Buchrezensionen

William Wegman: Menschen wie wir, Schirmer/Mosel 2017

Ganz normale Menschen porträtiert dieser Fotoband, so könnte man meinen. Aber mitnichten! Fotograf William Wegman setzt seine Weimaraner-Hunde in Szene: Mal kurios, mal absurd, aber immer an menschliche Verhaltensweise gemahnend. Walter Kayser hat sich das Buch genauer angesehen – und viel Freude damit gehabt.

William Wegman: Lolita, 1990 (Seite 318) © William Wegman / courtesy Schirmer/Mosel William Wegman: Miss & Misses, 1995 (Seite 178) © William Wegman / courtesy Schirmer/Mosel William Wegman: Secret, 1994 (Seite 29) © William Wegman / courtesy Schirmer/Mosel William Wegman: Red Triangle, 1993, (Seite 274) © William Wegman / courtesy Schirmer/Mosel
4 Abbildungen. Klicken für eine größere Darstellung

Als Scooter, der schwarze Riesenschnauzer von Johannes Rau, einmal davongelaufen war, gab der viel gerühmte Staatsmann, aus tiefer Brust aufseufzend, einen seiner unsterblichsten Sätze von sich: »Als Hund ist er vielleicht eine Katastrophe, aber als Mensch schwer in Ordnung!«

Es ist ja ein bekanntes Phänomen, dass sich alte Ehepaare in ihren Geschmacksrichtungen angleichen, dass ihre Handschriften beispielsweise zum Verwechseln ähnlich werden. Entsprechend gilt auch für Haustiere, was die Volksweisheit schon lange weiß: »Wie der Herr, so's Gescherr«. Ist es geheime Wahlverwandtschaft, eine Art von narzisstischer Übertragung, wenn die Physiognomie von Hundehaltern auffällige Ähnlichkeiten mit der ihrer Hunderasse hat? Den Boxerrüden stört es jedenfalls wenig, wenn das Frauchen Triefaugen bekommt und physiognomisch etwas ins Bullige entgleitet.

Zu den Statussymbolen, mit denen man sich überall sehen und eine »bella figura« machen kann, gehören sicherlich der englische Windhund, die Bismarcksche Dogge oder der edle Weimaraner: Nicht nur dass sie an die Ästhetik des Erhabenen und deutsche Klassiker denken lassen – alles, aber auch wirklich alles atmet an diesen Tieren Eleganz. Ein silbergraues, äußerst gepflegtes Kurzhaarfell, das manchmal ins Reh- oder Mausgrau spielt und ohnehin wie Cashmere aussieht, verrät den Gentleman in den gesetzteren Jahren. Aus den bersteinfarbenen Melancholikeraugen, die im Welpenalter hinreißend himmelblau gewesen sind, spricht mit den Jahren warmherzige Contenance, welche nur auf der Jagd, der adligsten aller adligen Passionen, an blitzender Geschmeidigkeit gewinnt und zur hitzigen Leidenschaft hochkocht.

Einschlägige Websites versprechen wie Kontaktportale den idealen Partner fürs Leben: »Er ist ausdauernd, arbeitet konzentriert, bringt dabei aber eher kein überbordendes Temperament mit. Er ist ein ausgesprochen ernsthafter Arbeiter […] Er ist mutig, ausgesprochen selbstbewusst und gewillt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.« Von so etwas träumt jede Schwiegermutter, dabei ist es die Beschreibung des Weimaraners, nicht irgendeiner Straßentöle, sondern dieses nobelsten Aristokraten unter den aristokratischen Jagdhunden, der an gewöhnliche Menschen und Nichtjäger erst gar nicht abgegeben wird.

Kein Wunder, dass der Fotograf William Wegman diesen Hunden seit nahezu einem halben Jahrhundert verfallen ist. Der New-England-Gentleman zeichnet, malt, dreht Filme und macht nicht zuletzt Fotos, unter einer Bedingung: Seine Weimaranerhunde müssen ins rechte Licht gerückt werden. Wegman pflegt dabei die konzeptuelle Form der inszenierten Fotografie. Dass Wegmans erster Weimaraner der Sage nach auf den Namen »Man Ray« hörte, ist sicherlich kein Zufall, sondern künstlerisch hintersinnige Programmatik. Schon der Vater der modernen Konzeptkunst vereinigte Elemente, die uns in den Fotos des amerikanischen Fotografen verwandelt wieder begegnen: den Sinn für kühle Eleganz, surreale Verfremdung, unbeschwerte, respektlose Leichtigkeit im Kombinieren skurriler Elemente.

Der komische Reiz der Bilder fußt auf einer zugleich uralten und sehr modernen Einsicht: Je mehr wir von Tieren, und dabei keineswegs nur von unseren nächsten Verwandten unter den Säugetieren, den Primaten, wissenschaftlich in den letzten Jahrzehnten in Erfahrung bringen konnten, desto fragwürdiger wurde die Grenze zwischen Mensch und Tier, die Religion und Philosophie selbstgefällig gezogen haben. Dabei ist der Mensch vielleicht das einzige Tier, das sich hartnäckig weigert, eines zu sein. Ob Sprache, Gedächtnisleistung, Werkzeuggebrauch, soziales Mitgefühl und Beziehungsfähigkeit oder auch die Fähigkeit zur Vorausplanung – alle Bastionen anthropologischer Alleinstellungsmerkmale sind mittlerweile ins Wanken geraten. Damit hat die Tendenz, Tiere zu vermenschlichen - eine Tendenz, die sich seit Jahrtausenden in Fabeln, hybriden Götter- und Dämonenfiguren, Kose- und Schimpfnamen Ausdrucksformen gebahnt hat, neues Futter bekommen.

