Buchrezensionen

Xenia Ressos: Samson und Delila in der Kunst von Mittelalter und Früher Neuzeit, Michael Imhof Verlag 2014

Die Geschichte vom unbesiegbaren Samson ist eine der klassischen Heldengeschichten des Alten Testaments. Insbesondere der Kampf mit dem Löwen und der Verlust seiner übermenschlichen Kräfte durch den Verrat seiner Geliebten Delila sind beliebte Bildmotive. Letzterem hat die Kunsthistorikern Xenia Ressos ihre Dissertation gewidmet. Heike Eberhart hat sich darin vertieft und einige neue Erkenntnisse gewonnen.

Das Alte Testament der Bibel berichtet im Buch Richter von dem unbesiegbaren Samson, der nach vielen Abenteuern durch die List einer Frau zu Fall gebracht wird. Die Philisterin Delila hatte dem verliebten Helden das Geheimnis seiner Stärke entlockt – es steckte in seinem langen Haar, das sie ihm abschnitt, während er schlief. Dieser für den Fortlauf der Geschichte schicksalhafte Augenblick wurde in der Kunst seit dem Mittelalter oft ins Bild gesetzt. Nichtsdestotrotz schließt erst die Dissertation von Xenia Ressos die Lücke, die in der kunsthistorischen Forschung bislang zu diesem Thema der christlichen Ikonografie bestand.

Der großformatige, mit zahlreichen Schwarzweiß- und Farbabbildungen ausgestattete Band widmet sich dem Thema in der Kunst von Mittelalter und Früher Neuzeit. Der Inhalt folgt einer für ikonografische Arbeiten klassischen und bewährten chronologischen Gliederung. Die Autorin hat sich die Mühe gemacht, ihre Arbeit mit einem Kapitel über die Entstehungsgeschichte der biblischen Erzählung und ihrem Vorkommen in den sogenannten Pseudepigraphen beginnen zu lassen, womit sie dem Leser einen überaus spannenden Ausflug in die Bibelwissenschaft bietet. Es folgen die beiden Hauptteile der Untersuchung, die sich dem Motiv von Samsons Schur in der sakralen und profanen Kunst von Mittelalter und Früher Neuzeit widmen.

Das sehr breite Spektrum der behandelten Kunstwerke spannt sich von frühbyzantinischen Mosaiken über die romanische Bauplastik, Miniaturen aus biblischen, typologischen und historiografischen Handschriften sowie humanistischen Traktaten von Autoren wie Boccaccio und Petrarca, Grafikzyklen und Objekten der Rathausausstattung bis hin zur Tafelmalerei. In all diese Gebiete führt die Autorin in den jeweiligen Kapiteln zunächst mit viel Hintergrundwissen ein und stellt anschließend ausgewählte Bildbeispiele vor, die einerseits die allgemeine Entwicklung der unterschiedlichen ikonographischen Stränge nachzeichnen, andererseits außergewöhnliche Sonderformen vorstellen. So erläutert sie die Hintergründe, warum sich bestimmte Darstellungsformen von der biblischen Überlieferung zum Teil massiv entfernen und nichtsdestotrotz gerade in der Bibelausstattung oft zu finden sind. Sie erklärt außerdem welche Bedeutungsebenen mit den oftmals überraschend der Szene zugefügten Personen, Tieren oder Requisiten impliziert werden, beispielsweise einem Samson beigegebenen Damenschuh, und was es mit der sonderbaren Darstellung des alttestamentlichen Helden als Aktfigur auf sich hat. Einzelne Werke – darunter die Zyklen der Bible moralisée, die Grafikfolgen des Meisters E.S. und Lucas von Leyden, Darstellungen von Albrecht Dürer, Albrecht Altdorfer, Maarten van Heemskerck, Lucas Cranach oder Tintoretto – finden eine ausführliche Betrachtung.

Neben vielen Neuinterpretationen stellt Ressos auch für das ungewöhnliche Scheinrelief von Andrea Mantegna eine neue Auslegung zur Diskussion. Dieses fertigte der italienische Maler um 1480 als Teil eines Bildzyklus für das »studiolo« der Isabella d‘ Este im Mantuaner Palazzo Ducale an. Bislang wurde die Grisaille aufgrund der formalen Ähnlichkeit von Samson und Delila mit Darstellungen der Pietà im mariologischen Sinne gedeutet. Die einzelnen dem Geschehen zugefügten Bildelemente, wie der von Wein umrankte tote Baum, der Brunnen sowie nicht zuletzt die Inschrift am Baumstumpf machen jedoch deutlich, dass vielmehr ein typologisch-moralisierender Aspekt in dem kleinen Tafelbild dominiert. Die Warnung vor der Frau, vor den weltlichen Sünden sowie der eigenen Hybris stellen Ermahnungen dar, die auch in den seit dem 12. Jahrhundert in Literatur und Kunst äußerst beliebten Weiberlisten anzutreffen sind, unter deren Exempla Samson und Delila einen festen Bestandteil bilden. Die von der Autorin überzeugend dargelegten Erkenntnisse werden zweifellos dazu beitragen, dass die Forschung das bisher nach wie vor kontrovers diskutierte Bildprogramm von Mantegnas Grisaillezyklus in Bälde entschlüsseln wird.

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Die Besprechungen der angeführten Beispiele münden am Ende der jeweiligen Abschnitte stets in eine Diskussion über Intention und Rezeption des Motivs in den verschiedenen Kontexten, für die zahlreiche Primärquellen als Belege herangezogen werden. Als unverzichtbar für das Verständnis vieler Details stellen sich die textkritischen und exegetischen Untersuchungen heraus, die Ressos in Ermangelung einer von theologischer Seite aus bestehenden Forschung zusätzlich selbst erbracht hat. Zusammen mit den literaturwissenschaftlichen Ausführungen bilden sie den interdisziplinären Rahmen, in den die kunsthistorischen Betrachtungen eingebettet sind.

Ein Ausblick auf die Neuerungen, die das Barockzeitalter für das Motiv mit sich bringt, bildet den Abschluss des Buches. Als zentrales Beispiel wird jenes berühmte Gemälde von Peter Paul Rubens angeführt, das sich einst im Besitz des Antwerpener Bürgermeister Nicolaas Rockox befand und heute zu den Highlights der National Gallery in London zählt. Obwohl dieses Gemälde in zahllosen Publikationen behandelt und, so sollte man meinen, sowohl technisch als auch inhaltlich bis auf seinen Grund ausgelotet worden ist, gelingt es Ressos, auf der Basis ihrer exegetischen und philologischen Voruntersuchungen gänzlich neue Aspekte aufzudecken.

An die Schlussbetrachtungen, in denen die Autorin ihre Forschungsergebnisse bündelt und aus ihren Beobachtungen in prägnanter Weise stets faktenreich untermauerte Schlüsse zieht, ist schließlich ein umfangreicher Katalog angehängt. In diesem werden die über 200 Objektbeispiele detailliert aufgeführt, die Ressos als Grundlage für ihre Arbeit zusammengetragen hat. Unter diesen befinden sich zahlreiche bislang unveröffentlichte Beispiele, die die durchweg stringent aufgebaute und unterhaltsam geschriebene Publikation neben der erbrachten Grundlagenforschung und der zum Teil erstmaligen Transkription und Übersetzung von lateinischen Textauszügen aus hochmittelalterlichen Manuskripten zu einem für zukünftige Untersuchungen unentbehrlichen Arbeitsmittel machen.