Rezensionen, Buchrezensionen

Zwei neue Biografien über Gabriele Münter

Im vergangenen Jahr sind im DuMont Buchverlag sowie im Aufbau Verlag zwei Biografien über die charismatische Künstlerin Gabriele Münter erschienen. Verena Paul hat die Publikationen für Sie gelesen und miteinander verglichen.

In »Ich Weltkind. Gabriele Münter. Die Biografie« (Aufbau Verlag) zeichnet Gudrun Schury Leben und Werk einer der berühmtesten deutschen Künstlerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach. Die Stärke dieser Biografie liegt vor allem in der klaren Struktur und der Verortung des künstlerischen Schaffens im historischen Kontext. Leider – und das ist aus meiner Sicht zu bemängeln – wirken manche Bezüge zur Gegenwart aufgesetzt und hemmen den sonst so guten Lesefluss. Beispiel eines solch unpassenden und gestelzt wirkenden Einschubs bildet die Gegenüberstellung der Wohn- und Lebensverhältnisse um 1900 mit unserer Lebenswelt: »Bekam eine Malerin beim Arbeiten Hunger, so konnte sie sich nicht mal eben Nudeln kochen, in der Mikrowelle ein Brötchen auftauen oder sich einen Müslijoghurt aus dem Kühlschrank holen. Sie konnte auch keinen Pizzaservice anrufen oder sich irgendwo schnell Burger, Pommes und Cola besorgen.«

Dagegen überzeugt Schury wiederum durch andere sprachlich starke Passagen, die kraftvolle Metaphern beinhalten und gleichzeitig Brücken zum historischen Zeitgeschehen und zu Münters Werk schlagen. So sei die Idylle in Murnau vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges »wie ein zu Boden geworfenes Hinterglasbild« zerbrochen. »Zerbrochen von tausendundeinem Mann. Die tausend Männer trugen das, was man später den Ersten Weltkrieg nannte, in alle Winkel, und der eine Mann [Kandinsky] verließ seinen Winkel, um nie zurückzukehren.« Darüber hinaus spiegeln Schurys klug gewählte Münter-Zitate die vielschichtige Persönlichkeit der Künstlerin sowie deren Lust an Sprachspielen, wie folgendes Zeugma belegt: »und kann mich und den Geldbeutel – das leere Biest – nicht entschließen.«

Während der Bogen mit Vergleichen zu unserer Lebenswirklichkeit – wie bereits erwähnt – bisweilen überspannt wird, gelingt der Autorin mit dieser Schreibmethode im letzten Kapitel jedoch ein schöner Abschluss: In wenigen Sätzen bündelt sie, was am 19. Mai 1962 – dem Todestag Gabriele Münters – in der Weltöffentlichkeit geschah. So habe Maria Callas im Madison Square Garden für John F. Kennedy Arien aus Bizets »Carmen« gesungen, hätten die Beatles sich im Hamburger »Star-Club« auf ihren abendlichen Auftritt vorbereitet und in den Alpen sei Schnee gefallen. Und genau dieses leise Naturspektakel, so der finale Satz, »wäre ein schönes Motiv gewesen für Gabriele Münter.«

Insgesamt kann die Publikation – trotz einiger kleiner sprachlicher beziehungsweise stilistischer Schwächen – überzeugen. Dies resultiert aus der lebendig und kenntnisreich erzählten Lebensgeschichte Gabriele Münters sowie aus den pointierten Werkbetrachtungen der Autorin, die zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der Münterschen Kunst einladen. Schurys Ziel, mit ihrer Biografie »Anstoß zu Kritik, Ergänzung und weiterer Beschäftigung« zu geben, darf deshalb als gelungen betrachtet werden.

Fortsetzung von Seite 1

Mit ihrer Monografie »Gabriele Münter. Die Künstlerin mit der Zauberhand« (DuMont Buchverlag) stellt Karoline Hille »Leben und Werk in ihrer Gesamtheit« dar. Im Zuge dessen würdigt sie Münter als »eine der bedeutenden, innovativen und eigenständigen Persönlichkeiten der Moderne« und richtet das Augenmerk verstärkt auf deren künstlerisches Schaffen »in all seinen vielgestaltigen Facetten«. Die Autorin interessiert, wie sie schreibt, »die einzelne Arbeit ebenso wie die gesamte künstlerische Entwicklung mit ihren Veränderungen, Verweisen und Bezügen, die Stilvielfalt wie auch der Schaffensprozess, das Ringen der Künstlerin um die Form und ihre ›Wütigkeit‹, die Selbsteinschätzung, Kritik und Betrachtung ihrer Arbeit.« Dass sich Hille stark an den Selbstreflexionen Gabriele Münters orientiert, artikuliert sich auch in der Gliederung ihrer Biografie, welche die Struktur des 1948 publizierten Aufsatzes »Gabriele Münter über sich selbst« aufgreift. Indem Karoline Hille die jeweiligen Aufsatzpassagen den Kapiteln ihres Buches voranstellt, intensiviert sie die Nähe zur Künstlerin und die Leser können in deren Gedanken- und Gefühlswelt mitgenommen werden.