Der Künstler William Wegman inszeniert seine Hunde als Charakterköpfe, als »Menschen wie wir« eben, denn die (momentan vier) vierbeinigen Gefährten sind sein Lebensthema und überhaupt »Men`s best friends« geworden. Wirkliche Noblesse kann es sich auch hier leisten, die Maßstäbe zu verlieren. Daher erkennt man wahre Vornehmheit an der nötigen Prise Dekadenz. Nicht, was ins Auge fällt, schon gar nicht das Notwendige – das Accessoire tritt in den Vordergrund: die Schuhe, die Handtasche, das Brillengestell, die unscheinbare Schweizer Armbanduhr, oder eben »Good Dogs on Nice Furniture«.

Es gehört ja zu einem wesentlichen Merkmal jeder konzeptuellen Fotografie, dass sie zur Serie neigt. Nicht nur das Foto selbst, noch viel mehr besteht die kreative Leistung des Künstlers in der ideellen Planung und Inszenierung, die dem Drücken des Auslösers vorausgeht. Wegmans Weimaraner werden anthropomorphisiert in jeder erdenklichen Weise: sie tragen geduldig Perücken, Sonnenbrillen, Masken aller Art, ob es Astronautenanzüge oder seltsamste Kopfbedeckungen sind wie sonst höchstens die britische High Society bei der Royal Ascot-Rennwoche alljährlich Ende Juli. Sie werden in Maßanzüge gesteckt oder paarweise aufs Sofa drapiert wie betagte Gatten und Gattinnen vorm Fernseher.

Mehr als ein dutzend Kapitel gibt den Tenor an: »Maskerade«, »Halluzinationen«, »Vogue«, »Kubisten«, »Bleib!«. Auf diese Weise persifliert Wegman nicht nur die klassischen Unterteilungen der Fotografie, sondern die Hunde mehr noch unsere Posen und merkwürdigen sozialen Rollen als Models, surreale Erscheinungen, lasziv sich hinfläzenden Akte, balancierenden Hochseilartisten. Wahrscheinlich gibt es unter den moralisch besonders empfindsamen Zeitgenossen und nicht zwingend humorlosen Tierschutzaktivisten nicht wenige, die das alles als Vergewaltigung der tierischen Artgerechtigkeit vor den Kadi ziehen möchten. Aber das Seltsame ist: Die ironische Brechung scheint an den Tieren abzuperlen. Sie erniedrigt nicht, sondern vermag ihre Eleganz nur noch zu steigern.

Ihrerseits revanchieren sie sich allerdings, indem sie unwiderstehlich drollig (sprachlich sicherlich nicht ganz astrein) wie begossene Pudel dreinschauen. Nicht ganz glücklich, eher etwas verwundert und nachsichtig ertragen sie ihre eigene Zurichtung mit einer Langmut, als würden sie den Mann hinter der Kameralinse für einen armen Irren halten, dem man einiges verzeihen muss, wenn es nur nicht allzu lang dauert und man das Leckerli greifbar weiß. Zuweilen spricht aus dem Blick dieser Hunde eine unendliche tiefe und grundlose Trauer angesichts des Schwachsinns, den Menschen so anstellen. Dann wieder ertragen sie, was ihnen zugemutet wird, und geben ihrer gekränkten Würde Ausdruck, indem sie mit einer Arroganz und stoischen Haltung in die Kamera blicken, die jeden Repräsentanten ältester Adelshäuser in den Schatten stellen würde. Noblesse oblige.

Schon vor 10 Jahren zeigte das New Yorker Brooklyn Museum eine Retrospektive mit mehr als 200 Arbeiten William Wegmans. Inzwischen ist der Künstler auch in den Dauerausstellungen anderer bedeutender Museen zu finden, wie beispielsweise im San Francisco Museum of Modern Art, dem MoMa in New York oder dem Kunsthaus Zürich. Die nun von Schirmer/Mosel veröffentlichte Sammlung von Fotografien vereinigt in einem nie dagewesenen Umfang Hundeporträts aus mehr als 40 Jahren. Schade, dass er vom Format herrecht klein und lediglich mit Leimkartonage zusammengehalten ist. So wird er vom vielen Auf- und Umblättern bald unweigerlich auseinanderbrechen. Betreut wird dieser Band von dem renommierten Fotohistoriker William A. Ewing. Als sei dies angesichts der edlen Rassehunde noch nötig, hebt er in seinen Begleittexten die Bedeutung des Künstlers und gibt ihm den längst verdienten Ritterschlag.

Natürlich haben diese Bilder eine unklare Nachbarschaft zu wirkungsvollen Werbeplakaten: das süße Kätzchen im Turnschuh, das Küken mit der zerbrochenen Eierschale auf dem Kopf. Aber das sind bloße Hingucker für Entzückensschreie, einfach »cute«, sonst nichts. – Wegman dagegen praktiziert lárt pour lárt. Seine Arrangements können nur jemandem in den Kopf kommen, der den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun hat. Das liebevolle Schindluder, das er mit seinen vierbeinigen Freunden treibt, ist die Frucht eines Taugenichts, eines Hallodri, dem die Fadheit des Daseins nichts als Flausen eingibt. Aber Wegman nimmt auch für sich gar nie in Anspruch, letzte Weisheiten zu verkünden. Sein Anspruch ist Unterhaltung, intelligent und gut inszeniert. Eine Ironie eben, die nicht niedermacht, sondern Ausdruck von Zuneigung ist, wie sie weiland Thomas Mann zu seinen Romanfiguren pflegte. Mehr nicht, aber keineswegs weniger.