Ausstellungsbesprechungen

Zurück zur Figur, Malerei der Gegenwart

Die Galerien sind längst auf den Zug aufgesprungen und zaubern einen figurativ malenden Künstler nach dem anderen aus dem Hut; die Leipziger Schule hat sich schon zu einer Art Erlebnispark gemausert, in dem die Stars wie frischgebacken aus einer Kaderschmiede für Jungtalente entsprungen zu sein scheinen. Nun rüsten sich auch die großen Häuser für die ersten Überblicksausstellungen, allen voran die Hypo Kunsthalle München und die Sammlung Essl in Klosterneuburg bei Wien (hier gezielt zur Leipziger Schule, will sagen den dortigen Schulen, 31.5.–3.9.2006).

Programmatisch verkünden die Münchner die Rückkehr zur Figur und nicht weniger als zugleich die »Malerei der Gegenwart« - was hoffentlich eher ausschnitthaft als pauschalisierend gemeint ist: denn skeptisch beäugt schon so mancher die vermeintliche Omnipräsenz der Jungrealisten – die dann doch ohne einen ihrer besten, Eckart Hahn, auskommen müssen.

 

Soweit zum sorgenbeladenen Marschgepäck im Vorfeld des Ausstellungsbesuchs. Rund 80 Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und dem Ausland erwarten den Betrachter mit Arbeiten, die nach 2000 entstanden sind: Das Stichdatum war den Kuratoren Christiane Lange – seit März dieses Jahres Direktorin der Hypo-Kunsthalle – und Dr. Florian Matzner, Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München, wichtiger als die Präferenz einer bestimmten Generation: So sind mit Maria Lassnig (geb. 1919), Lucian Freud (geb. 1922) und Alex Katz (geb. 1927) hochbetagte Künstler vertreten, der jüngste Teilnehmer ist der 1979 geborene Johannes Tiepelmann. Das Konzept besticht daher gleich in vielerlei Hinsicht.

 

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Fast 25 teilnehmende Künstlerinnen entkräften das gelegentlich geäußerte Vorurteil, die neue figurative Malerei sei eine männliche Domäne, mehr noch: Viele der stärksten Arbeiten sind von ihnen. Die unmittelbare, nahezu kristalline Erscheinung der Lassnigschen (Selbst-)Porträts brauchten lange, bis sie im Bewusstsein der Kunstkritik verankert waren, doch steht die Künstlerin mittlerweile unangefochten auf der Bühne als (Gruß-)Mutter der figurativen Malerei nach 1945 – die kraftvolle Ausstrahlung ihres Werks ist beeindruckend. Da fällt es manchen ihrer Schülerinnen nicht allzu leicht, eigenständig aufzutreten, wie man den Arbeiten etwa von Johanna Freise oder Mara Mattuschka ansieht; freier geht dagegen Regina Götz mit Lassnigs Inszenierung eigener Nacktheit um, indem sie dem pastos-groben Realismus über eine geschmeidigere Lasur und einen dezenten Touch ins Surreale entgeht (allerdings auch an Kraft einbüßt). Eine eigenständige Abhängigkeit von Maria Lassnig kann man im »Ballet Russe« von Xenia Hausner vermuten, deren Kompositionen von enormer Spannung sind und sicher zu den Highlights der Münchner Ausstellung zählen. Von bleibendem Eindruck bleibt auch das Bild »Amateur« der jungen Schwedin Karin Mamma Andersson (geb. 1962), die ihr Land 2003 bereits in Venedig vertreten hat und der Kommunikationslosigkeit zwischen den Geschlechtern einen packenden Ausdruck verleiht. Von unvergleichlicher Drastik ist Antje Majewskis Öl-/Tempera-Gemälde »Im Schlamm«, das fotografisch genau suggeriert, eine in kostbarem Stoff gewandete Frau würde aus einem Schlammloch am Weg trinken: »Das gemalte bild illusioniert nicht nur eine Raumtiefe, sondern auch eine Person. Wie bei der Bekanntschaft mit einer sehr eindrücklichen Person wird man zur Reaktion bewegt.« Etwas kultig kommt die Malerei von Cornelia Schleime daher, die mit ornamentaler, flächenbetonter Strenge die Unnahbarkeit der dargestellten Personen demonstriert und deren Rolle im Leben kritisch beleuchtet.

