Buchrezensionen, Rezensionen

Zukunftsmusik oder Schnee von gestern? Interdisziplinarität, Internationalität und Aktualität des Futurismus, Akte der gleichnamigen Tagung, hrsg. v. Donatella Chiancone-Schneider, Eigenverlag 2010

In einer kompakten Abhandlung schildern neun Autoren in drei Sektionen den Futurismus als eine interdisziplinäre, (internationale) und aktuelle Kunstströmung. Ein Fazit der Tagungsakte könnte man in etwa so fassen: Futurismus heute ist eine Untergrundbewegung, die ihre Hochphase in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte. Rowena Fuß hat sich einmal näher mit dem Phänomen befasst.

Chiancone-Schneider (Hg.) © Cover Ludger F. J. Schneider
Chiancone-Schneider (Hg.) © Cover Ludger F. J. Schneider

Sektion I – Interdisziplinarität des Futurismus
Giovanni Bove untersucht in seinem Aufsatz welchen Beitrag die Zeitschrift »L’Italia Futurista« hinsichtlich Literatur und Sprache des Futurismus gehabt hat. Mit Hilfe einer semiotisch-linguistischen Analyse untersucht er Wortkompositionen, die eine besondere Bedeutungsdynamik entwickelten wie der expressive Synkretismus.

In seinem Beitrag »Straßenbahnen mit Flügeln« zeigt Johannes Lothar Schröder, dass futuristische Bilder nicht nur auf technische Neuerungen der Zeit reagierten, sondern auch implizit auf Urängste und magische Vorstellungen zurückgriffen. Die Darstellungen thematisieren auf einer irrationalen Ebene das Unheimliche und die Angst, die mit dem Fahren in den neuen Automobilen verbunden wurde.

Marijana Erstrić beschäftigt sich mit der aus der Bewegung gewonnenen Zeitlichkeit der Futuristen. Als Beispiel dient der Film »Velocità«. Mittels Collagen oder der Bewegung des Körpers in der Fotografie werden Momentaufnahmen eines Übergangs möglich gemacht. Gleichzeitig wird das Sehen als ein Prozess entlarvt, der die Wirklichkeitspräsentationen und – wahrnehmungen als ein umgekehrtes Verhältnis zwischen den mentalen Inhalten und dem Konkret-Sichtbaren veranschaulicht. Damit stellt »Velocità« neben »Dinamismo« ein Beispiel für das Zeit-Bild, im Gegensatz zum Bewegungsbild, dar.

Sektion II – Internationalität des Futurismus
Lilli Weissweiler untersucht in ihrem Abschnitt die futuristische Wanderausstellung von 1912 und ihre bildnerischen Folgen. So fiel die futuristische Idee an den verschiedenen Stationen Paris, London und Berlin auf fruchtbaren Boden. Einen Pluspunkt bildeten die oftmals kritisierten Mängel wie keine vorhandene Zeichnung und die scheinbare Eile, mit der die Bilder gemalt wurden.

Pierantonio Zanotti untersucht das Echo des Futurismus in der japanischen Presse anhand von fünf Artikeln aus dem Jahr 1914. Bereits 1909 fertigte der Schriftsteller Mori Ōgai eine Übersetzung des Gründungsmanifestes an, die, weltweit gesehen, eine der ersten ihrer Art war. Im Jahr 1914 entstand eine Vielzahl an Artikeln zum Thema Futurismus, was nachfolgend eine Explosion der einheimischen Avantgarde-Bewegungen auslöste.

