Ausstellungsbesprechungen

Winfred Gaul – Frühe Arbeiten: Informel und Signale, Galerie Schlichtenmaier Stuttgart, bis 16. Juni 2012

Klare, auf strenge Form und leuchtende Farbe reduzierte Darstellungen universell verständlicher Zeichen, handschriftlos im Pinselduktus, schablonenhaft und signalartig - mit diesen Arbeiten feierte Winfried Gaul in den 1960ern internationale Erfolge. Zeichenhaft sind auch die neuen Bildformate: auf die Spitze gestellte Quadrate, Tondi, Drei- oder Sechsecke. Günter Baumann berichtet Ihnen mehr über den Gaulschen Informel.

Es gibt nur wenige Künstler, die alles dran setzen, kein Markenzeichen bzw. keine Erkennungsmerkmale zu entwickeln und zu pflegen. Es geht hier keineswegs um durchschnittliche Maler, die keinen eigenen Stil finden. Im Gegenteil: Gerhard Richter dürfte der bekannteste zu sein, der ein chamäleonartiges Schaffen vorzuweisen hat – zwischen Hyperrealismus und Abstraktion. Winfred Gaul (1928–2003) war auch so einer, der sich nicht festlegen wollte. Allerdings hatte er auch nicht im Sinn, sich allen Strömungen beliebig zu öffnen.

In den 1950er Jahren stellten Gaul und seine Gesinnungsgenossen sich sogar gegen die angesagten Kunsttrends des nachgeholten Surrealismus, Kubismus oder der Ecole de Paris: »Das war eine Malerei, die wir alle nicht wollten. Daher unsere Aversion gegen den Pinsel als das klassische Werkzeug des Malers … und gegen die Ölfarbe. Daher unsere Vorliebe für grobe Materialien und ungewohnte Malutensilien.« Gauls gelobtes Land war das Informal. Später kam er mit der Pop Art zusammen, die er durch eine europäische Brille gesehen nach Deutschland brachte; aus ihr entwickelte der Künstler seine Verkehrszeichen und Signetbilder. »Es war mir klar geworden, dass Kunst sich abnützt, bis sie eines Tages keine Energie mehr abgibt wie eine leere Batterie, wenn sie nicht rechtzeitig aufgeladen wird: an der Wirklichkeit.« Begehrte er noch mit seinen gestischen Gemälden auf – er selbst sprach von Anarchie und Revolte –, so reagierte er nun, in den 1960ern, mit den »Totems einer mobilen Gesellschaft«. Wo immer Gaul einen Stillstand sah, ritt er nicht auf ihm herum, sondern betrat neue Ufer.

Trotz – oder wegen? – der Bandbreite seines frühen Werks zwischen informeller Malerei, Wischbild, Hard Edge und analytischer Abstraktion (teils unter Vermeidung von rechten Ecken) wurde die Kunstwelt bald auf den ehemaligen Baumeisterschüler Winfred Gaul aufmerksam: Auf den Documentas 1959 und 1977 war er vertreten. Förderlich für seinen Ruf war sicher auch das theoretische Rüstzeug, das er sich als Student der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Köln angeeignet hatte, bevor er nach Stuttgart zog, um dort Kunst zu studieren. Fast immer war Gaul seinen Zeitgenossen um eine Nasenlänge voraus, insbesondere in der Materialität und in der Form suchte er die Innovation: Ein frühes Bild ohne Titel – mit dem Vermerk »Erden und Minerale II, 1956 – weist beispielsweise Sand, Lack und Mineralien auf Hartfaser auf sowie auf die Spitze gedrehte Quadrate, Schablonen usw.

Die farblich betont verschleierte, braun- und grautönige Arbeit steht in krassem Gegensatz zu den reinfarbigen, plakativen Signalbildern, die der schnellen Erfassbarkeit eines Verkehrsschildes Tribut zollen, entsprechend nüchtern und klar sind sie auf leuchtende Farben reduziert. Der gestische Schwung war einer schablonenhaften Vorgehensweise gewichen. Parallel zu Otto Herbert Hajek setzte er die Rautenform und das auf die Spitze gedrehte Quadrat ein. Ganz nahe sind sich beide Künstler, wo es um die Wirkung im öffentlichen Raum geht. Hajek dachte allerdings ganz von der Architektur her, während Gaul der Malerei treu blieb – wohl eine Verbundenheit zur Pop Art. Immer war er jedoch sehr eigenständig, ob in der informellen Kunst, die eher Nachahmer fand, als dass sie selbst Vorbilder übernahm, oder in der konkreten Kunst. Das »Kleine Monument« von 1966 ist ein Beispiel der Informationsästhetik, das auch heute weder an Spannung verloren hat noch überholt erscheint angesichts der neuen Medien. Dass man darüber hinaus den poetischen Maler Winfred Gaul nicht vergessen darf, zeigt ein Bild wie »Poème visuel«, das von der Dichtung Friedrich Hölderlins inspiriert ist: in seiner Fragilität kaum zu überbieten, verweist es in der rein visuellen Deutung von Poesie in die informelle Richtung, wie es zugleich in der informationstheoretischen Interpretation der Schrift auf die Signalwirkung von Kunst Bezug nimmt.

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