 

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Der Blick über den deutschen Zaun hinaus entpuppt sich als Glücksfall. Tatsächlich wurde der Blick in den vergangenen Monaten auf Leipzig fokussiert, und der Erfolg, den Neo Rauch & Co. auch im Ausland genießen (und die Preise, die sie erzielen), ließ Deutschland als El Dorado der figurativen Kunst erscheinen. Dabei haben Europa und die USA die Zeichen der Zeit natürlich nicht verschlafen. Allen voran stehen freilich die hinlänglich bekannten Vaterfiguren Lucien Freud (der gebürtige Berliner gilt längst als Engländer) und der entschieden stilbewusste Alex Katz aus New York, der mit seinen fast 80 Jahren manchem jungen Realisten die Show stiehlt. Aber München hält Entdeckungen parat: grandios die lichtvollen Arbeiten Adam Adachs (Polen), die Werke von Samuel Blaser (Schweiz) als Erfinder skurriler Erzählungen in Öl oder die Traumbilder von Peter Doig (Schottland). Nicht minder spannend sind die in Malerei übersetzten Fotografien des in Prag geborenen Deutschtschechen Peter Vogts, der mit dem Phänomen der Schärfe und Unschärfe spielt. Etwas gewöhnungsbedürftig, aber durchaus gewitzt sind Glenn Browns (England) Zitate aus der Kunstgeschichte bzw. die deren Verfremdung durch George Condo (USA). Fast altmeisterlich in der technischen Perfektion ist der 42jährige Stephen Conroy (Schottland), der vor wenigen Jahren mit einer Retrospektive in Deutschland bekannt wurde, während die dem magischen Realismus verpflichteten Werke John Kirbys (England) zu Unrecht hierzulande kaum bekannt sind – wie auch Joanna Price (Irland), deren Arbeiten Ähnlichkeiten mit Conroys Bildern aufweisen. Gegen diese erfrischenden Positionen außerhalb Deutschlands (nur Vogt lebt und arbeitet hier) fallen manche Gemälde deutscher Realisten ab, was daran liegt, dass sie gerade wegen des Öffentlichkeitsinteresses an ihnen nicht nur bekannt, sondern oft auch schon aus selbem Grund zu Kopisten ihrer selbst geworden sind. Die besten Beiträger der Ausstellung heißen – neben den Jungstars Rauch, Ruckhäberle, Trenkler und Havekost - Ulysses Belz (inzwischen lebhaft in Paris), Christian Brandl, Tom Fabritius (der leider nicht mit seinen besten Arbeiten in der Hypo Kunsthalle vertreten ist) Silvia Gertsch und nicht zuletzt Holger Bunk, der bereits eine sehr beachtliche Schule um sich geschart hat. Eine sehr ansprechende Auseinandersetzung mit sozialistischem, magischem und »Neo«-Realismus betreibt Axel Krause, dem man insgesamt mehr Aufmerksamkeit wünscht.

 

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Auch der Generationensprung ist lohnenswert, wenn auch der Auswahl der älteren Künstler eine gewisse Beliebigkeit anhaftet. Allerdings überrascht, dass Konrad Klapheck zu den ganz wenigen Vertretern der schon klassisch werdenden Nachmoderne gehört, die sich den neuen Strömungen geöffnet und einen neuen Stil entwickelt haben. Alex Katz und Eric Fischl mussten andrerseits kaum ihre Malweise ändern, um im »gegenwärtigen« Trend mitzuhalten. Ihrem Stil treu geblieben sind Lucian Freud, Johannes Grützke und Volker Stelzmann – die beide kaum den Blickwinkel auf ihre jeweiligen Deutschländer West und Ost verändert haben –, Mel Ramos (dessen Pop-Art-Nostalgie fast schon abschreckend wirkt) sowie Maria Lassnig. In diesem Kontext relativiert sich der Anspruch der Münchner Ausstellung auf angenehme Weise, denn von einer Palastrevolution junger Realisten gegen Konzeptionisten, Konstruktivisten, Aktionisten und Medialisten kann keine Rede sein. Es ist lediglich zu begrüßen, dass den Figurativen endlich der Spielraum gewährt wird, der den anderen schon offen steht. Über die gegenwärtige Euphorie hinaus wird sicher nicht jeder Künstler, der nun in München (oder Wien) vertreten ist, dauerhaft im Rampenlicht bestehen können. Aber selbstverständlich müssen sie nun alle erst einmal auf die Bühne, um Vorbehalte abzubauen und einfach mal zu schauen, wie vielfältig die »Malerei der Gegenwart« - und eben nicht nur in Leipzig – ist: im Sinne der Kunsthallenkonzeption »sachlich – magisch – surreal«, »porträthaft«, »körperlich – psychisch«, »poppig – crossover – subkulturell«, »alltäglich – gesellschaftlich – politisch«, »weltbezogen – gegenweltlich« (wohlgemerkt ausschließlich auf die menschliche Figur gemünzt). Denn Applaus haben die Künstler zur Zeit alle verdient. Denn das Bild hat zum Glück noch nicht ausgedient.


Ein großzügig bebilderter, umfangreicher Katalog ist erschienen. Daneben sei auch an die Künstlergespräche erinnert, während der am 25. Juli Norbert Tadeusz zu sehen und zu sprechen ist. Von Oktober 2006 bis Februar 2007 wird die Schau im Museum Franz Gertsch zu sehen sein.

 

 

Öffnungszeiten

täglich 10–20 Uhr

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