Donatella Chiancone-Schneider beleuchtet in ihrem Beitrag die futuristische Sichtweise auf die Frau. Nach Filippo Tommaso Marinetti, dem Verfasser des ersten futuristischen Manifestes, war eine Gleichbehandlung der Geschlechter nicht vorgesehen. Die Frau wird von ihm ignoriert, durch eine Maschine ersetzt, als Hausfrau oder Feministin beschimpft. Um die Zukunft der Art zu erhalten wird sie jedoch gern für einen schnellen und unkomplizierten Geschlechtsverkehr aufgesucht, der zudem die Virilität des Mannes bestätigte. Lange gab es daher keine »futuristische Frau«. Der Widerspruch zwischen femme fatale und Ehefrau bzw. Suffragette und Prostituierte spiegelt sich in der feministischen Schriftstellerin Aleramo, der Diva Casati sowie der hausfraulichen Künstlerin Benedetta wider. Trotz der umfassenden Revolution in der Kunst, so das Fazit, waren die Avantgardisten nicht in der Lage neben dem neuen futuristischen Mann auch eine ebensolche Frau zu entwerfen.

Sektion III – Aktualität des Futurismus
Christoph Kivelitz untersucht die Instrumentalisierung des Futurismus durch den italienischen Faschismus. Obwohl die Verquickung von politischen und ästhetischen Fragen dem eigenen Selbstverständnis des Futurismus zuwider war, wurden künstlerische Gruppierungen ausgewählt, Partei und Staat zu repräsentieren. Die aufwändig in Szene gesetzten Propaganda-Ausstellungen waren dabei Ausdruck einer inszenierten und bewusst instrumentalisierten künstlerischen Vielfalt.

Alexander Graeff stellt in seinem Beitrag sein ungewöhnliches Musikprojekt »Koma69« vor, das futuristische Einflüsse verarbeitet und dem Tagungstitel entsprechend sprichwörtlich »Zukunftsmusik« bietet.

Im letzten Beitrag der Tagungsakte geht Renzo Ardiccioni auf die Bedeutung des Internets bei der Rückkehr des Futurismus in Italien ein. Fragen der individuellen und nationalen Identität spielen hier eine Rolle. Das Lebensgefühl der Futuristen von damals hatte wenig vorhergesehen, dass die Realisierung der eigenen Ideologie von Schnelligkeit und Kommunikation eines Tages zur Auflösung jeglicher nationaler oder kultureller Identität beitragen würde und eine breite Angleichung von Lebensstilen, Kultur und Sprachen, kurz Globalisierung, hervorbringen würde. Ardiccioni beleuchtet, inwiefern der Aufstieg des Internets seit 1990 die individuelle und kollektive Erinnerung der Italiener berührt hat.

Alles in allem gesehen war der Futurismus eine fast ausschließlich italienische Bewegung, obwohl die künstlerischen Prinzipien, wie gezeigt werden konnte, auch in anderen Ländern auf fruchtbaren Boden fielen. Gleichfalls hatte der Futurismus vor allem auf die Kunstgattungen Malerei und Film einen entscheidenden Einfluss, weniger auf die Sprache an sich. Daher kann man nur bedingt von einer Interdisziplinarität und Internationalität sprechen. Mit dem Musikprojekt »Koma69« hat der Futurismus zwar eine aktuelle Ausdrucksform, fraglich ist jedoch wie signifikant das Vorhandensein eines Projektes für die Entstehung bzw. Renaissance einer Bewegung ist.

In puncto Überblick und Handhabbarkeit ist die Tagungsakte vorteilhaft gestaltet worden. Vor jedem Beitrag befindet sich eine kurze Zusammenfassung über die diskutierten Fragestellungen und im Fließtext sind die Beispielbilder meist gleich in dem betreffenden Absatz eingefügt, so dass man sich gut durch den Text arbeiten kann. Einziges Hindernis bildet die Fachsprache, die besonders im Beitrag von Marijana Erstrić nur schwer verständlich ist für alle, die nicht Medienwissenschaften studieren.

Weitere Informationen

Das Buch kann nur unter unter der E-Mail futurismus@kulturserver.de bestellt werden. Der Einzelpreis beträgt 25 Euro zzgl. Versandkosten.

Zusätzliche Informationen erhalten Sie auf der Website http://www.kulturserver.de/home/futurismus/.