Meldungen zum Kunstgeschehen

Zur aktuellen Lage der Museen. Klaus Albrecht Schröder, Generaldirektor der Albertina Wien im Gespräch.

Auch die österreichischen Bundesmuseen mussten wegen der Corona–Pandemie vorübergehend schließen. Viele Mitarbeiter*innen wurden zur Kurzarbeit angemeldet, manche Häuser rechnen mit 8–12 Millionen Euro Verlust. Andreas Maurer hat mit dem Direktor der Wiener Albertina, Prof. Dr. Klaus Albrecht Schröder gesprochen.

Klaus Albrecht Schröder © Christopher Mavric
Klaus Albrecht Schröder © Christopher Mavric


Andreas Maurer: Von Sydney bis Los Angeles, von Wuhan bis Wien – die Krise trifft uns alle und verändert das Leben wie wir es kennen. Wie gehen Sie persönlich damit um? Wie haben sich Ihr Arbeitsalltag und Ihr Privatleben verändert?

Klaus Albrecht Schröder: Ich habe die letzten Wochen unter Hochdruck dafür gearbeitet, dass die Albertina keine Kündigungen aussprechen muss und wir möglichst gut durch diese dramatische Krise kommen, die sich von einer Gesundheits– zu einer Wirtschaftskrise entwickeln wird. Wir müssen mit einem ganz starken Rückgang des Tourismus rechnen, der langfristige Auswirkungen haben wird. Wir planen Ausstellungen und Budget neu und stehen im engen Austausch mit den Kolleg*innen der anderen Bundesmuseen und dem Ministerium, nun eben mit neuen Werkzeugen in der Kommunikation.

AM: Braucht ein Museum seine physischen Besucher*innen überhaupt um seinen Kulturauftrag zu erfüllen oder kann mein das Publikum online vielleicht besser und schneller erreichen?

Schröder: Auch wenn wir früh auf die Digitalisierung gesetzt haben und bei Social Media und Augmented Reality Vorreiter sind: Das Erlebnis vor dem Original lässt sich nicht ersetzen. Wir organisieren die aufwändigsten und kostenintensivsten Ausstellungen, damit dem Besucher die Begegnung mit dem dem Kunstwerk ermöglicht wird. Das sinnliche Erlebnis des Museumsbesuchs lässt sich durch keinen virtuellen Rundgang ersetzen.

AM: In den vergangenen Jahren sind viele Museen mit ihren Sammlungen und Archiven online gegangen. Was bedeutet das nun für Museen ohne Online Präsenz wie z.B. Bezirksmuseen, Volkskundemuseen, Sondermuseen in kleinen Gemeinden? Werden die ihren Kontakt zum Publikum vollends verlieren?

Schröder: Die Digitalisierung ermöglicht die Nutzung von Kunstwerken und anderen Artefakten zu Zwecken der Forschung und Bildung. Gerade kleine Häuser, die abseits der Metropolen liegen, können davon profitieren und ihre Sammlungen einem viel breiteren Publikum präsentieren, als das vor Ort möglich wäre. Durch gute Vermittlungsarbeit und dem wirklichen Eingehen auf die Bedürfnisse und Themen der Besucher vor Ort kann aber auch ein Bezirksmuseum ohne Online–Angebote ein lebendiger Ort bleiben oder werden.

Albertina Ansicht © Harald Eisenberger
Albertina Ansicht © Harald Eisenberger

AM: Um auch etwas Positives zu sagen: das Museums–Publikum wird nach der Krise sicher besser mit den digitalen Angeboten der Museen umgehen. Kann eine Krise für eine Kunstinstitution also auch eine Chance sein neues Publikum und neue Vermittlungsformate zu finden? Sind in den letzten Wochen Ihrer Meinung nach da interessante Modelle entstanden [Anm.: das Kunsthistorische Museum Wien produziert einen Podcast; das KunstHausWien veranstaltet eine Foto–Challenge]?

Schröder: Nein, diese schwere Krise hat keine positiven Effekte. Wir müssen auch geplante Projekte zur Forschung, Digitalisierung und Inventarisierung auf den Prüfstand stellen, weil diese nicht durch die Basissubventionen gedeckt sind.

AM: Wie wird sich die Zwangspause wirtschaftlich auf die Albertina und auf die Museumslandschaft generell auswirken? Müssen Leihgaben aktueller Ausstellungen dennoch in voller Höhe bezahlt werden, gibt es Kulanzlösungen mit Versicherungen usw.?

Schröder: Wir erhalten 7,3 Mio. Euro Basisdotierung, haben jedoch Personalkosten von 8,9 Mio. und Miete von 1,2 Mio. sowie Energie–, Wartungs– und Instandhaltungskosten von 1 Mio., dazu kommt der allgemeine Museumsbetrieb in Millionenhöhe.
Kurzfristige Einsparungen ermöglicht die Kurzarbeit. Durch die Senkung der PR–Ausgaben konnten kurz– und mittelfristig Einsparungen erreicht werden.
Ohne einen hochprofitablen Ausstellungsbetrieb kann der Museumsbetrieb nicht aufrechterhalten werden. Das bedeutet umgekehrt, dass mit Einsparung allein die ALBERTINA nicht durch diese Krise kommen kann. In den letzten 20 Jahren haben wir das Museum als Ausstellungsbetrieb organisiert, jetzt muss eine substantielle Erhöhung der Basisdotierung erfolgen.

AM: Gibt es schon Pläne wie man nach der Krise die Besucher*innen möglichst schnell wieder ins Museum holt, ich denke da an Blockbuster–Ausstellungen oder vielleicht mehrere kleinere Schauen...

Schröder: Die Eröffnung der ALBERTINA MODERN [Anm.: Wiens neues Museum für moderne Kunst; Eröffnungstermin wäre Mitte März gewesen] muss vollkommen neu geplant werden und findet aller Voraussicht nach im Sommer oder Herbst statt. In den nächsten eineinhalb bis zwei Jahren werden wir bei Ausstellungsprojekten verstärkt auf unsere Schausammlung setzen. Wir prüfen derzeit, ob die Modigliani–Retrospektive im Herbst weiterhin stattfinden kann.


Prof. Dr. Klaus Albrecht Schröder (*1955)
Österreichischer Kunsthistoriker und Museumsleiter. 
Nach etwa zwei Jahren Leitung des BA–CA Kunstforum, seit 1999 Direktor der Albertina Wien.

Albertina Modern © Rupert Steiner
Albertina Modern © Rupert Steiner

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