Buchrezensionen

Wolfgang Ullrich: Wahre Meisterwerte. Stilkritik einer neuen Bekenntniskultur, Wagenbach 2017

Leitkultur, kulturelle Werte, politische Werte, Lust am Minimalismus und und und – immaterielle Wertgedanken erfreuen sich großer Beliebtheit und immer mehr Menschen scheinen in ihrem Handeln moralische Werte nicht nur zu ihrem Grundsatz zu machen, sondern sie auch zeigen zu wollen. Wolfgang Ullrich diskutiert in seinem Buch Mechanismen und Folgen dieser »Bekenntniskultur«. Stefanie Handke hat es gelesen.

Sie sind allerorten: Werte. Mit diesem Getränk kann man Bauern retten, mit jenem Siegel die Umwelt schützen und diese Kleidung hilft den Herstellern in Ostasien. Das ist alles gut und schön – aber ist das wirklich so selbstlos wie man denkt? Und wenn wir Fragen nach Leitkultur und europäischen Werten diskutieren – sind die dann wirklich so einfach zu beantworten wie wir glauben? Das hat sich auch Wolfgang Ullrich gefragt, der stets gern mit kontroversen Meinungen aufwartet. Dieses Mal also hat er sich die »neue Bekenntniskultur« vorgenommen, wie er sie nennt: jenes Phänomen, das dafür sorgt, dass Lebensmittel, Kleidungsstücke, aber auch Zahnbürsten, Fahrräder und alles mögliche andere einen Weltenretter-Nimbus bekommen.

Genauer gesagt, versucht er sich an einer Stilkritik, und bekennt schon froh, dass es für ich scheint, »dass Werte vor allem zum Tricksen geeignet sind – dazu, Schwierigkeiten im Nu zu vereinfachen.«. Durch ein Bekenntnis lösen sie komplizierte gesellschaftliche oder politische Fragen in einfache Leitsätze auf, verschaffen den »Bekennern« aber auch das Gefühl das richtige zu tun – der Wert als Wellnessprodukt. Da ist der Weg zu Bambuszahnbürsten, die stolz auf Instagram präsentiert werden, nicht weit. Zugleich aber erkennt Ullrich darin die Gefahr einer eindimensionalen Wahrnehmung der Wirklichkeit, da Werte ja auch einem stetigen Wandel unterworfen sowie kontextabhängig sind.

Wie verhält es sich nun also mit der Bekenntniskultur unserer Gegenwart? Ullrich nimmt sie in den Blick: die Klagen über einen zunehmenden Wertverfall und die im Gegenzug zunehmenden Bekenntnisse zu politischen Gedanken, zu Freude an Werten. Denn Werte werden heute gern an die Mitmenschen herangetragen, sie sind Statussymbole – ein zentraler Punkt in Ullrichs Argumentation. So wird das Interesse an Werten zu einem »Wohlstandssymptom«: wessen Existenz materiell gesichert ist, der kann sich um einen moralischen oder andernweitig ideellen Wert seines Tuns und Konsums kümmern. Gleichzeitig führt dies aber zu dem Phänomen, dass Werte zu einem Aushängeschild privilegierter Teile der Gesellschaft werden und von diesen auch gern präsentiert werden – ein »Gewissenshedonismus« entsteht, wie der Autor ihn nennt. Das kann bei Einkaufen im Biomarkt anfangen und mit einer bewussten Reduktion des materiellen Besitzes enden, der dann aber prompt den Mitmenschen via Instagram oder Twitter präsentiert wird. Es entsteht ein Paradox: eigentlich ist das Verhalten des Einzelnen positiv, aber sein enormes Selbstbewusstsein nimmt andere in die Pflicht und kann ihnen durchaus das Gefühl vermitteln, hier nicht mithalten zu können. Das ist aber nicht das einzig verrückte in dieser Situation: Parallel zur Lust am Bekenntnis und der Sinnsuche in der Wohlstandsgesellschaft entstehen Gruppen, die einen Werteverlust beklagen, derzeit insbesondere rechtspopulistische Gruppen, und die dem wieder eigene Wertideen entgegensetzen und zugleich die exponierten Werte der politischen Gegner kritisieren.

Bei der Untersuchung der gegenwärtigen Bekenntnislust hilft freilich auch ein Blick in die Kunstgeschichte: Die französischen Maler bezeichneten ihre künstlerische Arbeit als »réalisation« – auch Werte wollen »verwirklicht« werden« – und Kunsthistoriker Alois Riegl führte das »Kunstwollen« ein, dessen Grundgedanke es war, die Weltanschauung des Künstlers ins Bild zu setzen. Das implizierte auch eine Öffnung des Kunstbegriffes weg vom Können des ausgebildeten Künstlers hin zum wollenden Künstler, der seine Kreativität ausdrücken will und dies gut und gerne auch durch sein Handeln kann. Für die Kunst bedeutet das vor allem, dass zunächst alle Werke denselben Rang haben, aber »etwa performativer Talente, machtbewusste Gesten oder gut funktionierende Netzwerke umso mehr Bedeutung für die Durchsetzung eines Künstlers oder einer Kunstrichtung« erhalten. Auch hier fällt wieder das Elitenproblem ins Gewicht: solche Akte und Netzwerke können (materiell) Privilegierte freilich bestens ausbilden, was wiederum einen Widerspruch anderer Gesellschaftsgruppen provoziert.

Insbesondere fällt dabei das Phänomen des Artivismus auf: politisch engagierte Gruppen wie das Zentrum für Politische Schönheit, sehen sich ganz in diesem Kunstbegriff nicht mehr nur als Aktivisten, sondern auch als Künstler, da ein hohes Maß an Kreativität in den Aktionen der Gruppe steckt. Zugleich ist der Name Programm. Das Handeln der Akteure verbindet moralische und ästhetische Werte miteinander und – so Ullrich – beteiligen sich freilich auch an der Schaffung von etwas Werthaftigem und ermöglichen den Teilnehmern an der Aktion eine Art Erlösung. Und schon ist man wieder bei der Frage des Bekenntnisses einer exklusiven Gruppe.

Ullrich schafft es die Frage nach dem Umgang mit Werten in Gesellschaft insbesondere am Beispiel der Kunst (immerhin ist er selbst Kunsthistoriker) differenziert zu diskutieren und öffnet dem Leser die Augen für ein Phänomen, das durchaus spannend zu beobachten ist. Seinen Ruf als kritische Stimme aus der Kulturwissenschaft wird er dabei gerecht, denn er scheut sich nicht einen kritischen Blick auf den Umgang der eigenen gesellschaftlichen Gruppe mit Wertbekenntnissen zu werfen. Vielleicht ist genau Ullrichs Ansatz einer der hilfreichsten in diesen Tagen: Seine Kritik daran, ethisch-moralische Werte vermehrt zu inszenieren und sie auf diese Weise zu einem Mittel der Selbstdarstellung zu machen, greift an die Grundfragen unserer politischen und gesellschaftlichen Diskussion. Es lohnt sich, diesen Gedanken weiterzuführen!