Buchrezensionen

Yvonne Rickert: Herrscherbild im Widerstreit. Die Place Louis XV in Paris: ein Königsplatz im Zeitalter der Aufklärung, Georg Olms Verlag 2018

Auf dem Höhepunkt der französischen Aufklärung beschloss König Ludwig XV., einen Platz und ein Monument zu seinen Ehren errichten zu lassen. Er initiierte damit einen Ideenwettlauf, in dem sich ästhetische, urbane und politische Ideale der Zeit fokussierten wie in einem Brennglas. Ein neues Buch, das ein Schlaglicht auf die Geschichte der Place Louis XV und ihres Monuments wirft, hat Ulrike Schuster für Sie besprochen.

Die Pariser Place Louis XV, heutige Place de la Concorde, ist eines der interessantesten städtebaulichen Projekte des 18. Jahrhunderts. Der Beschluss zur Errichtung eines Platzes für das Denkmal, einer Reiterstatue des Souveräns, fiel 1748. Den offiziellen Anlass dazu gab der im selben Jahr abgeschlossene Frieden von Aachen, der zugleich die thematische Vorgabe lieferte: die Darstellung Ludwigs als Friedensfürst. In Auftrag gegeben und ausgeführt wurde die Platzanlage durch den Magistrat der Stadt Paris, als Geschenk an den König. Doch, wie Yvonne Rickert belegt, Ludwig XV. habe aktiven Einfluss auf die Gestaltung seines Monuments ausgeübt und in allen Phasen die maßgeblichen Entscheidungen getroffen. Nicht zuletzt bestimmte er die Lage, das brache Gelände zwischen dem Tuileriengarten und der Einmündung in die damals noch ländlichen Champs-Elysées.

Das Projekt reihte sich ein in eine lange Tradition der französischen Königsplätze (Places royales). Andererseits entsprach der Gedanke dem zeitgenössischen Bedürfnis nach monumentalen modernen Platzanlagen. Bereits Ludwig XVI. hatte in seiner Regierungszeit städtebauliche Akzente in der französischen Hauptstadt gesetzt, die von zeitgenössischen Beobachtern lobend hervorgehoben wurden. Auf seinem Nachfolger lasteten hohe Erwartungen, er möge dem Vermächtnis des Sonnenkönigs nacheifern und ihn nach Möglichkeit übertreffen.

Dadurch stand die Gestaltung eines neuen Königsplatzes – und darin liegt das Außergewöhnliche in der komplexen Geschichte der Place Louis XV – von Anfang an im Zentrum eines regen öffentlichen Interesses. Ein breites mediales Echo wurde losgetreten. Man diskutierte über ideale Platzformen, Zeitungen und Journale berichteten darüber, man publizierte und reichte selbstverfasste Entwürfe ein. Zwei Architekturwettbewerbe wurden abgehalten und Kompilationen daraus in illustrierten Bänden veröffentlicht. Den bekanntesten unter ihnen verfasste der Architekturzeichner Pierre Patte im Jahr 1765 unter dem Titel Monumens érigés en France à la gloire de Louis XV. Darin präsentierte er zwanzig Projekte, die ihm als besonders gelungene Beispiele in ästhetischer als auch in städtebaulicher Hinsicht erschienen, einschließlich der letztlich realisierten Variante von Jacques-Ange Gabriel. Geschickt machte er sich dabei die Tatsache zunutze, dass die erste Ausschreibung noch keinen fixen Standort festgelegt hatte, kombinierte die Vorschläge zu einem fiktiven Masterplan von Paris und traf damit einen Nerv der Zeit.

Das Schlagwort der Stunde lautete „embellissement“, ein Begriff, der sich nur unzureichend ins Deutsche übertragen lässt, da er weitaus mehr bedeutet als die Verschönerung des Stadtbilds. Vielmehr sollte die ästhetische Durchformung des Raumes einhergehen mit einer durchgehenden Verbesserung der städtischen Infrastruktur. Darunter verstand man den Ausbau von Verkehrswegen ebenso wie Maßnahmen zur Hygiene, die ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit Wasser oder die großzügige Luftzirkulation. Vor allem aber schwang darin im Zeitalter der Aufklärung ein Geist der Utopie. Ganz ohne Zweifel drängte zunehmend eine selbstbewusste, mündige Bürgergesellschaft in die Öffentlichkeit und verlangte nach Gehör.

