Buchrezensionen

William Kentridge: Thick Time. Installationen und Inszenierungen, Hirmer 2016

William Kentridges Kunst speist sich aus seiner Heimat Johannesburg: der Künstler war glühender Anhänger der Antiapartheitsbewegung und zitiert in seinen Zeichnungen immer wieder die afrikanischen Steppen. Bekannt wurde er mit seinen Animationsfilmen, es folgten Theaterinszenierungen und spannende Filmarbeiten. Der Katalog präsentiert zahlreiche Filmstills, Zeichnungen und Inszenierungen des Künstlers. Stefanie Handke hat sie sich näher angesehen.

Ein dunkler Raum, grau und nackt. Von der Decke hängen Projektoren, an den Wänden: Filmbilder. Man sieht einen älteren Mann eine Leiter bewegen, an seinem Schreibtisch sitzen, seine Bilder auf dem Tisch liegen. Danach: Derselbe Mann vor einer papiernen Wand, zeichnend, Malend, Papierfetzen mit den Bildern darauf wieder runterreißend. Stills aus neun Filmen eröffnen das Buch. Zwei davon, »Tabula Rasa I« und »Tabula Rasa II« widmen sich den malerischen Vorgängen, die auf der Leinwand entstehen. Rechtecke drängen sich ins Bild, Schwarz verwandelt sich in Weiß, Kleckse bilden Formen. In anderen Werken, etwa »Moveable Assets« oder »Feats of Prestidigitation« tritt auch der Künstler selbst auf die Leinwand und in »Journey tot he Moon« gesellen sich Kaffeetasse und Espressokocher hinzu, die als Mikroskop oder Rakete dienen, aber auch selbst handeln können. Bücher, Leitern, Pinsel und zahlreiche andere Gegenständen entwickeln in William Kentridges Filmen ein Eigenleben, sie sind Darsteller, keine Objekte. Das wird auch ohne bewegtes Bild deutlich, die Stills sind ungeheuer beredt, agil und können bereits als eigene Kunstwerke betrachtet werden. Das Atelier, vor dessen Hintergrund die sieben hier vorgestellten Filme, alle spielen, bietet dabei einen Handlungsrahmen, aber auch einen Raum der Möglichkeiten und ist weit mehr als nur Ort der Handlung. Zugleich sind die Werke das Produkt eines Denkens in utopischen Denkens: In der Zeichnung, ja in der Kunst überhaupt ist es möglich, frei zu assoziieren, zu zeichnen und auch wieder zu löschen.

Doch nicht nur Filmstills bietet das Buch; auch Tapisserien, Inszenierungen und Installationen sind zu bewundern, so erinnert »The Nose (with Straberries)« (2012) auf den ersten Blick an eine Collage ehe man bei näherem Hinsehen erkennt, dass es sich um eine Webarbeit handelt. Es zeigt eine auf einem Pferd reitende Nase, im Hintergrund Zeitungsauschnitte, Skizzen, Wortfetzen. In »Streets oft he City« (2009) dagegen sehen wir Landkarten Europas und einen Stadtplan, über die sich die – ebenfalls scheinbar aus Zeitungsfetzen zusammengesetzte – Silhouette eines Pferdes legt. Ihr Thema und das der anderen gezeigten Webarbeiten ist Mobilität, Bewegung. Im zugehörigen Aufsatz zieht Joseph Leo Koerner eine Verbindung zwischen Kentridges Filmen und diesen Tapisserien: Während sich in den Filmen die Protagonisten bewegen, wirken auch die Schatten auf den Webarbeiten mobil, wenn sie sich scharf vom Hintergrund abgrenzen. Er liest die Werke als Texte im ursprünglichen Sinne, als »Gewebe« aus Geschichten, die der Künstler erzählt.

