown stirbt durch einen Sturz von der Treppe seines Hauses.

Gerade dieser gewaltsame Tod der beiden Halunken erinnert an ein Buch des Franzosen Georges Perec, »Condottiere« (1958/59 entstanden, aber erstmals 2012 posthum veröffentlicht). Darin ermordet der ebenfalls als Kunstfälscher aktive Hauptprotagonist seinen Auftraggeber, um sich zu befreien und neu anfangen zu können. Hier wie dort dient Mord als das Sinnbild einer Abrechnung mit der Vergangenheit und steht paradigmatisch für die Identitätskrise der Nachkriegsgeneration, der beide Autoren angehören.

William Gaddis mutet seinem Leser viel zu. Es ist nicht nur die Fülle an Einzelheiten, die er sorgfältiger als jeder Chronist aufzeichnet, was man als Abschweifungen empfindet. Er lässt uns darüber hinaus im Unklaren, was die wahren Nöte, Hoffnungen und Ängste seiner Protagonisten angeht. Hinzu kommt der vielerorts durchscheinende ironische bis zynische Unterton. So wird etwa Wyatts Frau Esther als »Intellektuelle« bezeichnet, die »kühl kalkulierend« ihren Schenkeln folgt. Eine Party anlässlich des von Agnes Deigh erworbenen neuen Bildes bekommt durch das Trauergebinde oberhalb desselben eine völlig andere Note. Zum Bild selbst vermerkt er, dass es aussähe, wie »das Hemd eines Schwerarbeiters, mit Ausnahme von Kragen, Ärmeln sowie der Schöße«.

Jeder bekommt sein Fett weg. Den Zirkel, der sich bei Deigh versammelt hat, beschreibt der Autor sinngemäß als geistig behinderte Sanatoriumsinsassen: »Als geschlossene Gruppe erreichten sie [gemeint sind die Nebenfiguren Mr. und Mrs. Munk, Herschel und dessen Begleitung Adeline, Anm. d. Verf.] einen geschlossenen Raum voller Leute, die ihr Leben größenteils in geschlossenen Räumen zubrachten«.

Gaddis verwendet Ironie als Bruch mit der Wirklichkeit, um das Heuchlerische und Falsche der Situation zu zeigen. Das zeigt sich nicht zuletzt auch in Details, wie einem Buchtitel, den ein junger Mann mit Perlmuttbrille auf besagter Bilderparty in der Hand hält. Er lautet: »Demokratie und die Erziehung zur kontrollierten Darmentleerung«.

Geschrieben habe er seinen Roman, so Gaddis, »aus Rache«. Dies erfährt der Leser im Nachwort. Heimzahlen will es der Autor scheinbar v.a. Kritikern jeder Couleur. Diese äußerten sich dementsprechend auch sehr negativ, als das Werk 1955 erstmals veröffentlicht wurde. Amerikanische Kritiker lehnten »The Recognitions« – so der Originaltitel – u.a. wegen seiner frustrierenden Länge ab. Als es 1998 erstmals auf Deutsch erschien fanden es Kritiker »wichtigtuerisch« und »klugscheißerisch«.

Heute, nach nunmehr 60 Jahren seit der Erstveröffentlichung, wird Gaddis Roman hie und da zaghaft als »unverfälschte Literatur« gepriesen. In Anbetracht dessen, dass das Buch eine bodenlose, auf Lug, Trug und Schein aufgebaute Welt beschreibt, mag dies allerdings wie ein schlechter Kalauer wirken. Richtig ist, dass dieses Opus eine in jedem Fall außerordentliche Länge aufweist. »Klugscheißerisch« wirkt es jedoch nicht. Denn das hieße den speziellen Humor des Autors zu missachten. Gaddis’ Debütroman ist einfach ausladend und es ist letztlich wohl am ehrlichsten, wenn man sagt: Man liest ihn wegen der Herausforderung.