Als politisch brisant erwies sich nicht zuletzt die Gestaltung des Denkmals selbst, denn das Bild eines Friedensfürsten gefiel nicht jedem. Der Aachener Friede hatte dem Land in Wahrheit keinen großen Vorteil gebracht, so erläutert Rickert, Frankreich musste sogar eroberte Gebiete wieder abtreten. Zeitgenossen hätten den König lieber in der Pose des siegreichen Feldherren gesehen, so wie es seine Vorgänger gehandhabt hatten. Der Bienaimé vollzog diesbezüglich einen Bruch mit der Tradition. Die Sprachrohre des Hofes von Versailles betonten die Bedeutung des gewonnenen Friedens, die Spottlust der Pariser machte das ihre daraus. Karikaturen zirkulierten, Gedichte und Couplets, es fehlte nicht an Anspielungen auf die Mätressen des Monarchen. Zudem sorgte der Standort für Kritik, lag die neue Place royale doch vor den Toren der Stadt. In dieser Hinsicht fielen die Urteile allerdings unterschiedlich aus. Besuchern aus dem Ausland gefiel das poetische Landschaftsensemble von Platz und Natur. Pariser Kommentatoren dagegen sahen die vertane Chance zur Aufbesserung der urbanen Infrastruktur. Nicht selten fällt in diesem Zusammenhang der maliziös-vieldeutige Satz, ein König – beziehungsweise das Standbild als dessen Stellvertreter – solle sich in der Mitte seines Volkes befinden. War die aufwendige und teure Place Louis XV nun gelungen oder missraten? Die Diskussionen darüber dauerten die folgenden Jahrzehnte an, bis die Revolution das Denkmal des Königs hinwegfegte.

Yvonne Rickert hat in ihrer Dissertation die Planungsgeschichte des berühmten Platzes akribisch zusammengetragen. Insbesondere widmet sie einen Schwerpunkt der Rekonstruktion des verlorenen Bronzemonuments Edme Bouchardon. Zwar ist von den Fakten her vieles bekannt, doch die Verfasserin erarbeitet ihr Thema anhand von zahlreichen Originalquellen, die sie im Anhang im Wortlaut mit veröffentlicht. Die Zitate bieten plastische Einblicke in die lebhafte Diskussion rund um die Place Louis XV und ihr Denkmal.

Bleiben noch der Titel sowie die Frage, inwieweit sich in den Debatten bereits eine vorrevolutionäre Kritik an der Monarchie widerspiegelt? Schließlich verberge sich, panegyrisch verborgen unter dem Mantel des Herrscherlobs, nicht selten die Aufforderung an selbigen zum richtigen Handeln. Der Sockel des Denkmals wurde übrigens nicht selten zu einem Forum von freimütiger Meinungsäußerung umfunktioniert. Er wurde mit Parolen beschmiert oder mit Spottgedichten beklebt. Die Annahme der Verfasserin ist zweifellos berechtigt und im Detail dennoch schwer nachzuweisen. Zum einen wussten Autoren im 18. Jahrhundert um die Kunst, ihre Worte mit Bedacht zu wählen. Vor allem jedoch lassen die Quellen kein einheitliches Urteil zu. Vielmehr spiegeln sich darin kontrastierende Sichtweisen, worin Tadel und Lob sich die Waage halten. So gelangt Rickert trotz ihrer Schlussfolgerungen zu keinem abschließenden Befund. Den kann es vermutlich auch nicht geben angesichts der Polyphonie von Meinungen und Einschätzungen am Vorabend der Revolution.

Titelangaben

Yvonne Rickert
Herrscherbild im Widerstreit. Die Place Louis XV in Paris: ein Königsplatz im Zeitalter der Aufklärung
Georg Olms Verlag, ISBN: 978-3-487-15538-8, Ladenpreis 84,00 €