Ausstellungsbesprechungen

Zwei Fotografinnen mit einer Klappe: Barbara Klemm und Ellen Auerbach ausgestellt im Museum De Fundatie

Zwei Freundinnen und große Fotografinnen sind derzeit im niederländischen Zwolle zu sehen. Bis zum 3. Januar 2016 zeigt das Museum de Fundatie Werke von Barbara Klemm und Ellen Auerbach und bewegt sich damit zwischen den Genres der Dokumentar-, Reise- und Werbefotografie. Cornelia Ganitta hat sich die Schau angesehen.

Sie ist eine der bedeutendsten Chronistinnen Deutschlands. Ihre Bilder gelten als das »fotografische Gedächtnis« der Republik. Jahrzehntelang stand sie als Redaktionsfotografin im Dienst der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ihre Spezialität sind Politiker-Porträts. Aber auch Pop-Ikonen wie Andy Warhol oder Mick Jagger hat sie vor die Linse geholt. Man muss kein großer Kenner sein, um zu erraten, dass hier die Rede von Barbara Klemm ist. Ausstellungen allerorten zeigen, wie gefragt das Werk der mit zahlreichen Preisen bedachten 75-Jährigen (immer noch) ist. 2013 war es in einer großen Solo-Schau im Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen. Ein Jahr später im Sinclair-Haus in Hamburg. Seit Jahren schon wandern ihre Bilder überdies mit dem Institut für Auslandsbeziehungen durch die Welt. Aktuelle Station: die Harvard University in Boston.

Den weiten Weg in die USA allerdings muss der interessierte Besucher nicht auf sich nehmen. Es reicht, ins niederländische Zwolle (eine Zugstunde nordöstlich von Amsterdam) zu fahren, wo noch bis Anfang Januar eine feine Auswahl ihres umfangreichen Oeuvres zu sehen ist. Das dortige Museum De Fundatie – das für sich selbst schon durch seinen spektakulären Umbau im Jahr 2013, bei dem ihm eine »Wolke« aufs Dach gesetzt wurde, eine Reise wert ist – präsentiert rund 150 Fotografien aus beinahe allen Schaffensphasen. Bilder von historischen Ereignissen (und hier besonders der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte), Alltagsszenen und Landschaften, durchweg in schwarz-weiß gehalten. Porträts von Musikern, Künstlern und Schriftstellern. Und immer wieder die Mächtigen der Welt. Helmut Kohl und Erich Honecker ebenso, wie der jüngst verstorbene Helmut Schmidt. Berühmt ihr Foto von Willy Brandt, um den sich im Zuge der Verhandlungen über die Ost-Verträge 1973 im Halbkreis Leonid Breschnew, Walter Scheel und Co scharen. Oder das Foto, welches die Protagonisten der DDR-Bürgerbewegung Gregor Gysi, Bärbel Bohley, Ulrich Mühe und Heiner Müller zeigt – (noch) vereint im gemeinsamen Kampf, selbstbewusst, rauchend, einer neuen Zeit entgegenfiebernd. Daneben sind aber auch weniger bekannte Aufnahmen vertreten, die die Fotojournalistin auf ihren zahlreichen Reisen gemacht hat und die unter anderem seltene Einblicke geben in die faszinierend fremde Welt der ehemaligen Sowjet-Union.

Ellen Auerbach zwischen »Fetter Dame« und »Kindern aus Bullerbü«

Das Besondere der Ausstellung ist, dass Barbara Klemm mit einer weiteren – weniger bekannten – und doch durch Klemm selbst geförderten Fotografin antritt: Ellen Auerbach.

Die Kombination ist, wenn auch neu, so doch kein Zufall. Beide Frauen verband eine enge Freundschaft miteinander. Auerbach war weniger populär, obwohl auch sie einen Großteil ihres langen Lebens – sie starb 2004 im Alter von 98 Jahren – der Fotografie widmete. Ein Grund hierfür war, dass sie in einer Zeit »groß« wurde, in der es für Frauen schwer war, sich als Fotografin hervorzutun. Ihre Karriere begann sie in Berlin. Ihr Umfeld war geprägt von den Künstlern der Weimarer Republik rund um John Heartfield und George Grosz. Bei dem Bauhaus-Dozenten Walter Peterhans lernte sie das Fotografieren. Mit Grete Stern eröffnete sie – sehr fortschrittlich selbst für das Berlin der frühen 1930er Jahre – das Reklame-Fotostudio ringl + pit. Ihre Arbeiten galten als eine bedeutende Innovation in der Porträt- und Werbefotografie, die zahlreiche europäische und amerikanische Künstler beeinflusste. Als Jüdin emigrierte die geborene Rosenberg 1933 mit ihrem späteren Ehemann Walter Auerbach zunächst nach Palästina, dann nach England und schließlich in die USA, wo sie sich in späteren Jahren in New York als Kindertherapeutin spezialisierte. Damit geriet sie auf dem europäischen Markt in Vergessenheit und wurde erst im Rahmen der 70er-Jahre-Exilforschung wiederentdeckt.

Auerbachs heutiger Erfolg ist mitunter das Verdienst von Barbara Klemm, die dafür sorgte, dass ihr fotografischer Nachlass von der Akademie der Künste in Berlin übernommen wurde. Zwolle wählte daraus 130 herausragende, zum Teil unveröffentlichte Fotografien. Dabei wechselt sich frühe künstlerische Dada-Fotografie (Ei des Kolumbus, 1930) ab mit heiterer Reise- oder bedrückender Dokumentarfotografie (Slums in London, 1936) im Stil der Großen Depression. Die unter einem Sonnenschirm am Strand des Michigan Sees sitzende »Fat Lady« von 1938 erinnert an die Seine-Szenen von Henri Cartier-Bresson. Die vier Kinder, die 1940 von einem Uferfelsen in Maine gespannt über den See blicken an Lindgrens »Kinder aus Bullerbü«. Das wohl erotischste Foto der Schau, »Sulphur Bath« (Schwefelbad), zeigt Auerbachs nackte Freundin, kauernd vor der Badewanne, in die sie gerade das Wasser einlässt. Als Print-Edition hat gerade dieses Foto vermutlich schon in so manchem Wohnzimmer, pardon Badezimmer, gehangen.

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