Doppeldeutig ist der Titel »Second-Hand Reading« (2013). Der kleine Film – ein Daumenkino – besteht aus Zeichnungen, die auf den SWeiten des »Shorter Oxford English Dictionary« entstanden sind. Der Titel scheint auf manche Überraschung zu verweisen, die man beim Kauf eines Buches aus zweiter Hand erleben kann, aber er weist auch darauf, dass man ein Buch anders lesen, nutzen, betrachten kann als im ursprünglichen Sinne gedacht – etwa als Kulisse eines kleinen Daumenkinos. Zehn Bilder aus dem Werk sind hier zu sehen.

Die Videoinstallation »More sweetly play the Dance« (2015) ist wohl eines der beeindruckendsten hier abgebildeten Werke. Vor einer kargen Landschaft marschiert eine Prozession unterschiedlichster Gestalten, teils real abgefilmt, teils gezeichnet. Den Rahmen dieser Handlung bilden Kohlezeichnungen, die ebendiese Landschaft erst formen. Ihnen zur Seite gesellen sich unterschiedlichste Medien; Fotografie und Film, Projektion, Musik, Zeichnung. Eine Blaskapelle taucht auf, ebenso eine Frau an der Schreibmaschine, ein Mann am Tropf, und und und. Sie alle bilden eine Prozession der Merkwürdigkeiten, denn irgendwie scheinen sie nicht so recht in die Landschaft aus Kohle zu passen.

William Kentridge ist ein Künstler, der zwischen den Medien arbeitet und sich kaum beschränken lässt. So verwundert es kaum, dass er auch Opern inszeniert: Zeichnungen zu Alban Bergs »Lulu« finden sich ebenso wie Theatermodelle und Szenenbilder. Allein die Vorzeichnungen sind dabei schon wieder eigene Kunstwerke; wieder musste das »Shorter Oxford English Dictionary« als Zeichenmaterial herhalten, und diese Bilder, deren Textur durch die gedruckten Wörter. Die Tinte und die Wörter erwachen auf der Bühne zum Leben, werden selbst Darsteller in der Oper und bilden einen opulenten Raum, in dem die Figuren agieren. In seinem Aufsatz »Le Théâtre est son double« blickt Denise Wendel-Poray auf die lange Nähe Kentridges zur Oper und zum Theater im Allgemeinen zurück. 1976 schloss der sich einer Theatergruppe in Johannesburg an, und schuf z.B. Plakate für die Eigenproduktion »A Fantastical History of a Useless Man« (1976). 1987 produzierte er das »Sophiatown« mit, er arbeitete mit dem Lunatheater Brüssel für ein Puppenspiel (»Il Ritorno d’Ulisse«, 1998) zusammen, inszenierte Mozarts »Zauberflöte (2005) oder Schostakowitschs »Die Nase« (2010) und eben 2015 »Lulu«. 2017 wird »Wozzeck« im Rahmen der Salzburger Festspiele folgen.

Mit dem Vortrag »Periphere Gedanken«, den William Kentridge 2015 in Kapstadt hielt, gibt der Künstler einen Einblick in seine Gedankenwelt im Atelier. Unterschiedlichste Ideen schwirren ihm dort durch den Kopf; »Verwendungsmöglichkeiten für einen Baum« notierte er ebenso wie Gedanken zu einem Foto David Goldblatts (»Girl in her new tutu on the stoep«, 22. Juni 1980), das eine ganz eigene Glückseligkeit auszustrahlen scheint und für Kentridge aber auch eine Grausamkeit birgt und ihn zugleich an die eigene Schwester, ebenfalls eine Ballettschülerin, erinnert.

Der gemeinsam mit dem Künstler gestaltete Katalog zur Ausstellung in der White Chapel Gallery, die ab Juli 2017 auch im Museum der Moderne in Salzburg zu sehen ist, bietet einen beeindruckenden Überblick über das Schaffen des südafrikanischen Künstlers und zeigt ihn vor allem als einen, der zwischen den unterschiedlichsten Themen eine Verbindung herstellt. Astronomie und Literatur treffen aufeinander, Oper, Zeichnung und Film, alles schwirrt umher und vereint sich zu einem Gesamtwerk, das ungeheuer beredt ist.