Buchrezensionen, Rezensionen

Winfried Nerdinger (Hrsg.): L’architecture engagée. Manifeste zur Veränderung der Gesellschaft, Detail-Verlag 2012

Bis zum 2. September 2012 präsentiert das Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne »L’architecture engagée – Manifeste zur Veränderung der Gesellschaft«. Den mächtigen Katalog zur Ausstellung hat Franz Siepe durchgearbeitet.

Es geht bei dieser Ausstellung um architektur- sowie stadtbau- und stadtplanungsgeschichtliche Utopien der Neuzeit. Analog zur »Littérature engagée« oder zu »L’art engagé« ist »engagierte Architektur« bestimmt von der Absicht, aufklärerisch und emanzipatorisch zu wirken. Dabei werden diese Entwürfe, die auf veränderte Lebensbedingungen oder gar auf einen »Neuen Menschen« abzielen, durchgängig von zukunftsvisionären Leitvorstellungen stimuliert, deren Inhalte wiederum von zugrunde liegenden philosophischen Prämissen abgeleitet sind.

Eine eher pessimistische Sicht auf Welt, Natur und Mensch wird in Fragen der Planung des Bauens, Wohnens und Zusammenlebens dahin tendieren, Individuen wie Sozietäten mittels geeigneter architektonischer Konzepte zu dirigieren und zu disziplinieren, während eine naturphilosophisch und anthropologisch optimistische Grundhaltung bauplanerische Prinzipien wie Freizügigkeit, gezieltes Laisser-faire, Offenheit und organische Entfaltung motiviert. Eva-Maria Seng und Richard Saage unterscheiden daher in ihrem einführenden Überblicksessay (»Utopie und Architektur«) »zwei Varianten des utopischen Musters«: Erstere ist von der Überzeigung geleitet, Natur und Mensch müssten durch organisatorische Strenge befriedet werden; die zweite Variante sieht hingegen das Heil in der Abwesenheit reglementierender Zwänge.

Diese Entgegensetzung von »archistischen« und »anarchistischen« Utopien — sie lässt freilich allerlei Modifikationen und Mischformen zu — erweist sich im Laufe der Lektüre der insgesamt siebzehn durchwegs hochprozentigen Beiträge als sehr erkenntnis- und reflexionsfördernd; lässt sich doch aus dieser Perspektive der Physiognomie von Bauwerken und Stadtbildern zumeist recht zuverlässig ablesen, wes Geistes Kind die Planer und Entwerfer wohl waren. Und es schärft sich auch der Blick für Diskrepanzen zwischen verlautbarten Ideologien und der architektonisch-materialen Wirklichkeit, wenn man beispielsweise erkennt, wie kommunistische oder sozialistische Befreiungsutopien baupraktisch in kollektivistische Wohnmaschinen und Siedlungswüsten resultieren.

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Andererseits kommt man nicht umhin, den Utopieverlust zu beklagen, der in den BRD-Wiederaufbaujahren einen rohen »Bauwirtschaftsfunktionalismus« (Winfried Nerdinger) zur Folge hatte. Architektonische Utopien, die das Menschheitsglück aus Asphalt, Stein, Stahl, Glas und Beton errichten wollen, sind, so scheint es, ebenso riskant, wie es ein kompletter Verzicht auf Ideen zur Verbesserung unseres Lebens wäre.

Die Beiträge des Katalogs verteilen sich auf sechs folgendermaßen überschriebene Kapitel:
- »Die Aufklärer und Philanthropen: Leben nach Vernunft und Natur«
- »Frühsozialisten und Sozialutopisten: Gemeinschaften der Produktion und Konsumtion«
- »Die sozialen Lebensreformer: Bewältigung der Probleme des Industriezeitalters«
- »Die Internationalisten und Pazifisten: Völkergemeinschaft und Weltfrieden«
- »Das kommunistische Ideal: Gütergemeinschaft und kollektiver Mensch«
- »›When Democracy Builds‹: Visionen für demokratische Entwicklungen«

Stellvertretend für die Aufklärer und Philanthropen seien hier Franz Heinrich Ziegenhagen mit seiner Vernunft-Utopie sowie der Arzt Bernhard Christoph Faust und der Architekt Gustav Vorherr mit ihrer »Sonnenbaulehre«, einer »Vision für eine weltumspannende Gemeinschaft aller Menschen in Freiheit und Gleichheit«, genannt.

