Buchrezensionen

Yury Winterberg, Sonya Winterberg: Kollwitz. Die Biografie, C. Bertelsmann Verlag 2015

In der jüngst erschienenen Publikation »Kollwitz« zeichnen die Autoren Yury und Sonya Winterberg das von Trauer und Lebensfreude, von Sinnsuche und leidenschaftlicher Liebe geprägte Leben einer faszinierenden Frau und Künstlerin an der Schnittstelle vom 19. zum 20. Jahrhundert nach: Käthe Kollwitz. Unsere Autorin Verena Paul hat die Biografie für Sie gelesen

Einmal mit der Lektüre begonnen, konnte ich dieses Buch nicht mehr aus den Händen legen. Woran das lag? Möglicherweise war es die klare, lebendige Sprache oder die zwischen Vita und künstlerischer Arbeit oszillierenden Inhalte, die auf 432 Seiten spannend entfaltet werden. Und nicht zu vergessen: die ungewöhnliche Struktur, die sich der Chronologie immer wieder verweigert, der Publikation aber einen festen und zugleich schlüssigen Rahmen verleiht. Vermutlich war es die Mischung aus diesen drei Elementen, gepaart mit der sensiblen Annäherung Yury und Sonya Winterbergs an ein Frauen- und Künstlerinnenleben, in dem private Schicksalsschläge, politisches Reflektieren und Engagieren sowie künstlerische Ambitionen miteinander verschmolzen sind. Dabei spiegelt das Porträt von Käthe Kollwitz die Brüche, Utopien, Verheißungen und Katastrophen des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts, sodass den Lesern zugleich ein bewegtes Stück Zeitschichte vorliegt.

Die Autoren beginnen, bevor sie Käthe Kollwitz‘ Kindheit und Jugend in Königsberg, ihre Ausbildungszeit sowie die Eheschließung mit dem engagierten Arzt und Sozialdemokraten Karl Kollwitz beleuchten, mit dem Kapitel »Notturno I«. Hier werden die Jahre 1937 bis 1943 auf wenigen Seiten ins Zentrum gerückt, was zunächst ungewöhnlich erscheint. Doch verweist dieser erste Teil – ebenso wie die beiden später in die Chronologie eingeflochtenen Notturni – auf eine Zäsur im Leben von Käthe Kollwitz. Es sind Situationen, die nächtliche Schatten werfen, sind sie doch von zeithistorischer Dunkelheit, privater Trauer und Tod geprägt. Dergestalt gleiten etwa der Tod des 1914 in Flandern gefallenen Sohnes Peter und der Tod des gleichnamigen Enkels ineinander, der sein Leben im Zweiten Weltkrieg lassen musste. Und schließlich wird es auf dem Erdball aber auch für Käthe Kollwitz selbst Nacht – sowohl im Hinblick auf ihre Arbeit als auch auf ihr Privatleben, denn 1940 stirbt ihr Mann Karl, dem sie am 22. April 1945 folgen wird.

»Der einzige Ismus, den ich anerkennen würde in Bezug auf sie [Käthe Kollwitz], ist der Individualismus«, sagt Käthe Kollwitz‘ Enkelin Jutta Bohnke-Kollwitz und fährt fort: »Sie war so sie selbst, sie war so anders als alle andern. Auch als Person hatte sie eine solche Wirkung, die mit keinem Ismus, wie auch immer, zu erfassen ist. Sie war Käthe Kollwitz und das war’s.« Mit ihrer Biografie haben Yury und Sonya Winterberg genau das unter Beweis gestellt. Sie haben das Leben einer kritisch reflektierenden und trotz vieler Schicksalsschläge lebensbejahenden, leidenschaftlichen Frau nachgezeichnet, die in ihrem Menschsein ebenso sie selbst war wie in ihrer ausdrucksstarken Kunst.

Fazit: Ein absoluter Lesegenuss: spannend, faszinierend, zutiefst bewegend und nachdenklich stimmend! Insofern möchte ich Ihnen diese mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien sowie einem farblichen Bildteil angereicherte Publikation gerne empfehlen.