Dergestalt darf die vorliegende Monografie als lebendiges Potpourri einer feinfühligen, klugen Frau und großartigen, zielstrebigen Künstlerin bewertet werden, die nicht nur als Malerin, Zeichnerin und Grafikerin, sondern auch als Fotografin eigene Wege beschritten hat. Karoline Hille überzeugt von der ersten bis zur letzten Seite mit einer klaren, ausdrucksstarken und hervorragend zu lesenden Sprache. Zudem lassen ihre bemerkenswert leichtfüßig geschriebenen und kunsthistorisch fundierten Werkbeschreibungen die Leser in magisch verrätselte Bildwelten eintauchen und führen zugleich durch das faszinierende Farbenlabyrinth der Münterschen Kunst. Kurz gesagt: Eine tolles Buch, das ich voller Begeisterung verschlungen habe!

Beiden Biografien gemein ist das Bemühen, die Künstlerin Gabriele Münter aus Kandinskys übermächtigem Schatten hervorzulocken und ihre Kunst von dem ungerechtfertigten Stigma der »Naivität« zu rehabilitieren. Im Vergleich zu Gudrun Schurys Biografie, die den Fokus stärker auf das Zwischenmenschliche denn auf die Kunst Münters richtet oder die Rahmenbedingungen des »Blauen Reiter« intensiver beleuchtet, konzentriert sich Karoline Hille zuvorderst auf das Schaffen der Künstlerin. Dabei gelingen der Autorin präzise Werkanalysen, die an keiner Stelle in eine verklausulierte Wissenschaftlichkeit abdriften, sondern das Wesen einer jeden Arbeit spannend herausarbeiten. Indem Hille ihre Ergebnisse in den Kontext des Gesamtwerkes stellt und mit den Lebensumständen der Künstlerin verknüpft, leistet sie einen wesentlichen Beitrag zur Neuentdeckung und Neubewertung der Kunst Gabriele Münters. Schließlich besaß diese Frau – wie August Brunius in seiner Ausstellungskritik 1916 im Svenska Dagbladet schreibt – ein »außerordentlich saftige[s] Malertemperament«.

Während Hille uns – gerade mit Blick auf ihre kraftvolle, metaphernreiche Sprache – einen wahren Lesegenuss bereitet, gibt es bei Schury Passagen, die den Lesefluss hemmen. Dazu zählen Anmerkungen und Tipps, die mir in einer Biografie etwas deplatziert erscheinen. Beispielsweise, wenn die Autorin über das heutige Gabriele-Münter-Museum berichtet und den – pädagogisch sicher gut gemeinten – Rat gibt: »Besichtigenden Familien könnte man vielleicht empfehlen, Kinder mit dem Zählen von Pferden zu beschäftigen.« Nichtsdestotrotz sind beiden Autorinnen bemerkenswert profund recherchierte Biografien gelungen. Während sich Karoline Hilles »biografische Studie«, so die Bezeichnung der Autorin, in erster Linie an ein kunstinteressiertes (Fach-)Publikum richtet, empfiehlt sich Gudrun Schurys Biografie für eine breitere Leserschaft.

Resümee: Mit »Ich Weltkind. Gabriele Münter. Die Biografie« (Aufbau Verlag) und »Gabriele Münter. Die Künstlerin mit der Zauberhand« (DuMont Buchverlag) sind zwei Biografien erschienen, die ich beide mit großer Freude lesend durchwandert habe. Überzeugt hat mich neben dem umfangreichen Abbildungsmaterial, der klaren Struktur und den wohl dosierten, hilfreichen Informationen primär die behutsame Annäherung an eine charismatische, selbständige und künstlerisch experimentierfreudige Frau. Gabriele Münter hat schon viel zu lange hinter dem großen Namen ihres zeitweiligen Lebensgefährten ein Schattendasein geführt. Infolgedessen blieb die Kraft und Tiefe ihres vielgestaltigen Werkes von Öffentlichkeit und Wissenschaft meist unbemerkt oder wurde verkannt. Indem Gudrun Schury und Karoline Hille eben dieses Manko thematisieren und Leben und Werk Gabriele Münters in ein neues Licht rücken, avancieren sie sowohl für ein interessiertes Publikum als auch für die Wissenschaft zu wichtigen Impulsgebern. Schließlich können die Betrachter der Münterschen Werke, wie August Brunius in seiner Rezension anmerkt, »etwas so Ungewöhnliches wie eine Persönlichkeit« kennenlernen.