Ausstellungsbesprechungen

Wisonen

Visionen? Das Auge fokussiert und liest erneut: Wisonen. Die Irritation, die der spröde Titel hervorruft, ist ein gelungener Einstieg in eine Ausstellung, die sich unter anderem mit kaum merklichen Verschiebungen in unserer Wahrnehmung beschäftigt. Denn um Realitätserfassung bzw. deren Verlust unter dem Einfluss elektronischer Medien geht es in den Arbeiten aus der Hochschule für Kunst und Design Halle, zu sehen noch bis Ende Februar im Stadtmuseum Jena.

Seitdem neue Medientechnologien unsere Wahrnehmung und unseren Zugriff auf die Welt grundlegend verändern, findet diese Entwicklung ein Echo in neuen Kunstformen. Diese thematisieren die veränderten Mechanismen, experimentieren andererseits aber auch ausgiebig mit den neuen technischen Möglichkeiten, z.B. graphischen Programmiersprachen wie VRML (Virtual Reality Modeling Language) und neuartigen Interfaces zwischen Mensch und Maschine.

 

Die Bandbreite der in Jena präsentierten Arbeiten reicht von klassischer Fotografie über Audio-Videoinstallationen bis zu interaktiven Computeranimationen. Inhaltlich ähnlich breit gefächert, bewegen sie sich zwischen soziologischen und medientheoretischen Fragestellungen, zwischen Konzeptkunst und Computerspiel, sind manchmal Dokumentation, manchmal Fiktion. So gibt es beispielsweise eine Open-Circuit-Installation, bei der man sich selbst im Visier einer Überwachungskamera wiederfindet, eine Interview-Dokumentation zum Strukturwandel von Halle-Neustadt oder eine virtuelle 3D-Nachbildung der historischen Wunderkammer der Franckeschen Stiftungen zu Halle.

 

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Den Bedeutungsverlust von Zeichen thematisiert die Installation „Über (m)ein ‚sinnloses’ ästhetisches Empfinden“ von Kerstin Höhne. Auf eine Glasplatte innerhalb eines Aquariums wird ein Bildfluss aus computergenerierten Piktogrammen projiziert. Die digitalen Zeichen – Moleküle, Raumraster, Blütenformen, Zitate der Popkultur – bleiben jedoch seltsam fremd und zweidimensional, sind nur Nachbilder von einstmals Bekanntem. Die Künstlerin arbeitet mit der Ästhetisierung gängiger, aber letztlich leerer Symbole. Sie entnimmt sie der Bildkultur der modernen Medien, in der die Bedeutung von Zeichen zunehmend willkürlich und Repräsentation künstlich ist. Ihre Metapher dafür ist das Aquarium mit dem ruhig fließenden, in der Dunkelheit schimmernden Bewusstseinsstrom, begleitet von hypnotischer Musik: „eine Berieselung der Sinne, hinter der der Sinn verschwindet“.

 

Die Lehrstuhlinhaber Ute Hörner & Mathias Antlfinger zeigen mit der 3D-Animation „Modell Juvenile“ eine vielschichtige interaktive Arbeit. Hier begibt sich der Besucher in eine Art Schlaflabor mit einer Liege und einer Bank. Über ein Navigationspult bewegt er sich durch den virtuellen Raum der Wandprojektion: Lange dunkle Gänge mit lautlos dahingleitenden Psychopharmaka-Kapseln, über die Wände wandern Textschlangen. Jähe Übergänge führen zu futuristischen Räumen oder zu einer schwarzen vulkanischen Landschaft mit schlafenden Menschen. Hinter einer der Türen plötzlich das leere Sprechzimmer Sigmund Freuds mit knisterndem Kamin. Die Struktur erinnert am ehesten noch an eine Art Raumschiff, durch dessen Decks man sich bewegt. Nicht ganz einfach ist dabei die aktive Steuerung, denn diese wird immer wieder von der Eigendynamik des Systems durchkreuzt – ein Phänomen, das aus Träumen bekannt ist. Überhaupt sind die wiederkehrenden Motive des Schlafs, des Traumartigen und Unbewussten die einzigen Fixpunkte in dieser fremdartigen, ihrer eigenen Logik folgenden Welt.

 

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Dass die ursprünglich für eine Einzelausstellung nach Jena eingeladenen Dozenten entschieden, auch ihre Studenten und Absolventen eigene Arbeiten präsentieren zu lassen, ist eine unaufgeregt noble Geste. Der Besucher folgt quasi einem ins Museum verlegten Semesterrundgang, der unterschiedlichste Ansätze der künstlerischen Arbeit mit neuen Medien auslotet. Nur schade, dass nicht alle der im Katalog vorgestellten Projekte gezeigt werden.

 

Erstveröffentlichung dieser Besprechung in: Thüringer Allgemeine, 5.2.2005

Weitere Informationen

Öffnungszeiten

Di, Mi, Fr 10-17 Uhr; Do 14-22 Uhr; Sa, So 11-18 Uhr

 

Mehr im Netz

http://www.kunstundmedien.burg-halle.de

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