Buchrezensionen, Rezensionen

Wolfgang Schuster/Joachim Fischer (Hg): Neue Architektur Stuttgart, Junius Verlag 2009

Einige der spannendsten Entwicklungen der deutschen Baukunst der letzten Jahre haben in Stuttgart stattgefunden. Der Bildband Neue Architektur Stuttgart konzentriert sich auf diese Phase des Wandels der letzten zehn Jahre und stellt die neue Architektur in Stuttgart erstmals in der Zusammenschau vor. Günter Baumann hat ihn für Sie gelesen.

Schuster/Fischer © Cover Junius Verlag
Schuster/Fischer © Cover Junius Verlag

Wenn ein Oberbürgermeister als Architekturkenner auftritt, darf man aufhorchen. Stuttgarts OB Wolfgang Schuster hat sich mit Joachim Fischer von der auf Architektur spezialisierten Agentur Brand Affairs und dem Hamburger Junius Verlag zusammengetan und ein umfangreiches Buch über die Neue Architektur Stuttgart geschrieben. Das persönlich gezeichnete Vorwort verrät jedoch, dass sich hier kein Kommunalpolitiker als Fachexperte outet, sondern eher noch als Werberedner in eigener Sache, geht es ihm doch um die Unterfütterung eines der europaweit größten und waghalsigsten Bauprojekte, Stuttgart 21, das aus dem Kopfbahnhof eine Durchgangsstation macht, inklusive der Neubebauung einer riesigen innerstädtischen Fläche. Schuster spannt denn auch einen großen Bogen von der epochalen Weißenhofsiedlung bis zum Bahnhofsprojekt, freilich ohne zu erwähnen, dass der bestehende Bonatzbau für den Nachfolgebahnhof teilzerstört wird. Da macht es sich besser, auf Paul Bonatz’ ehemaligen Verwaltungsgebäude der Firma Roser hinzuweisen, das heute als Kultur- und Begegnungszentrum fungiert.

Mit dem Blick zurück nach vorn präsentiert der Band hundert Bauten der vergangenen zehn Jahre, darunter so öffentlichkeitswirksame Meisterstücke wie dem Mercedes-Benz- und dem Porschemuseum (wobei das historisch bedeutsame Mercedes-Benz-Haus von UN Studio Van Berkel & Bos in einer ganz anderen Liga angesiedelt ist wie die Konkurrenz von Delugan Meissl Ass. Architects), dem spektakulären Experimentalhaus 128 von Werner Sobek und Hascher/Jehles Kunstmuseum (wobei auch hier die Glasarchitektur mit einem der kühnsten Architekturen der vergangenen Jahre überhaupt vertreten ist gegenüber dem immer noch sehr beachtlichen Museumsbau) sowie dem Killesbergturm von Schlaich Bergermann und Partner und und dem Terminal 3 des Flughafens aus dem Büro von Gerkan, Mark und Partner (wobei der gezwirbelte, fast schmächtig wirkende Turm dem Hochleistungsterminal die Schau stiehlt). Begleitet von opulenten Aufnahmen treten die Bauten von erstklassigen Architektenbüros auf, neben den Genannten seien nur Peter Kulka, Lederer + Ragnarsdóttir + Oei, MVRDV, Ostertag und Vornholt, Michael Wilford bzw. Wilford/Schupp genannt. Stuttgart kann sich sehen lassen, kein Wunder, gehört das universitäre Institut zu den wichtigsten in Deutschland, und die baden-württembergische Architektenkammer verzeichnet weit über 4000 Architekten allein in der Landeshauptstadt – was nicht heißt, dass die besten Bauten heimische Gewächse wären oder sein müssten. Doch wer aus dem Vollen greifen kann, steht vor der Qual der Wahl. Die hat Wolfgang Schuster zum lustvoll-subjektiven Parcours umgemünzt. Er lässt etliche kommunal interessante Gebäude auflisten, die ästhetisch eher unauffällig sind oder einen kommerziellen Nebenschauplatz bezeichnen wie das so genannte »Erlebniskaufhaus« Breuninger, dessen reine Innenarchitektur an dieser Stelle aus dem Rahmen fällt oder die wenig inspirierenden Königsbau-Passagen von Hascher/Jehle, die doch nebenan mit dem Kunstmuseum ihrer Fantasie einen freieren Lauf lassen konnten. Sehr viel interessanter sind da die Innen- wie Außenräume von bottega + ehrhardt, die so spannend sind, dass sie auch die Geschäftsstelle des Bundes Deutscher Architekten planen durften. Viel Platz wird innerstädtischen Quartieren und Institutionen eingeräumt, was zum einen endlich so wunderbare Beispiele der Altbausanierung ins Rampenlicht stellt wie beispielsweise den Carl-Eugen-Bau, dessen neobarocke Fassade einen grandiosen gläsernen Überbau erhielt, oder die Revitalisierung der Reiterkaserne (MKM Römerkastell) von Bulling Architekten, die Stuttgart ganz anders aussehen lässt als im Zentrum selbst, wo – andrerseits – redliche, aber wenig hervorstechende Bauten wie der neue Kronprinzbau oder das Verwaltungsgebäude vom Schulverwaltungssamt eher pragmatische Lösungen anbieten. Auch Kleinode sind zu entdecken, die ohne das Buch wohl kaum angemessen gewürdigt werden könnten, man denke an die Dachaufstockung Immenhoferstraße aus dem Büro Danner, das der desolaten historischen Bausubstanz wahrhaft eine Krone aufsetzt, oder das experimentelle »T-O 12« der ippolito fleitz group, das als Hommage an den (Ur-)Altbundespräsidenten daherkommt.

Insgesamt bietet der Band eine reichhaltige Mischung an Baulichkeiten, die Stuttgart als weltmännisch offen charakterisieren. Ob nun wirklich das Ambiente von italienischen Restaurants oder zufällig gewählten Studios in ein solches Buch gehören, sei dahingestellt. Auf jeden Fall überwiegen die markanten Beispiele des neuen Bauens, und diese lassen hoffen, dass die zukünftige Architektur, die sich sicher im Umkreis von Stuttgart 21 entfalten wird, noch manche angenehme Überraschung zeitigt. Leider gehört die bereits weit gediehene neue Bibliothek (Eun Young Yi) nicht dazu, die an Beliebigkeit kaum zu überbieten ist, wenn man bedenkt, zu welchen Lösungen etwa Dresden gefunden hat. Formal fällt bei dem Titel aus dem Junius-Verlag die verhalten innovative Gestaltung auf, die dem Buch gut tut – verantwortlich zeichnet hier das Stuttgarter Büro Stilradar, die u.a. mit der Agentur Brand Affairs zusammenarbeitet, von der der Autor kommt.

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