Ausstellungsbesprechungen

Wolfgang Mattheuer. Zum 90. Geburtstag. Die Sammlung Peter Mathar, Kunstsammlung Jena, bis 13. August 2017

90 Jahre alt wäre Wolfgang Mattheuer in diesem Jahr geworden. Gemeinsam mit Bernhard Heisig und Werner Tübke ist er einer der Väter der Leipziger Schule, die die Messestadt zu einem Kunstzentrum der DDR machte. In Jena steht nun ein eher weniger beachteter Aspekt seines Schaffens im Fokus: Die Zeichnungen. Stefanie Handke hat sich das angesehen.

 So beginnt eine Sammlung: 1987 sah Peter Mathar einen Beitrag über den Künstler Wolfgang Mattheuer – und war hin und weg, denn die gegenstandslose Kunst der Nachkriegsmoderne hatte ihn kalt gelassen. Das, was er aber von Mattheuer sah, das berührte ihn. Er schrieb ihm einen Brief und begann so einen intensiven Schriftverkehr mit dem Künstler. 84 Briefe und insgesamt fünf Jahre sollte es dauern bis er schließlich eine Zeichnung erwerben konnte. Einen ersten Besuch machte er aber schon 1988 in Leipzig. Nach und nach entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern und immer wieder durfte Mathar die Bestände des Künstlers durchgehen - »in Kisten wühlen« wie der sagte.

Über die Jahre erwarb Mathar auf diese Weise wohl die bedeutendste Sammlung an Zeichnungen Mattheuers. In Jena sind daraus insgesamt 102 Zeichnungen unterschiedlichsten Formats zu sehen – von Postkartengröße bis hin zu großformatigen Arbeiten. Darunter befinden sich auch Entwürfe für seinen berühmten »Jahrhundertschritt« (1986) oder sein widerständiges »Trotz alledem« (1981). Letzteres ist mit umfangreichen Randnotizen versehen, die einen Einblick in die Arbeitsweise Mattheuers geben. Doch nicht nur eine Vorskizze kann der Besucher hierzu entdecken; die Ausstellung zeigt zahlreiche Skizzen und Zeichnungen in Vorarbeit auf das Werk, das für Mathar eines seiner wichtigsten ist, offenbarte sich Mattheuer hier doch als ein »widerständiger Utopist«. Das ist sowohl inhaltlich als auch künstlerisch durchaus richtig – Mattheuer scheute sich nicht kritisch zu sein. Das beweisen neben den genannten auch »Da sitzen sie!« (1988). In der Zeichnung verarbeitete der Künstler sein Engagement im Künstlerverband der DDR, aus dem er schließlich frustriert austreten sollte. Die Gesichter der hier tagenden Personen sind zu blöden Schafsköpfen mutiert – offensichtlich findet hier gar keine Arbeit mehr statt, nein, es wird nur noch gesessen und geblökt.

Auch eine Bleistiftzeichnung zu »Der übermütige Sisyphos und die Seinen« (o.J.) findet sich. Zugleich erkennt man in seinen Entwürfen und Zeichnungen immer wieder bekannte Bildelemente wie den berühmten Flügel seines stürzenden Ikarus oder die erhobene Faust des Jahrhundertschritts. Deutlich wird, dass Mattheuer nun wahrlich kein angepasster Künstler war, sondern seine eigene Bildsprache entwickelte und das ins Bild setzte, was ihn beschäftigte. Das konnte auch schon einmal der Blick aus seinem Atelier sein über Leipziger Industriegebiete mit Schornsteinen, Abluftschächten und verlassen wirkenden Gebäuden (»Leipziger Fensterblick«, 1975). Und auch formal war Mattheuer ein Nonkonformist: er verweigerte sich stets den Schönheitsidealen des Sozialistischen Realismus und ging seinen eigenen Weg. Ebenso schien ihn die eher ungegenständliche Kunst der BRD wenig zu beeindrucken. Kein Wunder also, dass es an der HGB Leipzig zu ihm hieß, beim Professor Mattheuer lerne man das Denken.

Aber auch Landschaften und die Natur, vor allem die Gegend um Leipzig, aber auch aus dem heimischen Vogtland, spielen eine wichtige Rolle in Jena. So finden sich Idyllen aus Mattheuers Garten ebenso wie karge, an Caspar David Friedrich erinnernde Landschaften, etwa das kleinformatige »Herbstabend« (1978) oder die »Schneelandschaft mit Mond« (1977). Eindeutig stellt sich der Künstler hier in die Tradition der deutschen Romantik, aber er offenbart auch seine enge Verbundenheit zu seiner Heimat, dem Ort, von dem er stammte.

Intim ist »Ursula, lesend« (1958), das die Ehefrau Ursula Mattheuer-Neustädt ganz versunken in ihr Buch auf einem Sofa sitzend zeigt. Sie beugt sich über das Buch, das Bein überschlagen, der Rock ihres Kleides bauscht sich um ihren Körper. Daneben finden sich unterschiedlichste Frauenakte, ebenfalls eine Konstante im Schaffen des Künstlers.

Gemeinsam mit den kritischen, den romantischen und idyllischen Zeichnungen, die die Kunstsammlung Jena nun zeigt, bildet diese hinreißende Zeichnung so einen Querschnitt durch das Leben und Wirken des Künstlers, wenngleich die gut 100 ausgestellten Werke nur ein Bruchteil darstellen. Geschätzt um die 5500 soll Mattheuer angefertigt haben. Die Ausstellung schafft die Leistung, daraus prägnante und zugleich repräsentative Werke zu zeigen, die die ganze Bandbreite des Mattheuer‘schen Schaffens widerspiegeln.