Ausstellungsbesprechungen

Zeichen. Sprache. Bilder. Schrift in der Kunst seit 1960, Städtische Galerie Karlsruhe, bis 23. Februar 2014

Spätestens seit den Avantgarde-Bewegungen des frühen 20. Jahrhun­­derts ist Schrift auch für unzählige Kunst­­­schaf­­fende ein wichtiger Bestan­d­­teil ihrer Arbeit. Die Städtische Galerie Karlsruhe widmet sich nun diesem vielsei­ti­­gen Thema mit einer eigenen Ausstel­­lung. Günter Baumann berichtet.

Die Schrift verschwindet allmählich als manuelles Zeichensystem – längst haben die Tastaturen den Stift ersetzt, Briefe sind zu SMS-Nachrichten verkommen, und im günstigsten Fall erscheint Schrift »wie gedruckt«. Damit ist das Abendland nicht gleich bedroht, aber die individuelle Form des Schreibens ist in den intimen Bereich oder ganz aus dem Alltag entschwunden. Wie wichtig demgegenüber die Schrift immer noch ist, macht die Werbung deutlich, die ihre Botschaft zwar mehr und mehr visuell übermittelt, aber doch selten ohne Schrift auskommt. In diesem Spannungsfeld hat die Kunst, insbesondere die Malerei, eine Riesenbandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten für Schriftzeichen, zumal die nonverbale Bildsprache ihre eigenen Gesetze hat, die mit den Sprachbildern nicht gleichzusetzen sind.

So reagiert auch der Betrachter unterschiedlich auf die sprachlichen Systeme. Während er das Bild als solches kaum bewusst – aber für europäische Sehgewohnheiten nachweisbar – von links nach rechts betrachtet, aber je nach Farben, Formen und Komposition auch lenkbar ist, so wird er Schriftzeichen automatisch lesen, das heißt entziffern wollen. Über 40 Künstler und Künstlerinnen zeigen in der Städtischen Galerie Karlsruhe Sprache als Zeichen und als Bild – zwischen poetischer Lineatur und typografischer Gestaltung. Dass die frühen Zeugen des 20. Jahrhunderts im Dadaismus gründen, ist kaum verwunderlich. Zum einen waren Künstler wie etwa Kurt Schwitters auch Dichter, zum andern provozierten sie das Publikum durch die Entgrenzung der Gattungen. Die poetische Geste mythologischer Seinsgewissheit ist noch bei Joseph Beuys zu ahnen, von dem ein lithografierter »Brief aus London« (Letter from London) in der Ausstellung zu sehen ist. Marcel Broodthaers ist gar mit einer Hommage an einen der größten Dichter der Moderne vertreten – Mallarmés »Un coup de dés«, auch wenn das ursprünglich als visualisierter Text publizierte Gedicht hier eine betont simple, handschriftliche Darstellung erfährt.

Gegen solche freien Skripturen stehen die vorgedruckten und schablonierten Lettern und Ziffern, wie die von Dirk Bell, Alex Hanimann, Roni Horn oder Kay Rosen. Thomas Locher spielt regelrecht mit den vorgefertigten Zeichen, und bei den Bildbeispielen von Robert Indiana und Robert Creely werden sogar dieselben Schriften verwendet – hier die Zahl »3«. Es geht freilich auch gänzlich unkonkret, wenn etwa Hanne Darboven so tut, als würde sie Zeilen mit Schrift füllen. Und wenn Cy Twombly Schriften auf die Leinwand krakelt, sind es eigentlich Chiffren, die nur zufällig das bezeichnen, was abzubilden wäre, wobei hier wieder eine Brücke zur Lyrik geschlagen wird. Anders sehen die formal nicht so weit entfernten Schriftzüge Dieter Kriegs aus. Jean-Michel Basquiat dagegen findet Schrift aus der Farbe heraus und setzt Sprache im Sinne der Graffitikunst als pures Bild ein. Die Lesbarkeit wird da genau so sabotiert wie in den hochästhetischen Zeichenformationen einer Astrid Klein. Man könnte noch viele weitere Künstler nennen, die allesamt das eine wollen und zugleich ganz verschiedene Positionen einnehmen: konzeptionelle Chiffren und schöner Schein begegnen sich jedoch immer auf Augenhöhe, ob von der Street Art inspiriert oder von der Theorie. Selbst in der Plastik und in der Installation lassen sich Sprachbilder umsetzen, was die Werke von Tobias Rehberger, Harald Klingelhöller oder Skafte Kuhn unter Beweis stellen.

Die Karlsruher Schau ist spektakulär unspektakulär: keine sich aufdrängende Überraschung, vielmehr Bekanntes, das allerdings in genialer Findigkeit zusammengestellt ist. Die Ausstellung bringt uns die Vieldeutigkeit einer Welt in Erinnerung, die noch nicht medial ins Beliebige verwässert ist (man wundert sich, dass die neuen Medien hier wohl keine eigenständigen Positionen entwickelt haben, dass sie hier hätten berücksichtigt werden müssen), die die natürlichen Tiefen und Verzweigungen des Schriftsystems vor Augen führt – kurzum ein Genuss, so einfach und lapidar wie ein Ausrufezeichen. Das übrigens präsentiert Richard Artschwager mit seinem »Exclamation Point (Orange)«, bestehend aus signalfarbigen Plastikborsten.

Der Katalog begnügt sich – eine gewitzte Idee – übrigens nicht mit bloßen Schriftseiten. Er stülpt sozusagen seine Teile nach draußen: die Titelei samt Inhalt und Einführung finden auf dem Umschlag statt. Der Innenteil ließe sich als bereits vorgelochte Loseblattsammlung aus der Bindung lösen, wodurch das Buch ähnlich in Frage gestellt wird wie die Schrift auf den Bildern der Ausstellung.