Ausstellungsbesprechungen

William Wauer und der Berliner Kubismus, Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm, bis 15. Januar 2012

In einer umfassenden Werkschau gedenkt das Edwin Scharff Museum dem Bildhauer und Maler William Wauer. Die Ausstellung stellt seine Skulpturen in ihren Kontext zwischen Expressionismus, Kubismus und Futurismus und scheut keinen Vergleich mit den zeitgenössischen Größen der Berliner Plastik. Noch wenige Tage ist dieses "Must-See" in Neu-Ulm zu sehen. Günter Baumann schildert seine Eindrücke.

In manchen Stilen – und selbst in Epochen – hinkt die Plastik hinter der Malerei hinterher. Romantische Skulpturen sind kaum denkbar, wenn man sie nicht in Frankreich sucht. Der Symbolismus findet zwar plastischen Ausdruck, tut sich aber in der dritten Dimension schwer. Ähnlich steht es um die kubistische Plastik, was einen wundert, denn hier geht es weniger um inhaltsschwere und bedeutungsschwangere, auch nicht um spezifisch malerische, etwa landschaftsmotivische Stoffe, sondern um die ästhetisch extreme Zerlegung der Form.

Immerhin kommen einem recht schnell Namen wie Alexander Archipenko (1887-1964) oder Rudolf Belling (1886-1972) in den Sinn, weniger jedoch William Wauer (1866-1962). Stil- oder schulbildend waren sie offenbar nicht. Nun zeigt die Ausstellung im Neu-Ulmer Edwin Scharff Museum eine umfangreiche Schau über diesen bislang kaum bekannten Bildhauer, der seinerzeit in Berlin eine kleine Hochburg kubistischer Plastik errichtete. Selbst wer den Namen noch nicht gehört hat, dem dürfte die agil-dynamische und klar gezeichnete Porträtplastik des Verlegers, Autors und Kunstkritikers, Musikers Herwarth Walden geläufig sein, die allerorten abgedruckt ist, wenn es um die Zeit des Expressionismus geht. Es handelt sich um einen Meilenstein in dieser Porträtsparte. Umso mehr ist es ein Verdienst des Edwin-Scharff-Museums, gemeinsam mit dem Georg-Kolbe-Museum in Berlin eine Lanze für den dahinter stehenden Künstler zu brechen. Dass man dabei auf die Wirkung des Walden-Porträts nicht verzichten wollte, erkennt man an der exponierten Platzierung im Eingangsbereich des ersten Ausstellungsraums.

Multitalentiert wie er war – William Wauer war auch u.a. als Maler und Werbegrafiker sowie als vielbeschäftigter Regisseur aktiv – , experimentierte er mit der kubistischen Neuordnung des Naturvorbildes mit künstlerischen Mitteln. Die Ausstellung stellt das Werk in den Kontext und legt hierbei den Fokus auf die zeitgenössische Plastik in Berlin. Neben den oben genannten sind viele weitere Künstler versammelt: Umberto Boccioni, Georg Kolbe, die kaum als Bildhauer bekannten Größen Walter Gropius und Johannes Itten sowie Emy Roeder, Richard Scheibe und auch der Namensgebers des Museums Edwin Scharff. Die meisten dieser Künstler(innen) haben ihren eigenen Weg eingeschlagen, ohne sich auf den Kubismus festzulegen; es ist sicher symptomatisch, dass manche der 60 exemplarischen Werke epigonal oder stilistisch unentschieden bleiben (zum Beispiel eine Tänzer-Darstellung von Katharina Heise), und dass selbst beeindruckende Arbeiten wie die von Marg Moll oder Walter Kampmann nahezu vergessen sind. Zu bedauern ist der Verlust vieler einschlägiger Plastiken, die nur noch fotografisch zu erschließen sind – auch das ein Zeichen der relativ geringen Wertschätzung für die kubistische Skulptur, die sich kaum entfalten konnte, bevor der Irrsinn des Nationalsozialismus darüber hinweg wütete.

Man darf nun nicht annehmen, es würden in der Ausstellung Randphänomene der Plastik thematisiert. Im Gegenteil: Die Leihgaben aus über zehn renommierten Häusern – etwa aus der Nationalgalerie der Staatlichen Museen zu Berlin oder der Stiftung Moritzburg des Kunstmuseums des Landes Sachsen-Anhalt – sichern das unterm Strich sehr hohe Niveau der Präsentation. Das Wechselverhältnis der ausgestellten Arbeiten lässt expressionistische, kubistische, futuristische und sogar konstruktivistische Elemente ineinandergreifen, wodurch die Einflussmöglichkeiten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in einem neuen Licht erscheinen. Die Spannweite reicht immerhin von der traditionellen Seite (Kolbe) bis hin zum revolutionären Denkmal (Gropius).

Das Werk William Wauers nimmt da eine Sonderstellung ein, weil man bei ihm diese intensive und durch und durch ernste Beschäftigung mit der Form innerhalb dieser disparaten Stilrichtungen am deutlichsten nachvollziehen kann. Bemerkenswert ist, dass Wauer erst im Alter von rund 50 Jahren zu seinem ausdrucksstarken, typischen Stil fand. Im Kreis der Berliner »Sturm«-Bewegung, die wesentlich von Herwarth Walden geprägt worden war, galt der Bildhauer Wauer als Erster, der »in Europa die reine kubistische Plastik geschaffen« (Rudolf Blümner, 1921) habe – die Rechnung wurde da freilich ohne Picasso & Co. gemacht, aber eine solche Aussage macht doch das Bemühen auch in Berlin spürbar, neue Wege in der Bildhauerei aufzuzeigen. Dass in Neu-Ulm der Berliner Unterbau allerdings in den Hintergrund rückt, im Gegensatz zur ersten Station der Ausstellung im Kolbe-Museum, schadet der Schau keineswegs: So lässt sich freier über die vereinzelt gefundenen Perspektiven verfügen, die in feinverzweigten Fäden in die Nachkriegsplastik teils im Verborgenen, jedoch stets mit Bedacht eingewoben werden konnten. Zu den Neuerungen gehörten etwa die Dynamik und Dramatik im Ausdruck, die Umgestaltung des Naturvorbildes und die Ergründung neuer Inhalte.