Ausstellungsbesprechungen

Wolfgang Rihm - Zeitgegenstände, Städtische Galerie Karlsruhe, bis 10. Juni 2012

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen bildende Künstler, die für das Werk des 1952 in Karlsruhe geborenen und hier lebenden Komponisten Wolfgang Rihm eine herausragende Rolle spielen. Was er Künstlern wie Georg Baselitz, Per Kirkeby und dem eher unbekannten Kurt Kocherscheidt alles abgelauscht hat, zeigt Ihnen Günter Baumann.

»Wenn ich etwas über Wolfgang Rihm und die bildende Kunst schreiben soll«, so der dänische Allroundkünstler Per Kirkeby, »so sind das Erinnerungen an nächtliche Spaziergänge zwischen Wolfgangs Wohnung und der Kunstakademie in Karlsruhe«. Kirkeby gehört als Beiträger zu einer großartigen Ausstellung in der Städtischen Galerie in Karlsruhe, die den Musiker Wolfgang Rihm ehrt. Dabei geht es nicht um eine vordergründig-plumpe Annäherung an Rihm – weder sind Porträts zu sehen, noch kann man leichthin oder auf den ersten Blick Bezüge erkennen, wenn es nicht gerade um Bühnenbilder geht. Die gehören im übrigen zu den stärksten Arbeiten der Schau: Sowohl der anarchisch-totalitäre Provokateur Jonathan Meese als auch die ästhetische Lichtkünstlerin Rosalie markieren die Eckpunkte der Bühnenkunst, in der sich auch der Musiker Wolfgang Rihm bewegt. Wer sich die Hommage an den Komponisten ansieht, erfährt vielleicht nicht so viel von dem Menschen Rihm, aber von der atemberaubenden Klaviatur seines Schaffens.

Gerade mal 60 Jahre alt, wähnt man den bekanntesten lebenden Tonmeister älter, gemessen an der Vielfalt des Werks. Wenn der Ausstellungskatalog die Bilder dieser Ausstellung in Themenkomplexen bündelt, erkennt man zudem auch das Anliegen, das Wolfgang Rihm antreibt: »Grenzgänger«, »Raum, Körper, Energie«, »Materialisierung der Kreativität« heißen ein paar der Charakteristika, die gleichermaßen für Kunst wie die Musik gilt. Daneben ist die Bilderparade auch eine Hommage an die Kunst selbst: So werden die jedenfalls musisch inspirierten Arbeiten auch in die Klammer zwischen die Frage »Warum noch malen?« und der Erkenntnis »Die Malerei lebt!« genommen. Kann es sein, dass sich hier nicht nur die Kunst der Musik bedient, sondern dass Wolfgang Rihms Musik ungewollt eine Übersetzung ins Malerische hinein erfährt, und damit irgendwie selbst Malerei wird, die zu sehen statt zu hören ist? Der Titel der Ausstellung gibt einer synästhetischen Deutung den Anstoß: »Zeitgegenstände« sind eben nicht allein in ihrer statischen Präsenz sichtbar, sondern auch Zeitphänomene – und damit Veränderungen unterworfen. Gemischt mit dem schönen Begriff der »Klangfarben« bekommt das Dinghafte eine energetische Schwingung. Und sogar Rihm selber hat auf die Wechselwirkung hingewiesen, sah die akustischen und optischen Medien »vom einen Zeichen ins andere« überspringen. Die Zeit wird Rihm ausdrücklich zum »Malgrund«, Musik zur greifbaren »Materie« wie Farbe.

Die Karlsruher Bilderschau zu Rihms Ehren ist der Ausklang zu den Europäischen Kulturtagen, die jüngst in der Geburtsstadt des Komponisten stattfanden. Die eruptive Kraft seiner Musik wie seine poetischen Anspielungen finden ihren Ausdruck in den drastischen Übermalungen Arnulf Rainers wie in den anspielungsreichen Arbeiten von Artur Stoll. Den größten Komplex zur Ausstellung bietet – neben den alten Wilden wie Baselitz oder Lüpertz – der zu Unrecht weniger bekannte Kurt Kocherscheidt, der vor gut drei Jahrzehnten in einen regen künstlerischen Austausch mit Wolfgang Rihm trat. Der österreichische Mitbegründer der Gruppe »Wirklichkeiten« und documenta-Teilnehmer von 1991 erhielt durch Rihms Werk »Kolchis« eine schöne Würdigung (es ist dem Maler gewidmet); im Gegenzug sieht man auf der Zeichnung mit dem wunderbaren Titel »Klavierküste« eine Widmung für den Komponisten. Ob man nun bei jedem Bild der Ausstellung an Wolfgang Rihm denkt, ist völlig unerheblich – allein in den vorwiegend abstrakten oder doch vielschichtigen Welten der Farbschöpfer zu schwelgen, hinterlässt eine Klangfärbung beim Betrachter, die ihn anregen mag, sich unabhängig von der fulminanten Ausstellung mit der Musik des Komponisten, jenem Grenzgänger zwischen den sinnlichen Wahrnehmungen, auseinanderzusetzen.

Die rund 140 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Druckgrafiken, Plastiken und Fotografien stammen – um die Namen in ihrer Ganzheit zu bündeln – von Antonin Artaud, Georg Baselitz, Per Kirkeby, Kurt Kocherscheidt, Markus Lüpertz, Jonathan Meese, Arnulf Rainer, rosalie, Artur Stoll und Adolf Wölfli.