Für die Frühsozialisten und Sozialutopisten stehen repräsentativ die Namen Robert Owen und Charles Fourier. Owen gründete genossenschaftsähnliche Siedlungen (»New Harmony« in den USA), und Charles Fourier plante eine Idealstadt (»Phalanstère«), die durch die Zusammenführung von Produktion und Konsum den Handel überflüssig machen sollte.

Die wohl bekannteste Figur der sozialen Lebensreform auf dem Höhepunkt der europäischen Industrialisierung ist Ebenezer Howard, auf dessen Visionen die Gartenstädte des frühen 20. Jahrhunderts zurückgehen.

Die stärkste Ausstrahlungskraft innerhalb der Richtung der Internationalisten und Pazifisten, welche zwischen den Weltkriegen Blüten trieb, hatten neben Bruno Tauts Fantasien der »Stadtkrone« und der »Alpinen Architektur« die Imaginationen der holländischen Gruppe De Stijl. Hendrik Wijdeveld und Monne de Miranda entwarfen »künstlerische und architektonische Appelle für Völkerfrieden und Weltharmonie«.

Von einem »kommunistischen Ideal« war 1910 die Gründung der jüdischen Kibbuzim getragen. Dass auch hier »neue Menschen« erzogen werden sollten, hatte seinen spezifischen Hintergrund in der Erfahrung, in den europäischen Ghettos jahrzehntelang ein bis zum Ersticken eingeschnürtes Leben geführt zu haben. In der Sowjetunion der 1920er Jahre war das »Kommunehaus« architektonisches Sinnbild einer »neuen Lebensweise«. Der Architekt Nikolai Kusmin wollte mehr als fünftausend Bergarbeiter in einer H-förmig gebauten Großanlage unterbringen und verstand sein Projekt als Ausfluss einer »wissenschaftlichen Organisation der Lebensweise«. Die Zerstörung der traditionellen Familie war in jenen Jahren explizites Programm vieler revolutionärer Köpfe, so auch Kusmins. 1930 präsentierte Nikolai Miljutin, Volkskommissar für Finanzen der Republik Russland, seine Vorstellungen einer industriellen »Bandstadt« — einer ehemals Aufsehen erregenden städtebaulichen Konzeption, die jedoch erst seit jüngerer Zeit wieder in den Fokus der Architekturgeschichte geraten ist.

In die Tradition »demokratischen Bauens« rückt das Buch so unterschiedliche Projekte wie die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz (von Bruno Taut und Martin Wagner), den gigantischen Karl-Marx-Hof in Wien, die urbanen »Superstukturen« der Situationistischen Internationale (Guy Debord und Constant) oder schließlich Frei Ottos zarte, luftig-transparente Leichtbau-Architektur mit ökologischer und dezidiert anti-»archistischer« Ausrichtung.

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Völlige Abstinenz übt die Publikation hinsichtlich der Architektur von Faschismus und Nationalsozialismus. Albert Speer wird nicht ein einziges Mal genannt. Diese Lücke ist um so bedauerlicher, als man bei Berücksichtigung des Planens und Bauens unter Hitler und Mussolini auch die immer wieder diskutierte Frage hätte stellen oder gar beantworten können, ob diese Strömungen denn nun als Abbruch oder als — unseliger — Kulminationspunkt im Prozess der ästhetischen Moderne anzusehen wären.

Dessen ungeachtet bietet der Katalog eine ungeahnte Materialfülle und bemüht sich um Anschaulichkeit und darstellerische Eingängigkeit. Die vielen Illustrationen sind didaktisch klug ausgewählt. Zwar erfährt man in Kurzviten am Ende des Bandes komprimiert das Notwendigste über Bauten und Schriften der Architekten und Theoretiker; doch leider fehlt jede Information über Person und Position der Beiträgerinnen und Beiträger. Personenregister und Ortsregister ermöglichen gezieltes Nachschlagen.

Vom Äußeren her mutet das Buch-Quadrat, indem es sich strikt weigert, zur Bettlektüre herabgewürdigt zu werden, seltsam sperrig an. Man setze sich also zum Studium fein gerade an den — am besten zuvor freigeräumten — Schreibtisch und erfreue sich daran, über die vielfältige Geschichte der »engagierten Architektur« belehrt zu werden.