Buchrezensionen

ZORN. 55 Prominente. Fotografiert von Axl Klein. Gollenstein Verlag 2013

»Wo sind die lodernden Köpfe, die Schreihälse, die Inspirierten des Zorns, die Couragierten der Metropolen, die Querköpfe der Provinz […] Wo zum Teufel«, ruft Michael Batz dem Leser der jüngst im Gollenstein Verlag erschienen Publikation zu. Ein Zuruf der nicht verhallt, denn Axl Klein setzt sich mit dem elementaren Gefühl in seiner Fotoserie, die 55 Porträts prominenter Persönlichkeiten umfasst, intensiv auseinander und gibt dem Zorn beeindruckende Gesichter. Verena Paul hat sie sich angeschaut.

Da liegt sie nun auf meinem Schreibtisch, die Publikation aus dem Hause Gollenstein. Und sie kündigt mit dem Cover bereits das an, worum es auf den 128 Seiten des Innenteils geht: Zorn. Dieses uns allen vertraute – mal mehr, mal weniger stark ausgeprägte – Gefühl spiegelt sich in dem tief schwarzen Cover, in das der weiß gestaltete Titel regelrecht eingebrannt zu sein scheint. Und nicht zu vergessen: das angeschnittene Gesicht des zornig, ja beinahe diabolisch wirkenden Schauspielers Axel Prahl.

Nach Lektüre von Roger Willemsens Vorwort, das ein grandioser Parforceritt durch die Kulturgeschichte des Zorns darstellt, nähern wir uns den Porträts. Aus diesen Gesichtern hat der Fotograf Axl Klein den Facettenreichtum des Zorns auf imposante Weise herausgeschält. Viele der Prominenten sind kaum mehr wiederzuerkennen. Zu ihnen zählt unter anderem Roger Willemsen, der nicht nur durch die Abwesenheit seiner Brille, sondern auch und vor allem durch einen bissigen, wilden Gesichtsausdruck verändert erscheint. Oder Anke Engelke, deren Augen den Betrachter fixieren, während sich ihr Mund leicht zusammenzieht als würde er nur mit Mühe Worte zurückhalten, die sich auf der Zunge bereits gebildet haben. Neben Engelke ist auch die Schauspielerin Annette Frier mal so ganz anders als in ihren TV-Paraderollen: unendlich zornig. Dabei scheint ihr dieses Gefühl, das hinter zwei Denkfalten unter Verschluss gehalten wird, Tränen in die Augen zu treiben. Und was ist mit der für ihr sonniges Gemüt bekannten Sportlerin Magdalena Neuner geschehen? Starrer Blick, bebende Nasenflügel und zwei sich leicht absenkende Mundwinkel, die andeuten, dass in diesem Moment mit ihr nicht wirklich gut Kirschen essen ist. Der Schauspieler Devid Striesow wird von dem Gefühl des Zorns beinahe zerrissen: Seine Augenbrauen beginnen zu flattern, die aufgerissenen Augen funkeln uns wütend entgegen, während er seine Zähne, die durch den zusammengekniffenen Mund sichtbar werden, fest aufeinander presst. So möchte man dem Schauspieler als Objekt seines Zorns absolut nicht gegenübertreten. Ebenso gilt dies für Joko Winterscheidt, der seinen Zorn durch einen Schrei herauskatapultiert, wobei sich sein Gesicht in alle möglichen Richtungen verzerrt. Das der Fotografie zur Seite gestellte Zitat Uwe Wittstocks trifft den Kern: »Zorn ist Energie, und Energie braucht es, um Dinge zu verändern.«

»Axl Klein hat gemeinsam mit den Mitwirkenden dieses Bandes dem Zorn Gesichter gegeben«, schreibt Roger Willemsen in seinem mit »In Rage« überschriebenen Vorwort. Klein habe, heißt es weiter, »die unpopuläre Erregung mit einer fotografischen Ehrenrettung gefeiert und dem Zorn ein Denkmal gesetzt, das ihn zeigt, wie er ist: maßlos, selbstgerecht, implodierend, expressiv, aggressiv, ohnmächtig, unattraktiv, besessen und doch oft genug auch einzig vernünftig.«

Das Zusammenspiel der Fotografien mit den klug gewählten, pointierten Zitaten ist beeindruckend. Denn dadurch werden dem Leser respektive Betrachter wichtige Impulse gegeben, die den Gesichtern eingeprägten Gefühle genauer in Augenschein zu nehmen und aus jedem Fältchen, jedem Augenfunkeln und jeder gespannten Hautpartie die Spuren des Zorns neu zu entdecken. Axl Kleins fulminante Aufnahmen sind zugleich berührend und verstörend, gnadenlos ehrlich und hochästhetisch, sodass ein leichtes, oberflächliches ›Drüberblättern‹ unmöglich wird.

Resümee: Mit »ZORN« legt der Gollenstein Verlag einen absoluten Prachtband vor, der durch den sprachgewaltigen Essay von Roger Willemsen sowie die kraftvollen, energiegeladenen Fotografien von Axl Klein überzeugt. Eine Publikation, die uns das überbordend starke, aus der Magengrube aufsteigende Gefühl des Zorns, das sich in den Gesichtern von 55 prominenten Menschen eingeschrieben hat, intensiv erfahrbar macht. Insofern ist ein faszinierendes, fesselndes Buch gelungen, das ich Ihnen uneingeschränkt empfehlen möchte!