Buchrezensionen

Wilton, Andrew (Hrsg.): William Turner – Leben und Werk, E.A. Seemann Verlag, Leipzig 2006.

»Der Zweck dieses Buchs ist, die wesentlichen Fakten von Turners Leben in leicht zugänglicher Form, möglichst in den eigenen Worten des Künstlers oder in Aussagen seiner Zeitgenossen, darzubieten.« Mit dieser Charakterisierung durch Andrew Wilton, dem Autor und Turner-Experten an der Tate Britain, ist eigentlich alles über die Neuausgabe von »Turner in his time« aus dem Jahr 1987 gesagt.

Auf 256 - großzügig bebilderten und eng bedruckten – Seiten wird der Leser durch die Biografie des 1775 geborenen Malers Joseph Mallord William Turner geführt. Wilton beginnt mit der mutmaßlichen Geburt in Covent Garden und beschreibt dann den Aufstieg des Malers. Er begleitet den Leser in die Maiden Lane, wo Turners erste Aquarelle im Schaufenster des elterlichen Friseurgeschäfts für wenige Shillings angeboten wurden, und führt ihn im Anschluss zielstrebig zu den folgenden Stationen des Autodidakten: Turner aquarelliert für den Architekten Thomas Harwick, und im Revolutionsjahr 1789 nimmt die Schule der Royal Academy den 14-Jährigen auf. Bereits im folgenden Jahr wird ein Aquarell für die Jahresausstellung ausgewählt. Mit dem Sprung in die Ölmalerei (Fishermen at sea, Royal Academy-Ausstellung, 1796) gelingt ein weiterer Achtungserfolg, an den sich 1802 die Aufnahme in die wichtigste Künstlervereinigung des Landes anschließt. Auf dem Weg zur Mitgliedschaft in die Royal Academy erscheint Turner als einseitig begabtes Genie: »Er pflegte von nichts anderem als seinen Zeichnungen und von den Orten, wohin er zum Zeichnen gehen sollte, zu sprechen. Er schien ein unerzogener junger Mensch, der nichts als Verbesserung in seiner Kunst wollte.«

Mit diesem Zitat einer Bekannten aus dem Jahr 1798 sowie unzähligen weiteren Zeugnissen zeichnet Wilson das Bild eines skurrilen Einzelgängers, der Charles Dickens Fantasie alle Ehre gemacht hätte. Turner ist sparsam bis zum Geiz. Er trennt Akademie- und Malerexistenz so strikt vom Privatleben, dass er sogar seinen Wohnsitz in Chelsea geheim hält und sich dort Mr. Booth nennen lässt. Engster Mitarbeiter ist sein Vater, der als Atelierfaktotum die Leinwände grundiert. Und über den Besucherstrom in dem von Turner selbstbewusst als Ergänzung und Konkurrenz zu den Akademiepräsentationen eröffneten »Showroom« wacht eine Frau mit entstelltem Gesicht, »bei der man nicht wusste, ob man Grauen oder Mitleid empfinden sollte«. Es entsteht ein pittoreskes Mosaik, das durch die jährlichen Ausstellungen in der Royal Academy einen konstanten Rhythmus erhält. Großen Raum nimmt die Auseinandersetzung mit den »älteren Meistern« sowie der Kampf um die Anerkennung einer autonomen Landschaftsmalerei ein, während Anekdoten über die verworrenen Vorlesungen des Professors für Perspektive (seit 1807) oder die Berichte über Turners Reisen auf den Kontinent farbige Akzente setzen.

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Der Leser würde diesem Bilderbogen gerne bis zum Tod des so hochberühmten wie einsamen Malers im Jahr 1851 folgen, wenn da nicht beständig das Gefühl wäre, zwischen allen biografischen Details und amüsanten Episoden die »Überwindung der Abbildlichkeit« (Michael Bockemühl) zu verpassen. Denn interpretierende Einordnungen vermeidet Wilson. Wie Turner zum Säulenheiligen der Moderne wurde, ist höchstens aus den Kritiken zu erahnen: »… in [Ulysses deriding Polyphemus von 1829] hat er den Gipfel des unnatürlich Aufgedonnerten erreicht. [Das Bild] kann tatsächlich als Beispiel für eine Farbgebung aufgeführt werden, die wild geworden ist – entschiedenes Zinnober – entschiedenes Indigo; und alle denkbar grellen Töne von Grün, Gelb und Purpur kämpfen auf der Leinwand um die Herrschaft, mit allen heftigen Kontrasten eines Kaleidoskops oder persischen Teppichs.«

Sehr präzise erfasst der Morning Herald hier, wie sich die Mittel des Malers in seinen späten Jahren verselbstständigen und die Wiedergabe des Erfassbaren der künstlerischen Darstellung eines erinnerten Eindrucks im Medium Malerei weicht. Eine Strategie, die auch den Berichterstatter des Athenaeums bei der Ansicht des »Schneesturms« von 1842 verstört: »Dieser Herr hat bei früheren Gelegenheiten mit Sahne oder Schokolade, Eigelb oder Johannisbeergelee zu malen beliebt – hier bietet er sein ganzes Arsenal an Küchengerät auf. Wo das Dampfboot ist – wo der Hafen beginnt oder wo er endet … dies alles ist leider nicht herauszufinden.«

Dass Andrew Wilson mit Akribie und Sinn für das Narrative das Material zur Erkundung einer Künstlerexistenz zusammenträgt, ist der unübersehbare Verdienst seiner Veröffentlichung. Dass er von seiner Sachkenntnis jedoch keine eigenständige Deutung ableitet, markiert dagegen sicher eine Schwäche des Buches. Für den E.A. Seemann-Verlag bedeutet dies: Seine Leser wird »William Turner. Leben und Werk« zum einen unter Studenten finden, die Wilsons Primärquellenfundus zur Vorbereitung ihrer Hausarbeit nutzen möchten. Zum anderen dürfte sich ein – zahlenmäßig größerer – Kreis von Kunstinteressierten durch Anekdoten und eindrucksvolle Abbildungen zum Schmökern eingeladen fühlen. Und so erscheint der Band – im besten Sinne – als verführerisches Coffeetable Book.

 

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